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Meine Stadt Raue Sitten in Herrenhausen
Hannover Meine Stadt Raue Sitten in Herrenhausen
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19:13 10.10.2010
Bei einem Mittelalterfest dürfen spannende Schwertkämpfe nicht fehlen. Quelle: Behrens

Von Stefan Gohlisch

Hannover. Vorsicht mit den Kindern. „Ich weiß, sie sind schnell wieder nachgemacht, aber wir haben sie doch lieb“, gibt der Herold zu bedenken. Schließlich beginnen hier gleich die Ritterspiele: Ein Mann, der sich „Heinrich von Herrenhausen“ nennt, hat eine Fehde auszufechten gegen den „Sachsen des Bösen“. Der hat es doch glatt gewagt, ihn des Sitzpinkelns zu bezichtigen. Das kann ein Mann von Ehre nicht auf sich sitzen lassen. Dem rauen Ton folgen raue Sitten, in der sozialverträglichen, unblutigen Variante.

„Einige tausend Besucher“ (genauer konnte es der Veranstalter gestern nicht sagen) sind an diesem goldenen Oktober-Wochenende zum Leibniztempel gekommen, um das goldene Mittelalter zu erleben, beziehungsweise die romantisierte Version der dunklen Zeit.
Zum dritten Mal hatte das Fredener Unternehmen US-Veranstaltungen die Ritterspiele in Herrenhausen organisiert; in Hildesheim, Paderborn und Achim gastiert man dieses Jahr auch. Es floriert: Nächstes Jahr sollen drei weitere Städte hinzukommen: „Der Fankreis wird immer größer“, sagt Mit-Veranstalter Olaf Schulz.

Ritter mit prächtiger Heraldik auf Oberkörper und Rossharnisch sieht man genauso wie Anzugträger samt schniekem Nachwuchs, holde Burgfräulein ebenso wie ganz junge Rittersleut mit Papphelm vom schwedischen Möbelhaus. „Seid begrüßt, lasset es euch gut an Leib und Seele ergehen“ hatte es am Eingang geheißen. Aus allen Ecken hört man nun „Wohlan!“ und „So sei es“.

Ein Mann steht da in Kettenhemd und Helm. Im echten Leben ist er Kaufmann in Hannover, hier taucht er auf als „Gerwin von der Flussaue“. „Hier kann man ein bisschen vom Alltag abtauchen; es ist ungezwungener – mal so ganz ohne Handy und Uhr.“ Außerdem könne er seine Mittelalter-Vorliebe gut mit seinem anderen Hobby verbinden. Was das ist? „Skalden-Epik“, sagt er und überreicht ein gerolltes Stück Papier mit einem Gedicht darauf: „Weltzeitalter steht am Neubeginn, nach Neuem steht mir nun der Sinn …“

Auf vielerlei Weise kann man hier Spaß haben, beim Axt- und Messerwerfen, bei der Falkner-Schau, beim Mäuse-Roulette (in welches Häuschen läuft der Nager?), bei Live-Musik von Bands wie Fabula oder beim mit vier Männerstärken betriebenen Karussell „Wikingerreise“. Ob das historisch korrekt ist? „Das lässt sich schwer nachvollziehen“, doziert Betreiber Lutz Hörner: „Aber das Wirkungsprinzip ist seit Archimedes bekannt.“ Wieder was gelernt.

Seit 2000 ist Hörner, der aus dem Kyffhäuserkreis stammt, auf Mittelalter-Spektakeln unterwegs. Ob man davon leben kann? „Reich wird man nicht damit; es gehört viel Enthusiasmus dazu“, sagt er: „Aber es nährt schon seinen Mann.“ Viele professionelle Händler sind da. Es gibt Kristalle, Leder- und Tonwaren, Hörner, Rüstungen und Waffen aller Art. In den „Heureka“-Tavernen werden Bier, Wein und Met ausgeschenkt. Die Händler lassen es sich gut bezahlen – in Talern. Da die niemand dabeihat, tun es zur Not auch Euro.

„Allerley Dufterey“ gibt es, nicht nur bei der „Schnupperhexe“. Es riecht nach offenem Feuer und Knoblauchbrot, Spießbraten und Seife. Barbier Ulrich Junga verkauft „ungarische Bartwichse“ aus Bremen und „bayerische Bartwichse“ aus Langenhagen. Die öffentlichen Bedürfnisanstalten kommen allerdings von der Chemieklo-Firma. So rau sei es dann doch nicht.

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