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Meine Stadt Bekommt Hannover sein Öko-Dorf?
Hannover Meine Stadt Bekommt Hannover sein Öko-Dorf?
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00:18 15.02.2019
DER MACHER: Mit Ideen, Hartnäckigkeit und dem Sinn fürs Machbare versucht Soziologe Thomas Köhler, Hannover grüner zu gestalten. Quelle: Florian Petrow
Hannover

Zugegeben. Erst einmal klingt es völlig verrückt. Dort, wo jetzt Roma-Familien in Containern leben, dort, wo eine eigentlich abrissreife Schule mehr oder weniger vor sich hingammelt, dort, wo kämpferische Kleingärtner leben, die um jedes Stück Scholle ringen – dort also soll schon 2025 mit elf Hektar die größte Öko-Siedlung Europas mit Kleinsthäusern entstehen? Es gibt tatsächlich nicht wenige Leute in Hannover, die genau das realisieren wollen.

Die Zeit spielt für sie: Mangel an günstigem Wohnraum, endliche Ressourcen und der Klimawandel, der lauter werdende Ruf nach einem genügsameren Leben statt Konsumrausch auf Teufel-komm-raus – das alles beschäftigt sehr unterschiedliche Bürger. Und sehr unterschiedliche Leute sollen möglichst auch das Dorf in der Stadt füllen. Obdachlose sollen feste Dächer über die Köpfe bekommen, Studierende in bezahlbaren Unterkünften wohnen, Familien gemeinsam Gärten bearbeiten und für die Kinder kochen. Aber auch Gutverdiener wie der VW-Manager Manfred Sievers und seine Frau (siehe Text) sehen nicht mehr den Sinn darin, zu zweit in einem 260-Quadratmeter-Haus zu leben.

Kleingärtner befürchten Vertreibung aus dem Paradies

Initiiert wurde die Idee vom Verein Transition Town um ihren Sprecher Thomas Köhler, mit Herz und Seele dazu gestoßen ist der ehemalige grüne Wirtschafts- und Umweltdezernent Hans Mönninghoff. Köhler, der seinen eigenen Verein liebevoll als „Mohrrübenfraktion der Stadt“ bezeichnet, ist mit der Stadt schon länger im Gespräch über eine neue Nutzung der Paul-Dohrmann-Schule in Burg. Hier möchte Transition Town ein sogenanntes Suffizienz-Zentrum errichten mit Erwachsenenakademie und Schule. Das wäre sozusagen das Herzstück des Dorfes. Aber auf dem Wunsch-Areal, das 110.000 Quadratmeter umfasst, sind auch Kleingärten. Bis vor kurzem war die Kleingartensiedlung akut bedroht von der Stadt, die hier eine Wohnbebauung vorgesehen hat – und sich mit wütenden Kleingärtnern auseinandersetzen musste. Also legte die Stadt aus unterschiedlichen Gründen die Bebauung hier erst einmal auf Eis. Jetzt sind Kleingärtner sauer auf Transition Town und Mönninghoff, weil sie die Vertreibung aus ihrem Paradies nun von deren Seite befürchten.

DER MUTMACHER: Hans Mönninghoff unterstützt das Projekt mit Leib und Seele. Er will Leuten ein Dach über dem Kopf verschaffen und gleichzeitig das Klima schützen. Quelle: Florian Petrow

Vielleicht nicht ganz zu Unrecht: „Wir haben zusätzlich 30.000 Menschen in Hannover bekommen“, sagte Mönninghoff kürzlich auf der ersten öffentlichen Veranstaltung zu dem Projekt, die wegen des großen Interesses kurzfristig von einem Raum im Ihmezentrum ins Pavillon verlegt werden musste. „Wir benötigen in der Stadt zusätzlichen Wohnraum und wollen nicht die Tiny-Häuschen in Pattensen oder Bennigsen haben, wo die Leute wieder Autos brauchen“, sagte er – was nicht gerade beruhigend auf damals zwar nicht eingeladene, aber dazu gestoßene Kleingärtner in grünen Protest-T-Shirts („Aktionsbündnis gegen Kleingartenzerstörung“) wirkte. Die Mönninghoff gar des Hasses auf ihre Zunft bezichtigten. Der als Gegenargument darauf aufmerksam machte, dass er mal den „Goldenen Spaten der Kleingärtner“ bekommen hätte, „quasi den „zweithöchsten Orden der Stadt“.

„Wir machen keine Kleingärten platt“

Thomas Köhler machte auf der Veranstaltung eine ähnliche Rechnung wie Mönninghoff auf, schloss aber die Kleingärtner durchaus mit in seine Gedankengänge ein. „Wir sind Transition, wir machen keine Kleingärten platt“, sagte er. „Wir wollen Lösungen finden, wie man in Kleingärten legal wohnen kann.“ Ob dies in Datschen, in Tiny-Häusern oder Bauwagen möglich wäre, ob dafür mehrstöckige günstige Wohnungen errichtet werden würden – das sei alles noch nicht ausgemacht. „Es gibt eine Ansammlung von Ideen und Entwürfen, es gibt ein Szenario, aber noch kein Konzept. Wir gründen erst einmal Arbeitsgruppen, die Vorschläge erarbeiten.“ Der Gedanke sei, „Wohnraum mit Kleingarten zu kombinieren, indem dieses Areal aus dem Kleingartenrecht herausgenommen wird und wo statt Wohnverbot billiger Wohnraum entsteht“.

TINY HOUSE: Solche Häuschenkönnten in einem Ökodorf stehen. Sie haben den Vorteil, mobil zu sein. Quelle: big

Das finden nicht alle Kleingärtner schlecht, im Gegenteil, Reinhard Martinsen, Vizechef des Bezirksverbandes der Kleingärtner mit eigener Parzelle in der Leineaue , findet die Idee eines Ökologischen Dorfes in der Stadt super. Der 70-Jährige hatte immerhin mehr als 30 Jahre bei der Stadt Umweltplanung gemacht, hatte zur Expo das ökologische Konzept des Kronsberges zu verantworten. „Mein Herz schlägt für solche Projekte, wäre ich noch 30, wäre ich auch dabei.“ So mischt er immerhin in einer der neun Planungsgruppen mit, nämlich der von Mönninghoff geleiteten Arbeitsgruppe mit dem Oberbegriff „Stadtplanung, Quartiersentwicklung und Stadtpolitik“. Martinsen hält aber den Standort in Burg für ungeschickt, „hier sind drei gut funktionierende Kleingartenvereine, an ihnen kommt Transition Town nicht vorbei. Dadurch würde das ganze schöne Projekt scheitern“, sagte er der NP. Er schlägt dafür ein fast gleichgroßes Areal in Kronsberg-Nord vor. „Da gibt es ein riesiges Baufeld,da gibt es Infrastruktur auch mit Grundschule, Freizeitzentrum – da könnte man auch ein Suffizienzzentrum mit einbauen, da müsste man sich nur mal mit anderen absprechen.“ Dort könnte man auch Wohnungsbaugenossenschaften mit ins Boot holen, die den Anteil an Wohnungen günstig vermieten, die dann eben kein Eigentum seien. Mehr als 700 Interessierte gibt es immerhin schon für das Projekt, 256 würden Mieter, 227 Tiny-Häuslebauer werden wollen.

Lesen Sie auch: Manager, Coaches, Obdachlose – Diese Menschen träumen vom Öko-Dorf in Hannover

Die Stadt zeigt sich aufgeschlossen

Die Stadt zeigt sich übrigens „gegenüber jeder Form des Wohnens aufgeschlossen, sofern sie die Vorgaben des Bundes- und Landesrechts berücksichtigt“, erklärte Sprecher Dennis Dix gegenüber der NP. Kleingartenflächen würden aber für die Umwandlung in Wohngebiete allerdings in absehbarer Zeit nicht zur Verfügung stehen. „Denn die vorgezogene Entwicklung und Umsetzung von großflächigen Bebauungsgebieten wie Kronsberg-Süd, Wasserstadt-Limmer, ehemaliges Oststadtkrankenhaus etc. hat Vorrang und somit die Auswirkung, dass die Freimachung von Kleingarten-Flächen für Wohnbauprojekte gegenwärtig nicht weiter umgesetzt wird.“ Das wird die Kleingärtner in Vinnhorst wohl beruhigen und das Öko-Dorf zumindest dort erst einmal nicht realisieren lassen. Denn Dix stellt noch einmal klar: „Damit kommt das von den Initiatoren zunächst dafür ausgesuchte Areal (Burgweg) in nächster Zeit nicht für das Projekt infrage.“ Die Fläche Vinnhorster Weg sei zwar weiter im Kleingartenkonzept 2016 für die Entwicklung von Wohnbebauung vorgesehen, werde aber vorerst nicht umgewandelt.

Verloren ist damit nichts, das Ecovillage kann kommen. Die Frage ist, wo: Nach Kenntnis der Stadt seien die Projektverantwortlichen nicht mehr auf die Fläche in Burg fixiert. „Im direkten Gespräch mit den Projektinitiatoren sollen demnächst die Möglichkeiten für Tiny-Houses erörtert werden“, kündigt Dix an.

Mehr zum Thema: www.ecovillage-hannover.de

Von Petra Rückerl

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