Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Pflegehorror: „Oma Hanni war kurz vor dem Verdursten“
Hannover Meine Stadt Pflegehorror: „Oma Hanni war kurz vor dem Verdursten“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:01 11.03.2018
Sollte sich nur von einer Krankheit erholen: Oma Hanni stirbt im Pflegeheim.   Quelle: privat
Hannover

 Oma Hanni (71) hatte sich wider Erwarten von ihrem Nierenversagen erholt. Die Ehefrau ihres Enkels, Christina Schubert (31), stieß bei der Suche für eine Kurzzeitpflege auf das Alloheim in Hannover. „Am Telefon hat man mir viel versprochen“, sagt sie. Ein Arzt sei ständig abrufbereit, man sei auf die Pflege schwergewichtiger Patienten spezialisiert, es sei immer ausreichend Personal vorhanden. Christina Schubert wohnt im Ruhrgebiet, hat zwei kleine Kinder. Sie musste sich auf das telefonische Versprechen verlassen.

Oma Hanni sei kurz vor dem Verdursten gewesen

Am 3. Juni 2017 kam Oma Hanni ins Alloheim in der Rotermundstraße (Vahrenwald). Am 13. Juni war die Seniorin nicht mehr ansprechbar. Am 5. Oktober verstarb sie nach zwei Operationen im Nordstadtkrankenhaus. „Der Notarzt hat aufgeschrieben, dass Oma Hanni kurz vor dem Verdursten war“, erzählt Christina Schubert. Auf ihrem Gesäß befanden sich faustgroße Druckgeschwüre (Dekubiti). Die zuckerkranke Seniorin habe keine Dekubiti gehabt, als sie aus dem Krankenhaus entlassen worden sei. „Das geht eindeutig aus den Arztunterlagen hervor“, sagt die 31-Jährige.

Trauert um Oma Hanni: Christa Schubert hätte die 71-Jährige gerne zu sich geholt. Quelle: privat

Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt nach einer Anzeige von Christina Schubert wegen fahrlässiger Tötung gegen einen Pfleger des Alloheims. Ein medizinischer Gutachter muss jetzt klären, ob Pflegefehler vorgelegen haben und ob die todesursächlich waren.

Den Erzählungen von Christina Schubert zufolge ist Oma Hanni überhaupt nicht gepflegt worden. „Ihr Mann kam jeden Tag aus Gifhorn angefahren, um ihr beim Essen zu helfen.“ Er habe die Pfleger darauf hingewiesen, dass seine Frau nicht in der Lage sei, sich die Getränke selbst zu nehmen. Dennoch war die Frau nach einigen Tagen dem Verdursten nahe.

Katastrophale Hygieneverhältnisse im Pflegeheim

Pflegefachkräfte habe sie nie auf der Station 3 des Alloheims gesehen. Lediglich eine Pflegeschülerin sei dort gewesen. Die hygienischen Verhältnisse seien katastrophal gewesen. Der Boden habe geklebt. Als Christina Schubert Oma Hanni drei Tage nach der Einlieferung besuchte, habe die Seniorin immer noch dasselbe Hemd angehabt wie am ersten Tag. „Sie war blutverschmiert.“ Die 71-Jährige hatte sich Hautstellen aufgekratzt. Ihre Haare seien verfilzt gewesen. „Die dreckige Wäsche war in den Kleiderschrank gestopft. Die Mülleimer waren voll mit Mullbinden“, erinnert sich Christina Schubert. Auf Nachfrage, ob die für Diabetiker so wichtige Fußpflege stattgefunden habe, hörte Christina Schubert nur: „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ So als sei Pflegedokumentation ein Luxus.

Oma Hanni verkraftet den Aufenthalt im Pflegeheim nicht

Nach elf Tagen war die Seniorin fast zu Tode gepflegt. „Sie lag im Delirium, war nicht mehr ansprechbar“, erklärt die 31-Jährige. Nach einigen Tagen im Nordstadtkrankenhaus und einer gezielten Flüssigkeitszufuhr ging es der Seniorin besser. Doch da waren noch die Druckgeschwüre. Zwei Operationen waren nötig. Die Narkosen, die lange Liegezeit und die schweren Schmerzmittel waren dann doch zuviel. Aus dem Plan, die liebenswerte Frau zu sich holen, und ihren letzten Lebensabschnitt so schön wie möglich zu gestalten, wurde nichts.

Christa Schubert fordert Schadensersatz

„Die Pflegeleitung im Alloheim hat sämtliche Schuld von sich gewiesen“, erinnert sich Christina Schubert. Gegenüber der NP erklärte eine Unternehmenssprecherin: „Wir befinden uns derzeit in einer rechtlichen Auseinandersetzung mit der Bevollmächtigten. Daher möchten wir uns nicht weiter zu dem Sachverhalt äußern. Staatsanwaltliche Ermittlungen gegen Alloheim sind uns nicht bekannt.“ Christina Schubert versucht Schadensersatz für den Ehemann von Oma Hanni einzuklagen. „Es geht um ein Schuldbekenntnis und Wiedergutmachung“, sagt sie. Und: „Wenn man solche Vorkommnisse nicht öffentlich macht, ändert sich nie etwas.“

Von Thomas Nagel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige