Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Obdachloser mit Pflasterstein fast totgeschlagen
Hannover Meine Stadt Obdachloser mit Pflasterstein fast totgeschlagen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 26.03.2017
DER TATORT: Hier in der Ecke des Kinoeingangs wurde der 41-jährige polnische Obdachlose mit einem Pflasterstein attackiert.   Quelle: Nancy Heusel
hannover

 Am Abend strömten hier noch die Kinobesucher hinaus, um kurz vor Mitternacht lag ein Mann blutend und mit schweren Kopfverletzungen in einer Ecke am Eingang des Raschplatz-Kinos: Der 41-jährige Pole war mit einem Pflasterstein attackiert worden. Der Obdachlose wurde von einer Passantin entdeckt, die sofort die Beamten in der gegenüberliegenden Polizeistation informierte. Die leisteten Erste Hilfe bis der Rettungswagen eintraf, in der Klinik wurde der Mann notoperiert – er schwebt in Lebensgefahr. Die Polizei stellte den Pflasterstein sicher und teilte mit, „dass der Auffundort auch der Tatort ist“, so Sprecherin Kathrin Pfeiffer.

Identifiziert wurde der Mann von anderen Obdachlosen, die den Polen „Darek“ nennen. Die Polizeibeamten waren mit einem Foto des Opfers in die Szene gegangen, um dessen Identität zu ermitteln. Ob Darek sein richtiger Name ist, blieb unklar. „In der Szene laufen viele Dareks und Mareks herum“, erzählt Sozialarbeiter Achim Teuber vom Kontaktladen Mecki am Raschplatz.

Es ist beileibe nicht der erste Fall von Gewaltkriminalität gegen Obdach- und Wohnungslose am Raschplatz. „Allerdings gibt es in Hannover nicht übermäßig viele Übergriffe – in Ostdeutschland ist Gewalt von Rechten auf klassische Wohnungslose weitaus mehr verbreitet“, berichtet Teuber. Und er sagt auch: „Es gehört schon eine gewisse Geistesverfassung dazu, sich über einen hilflosen schwachen Menschen herzumachen.“

Teuber mag sich nicht vorstellen, dass der Osteuropäer Opfer eines internen Streits unter Trinkern geworden ist, zumal schon einiges dazugehört, einen Pflasterstein gegen einen lebendigen Menschen einzusetzen. Aber natürlich gebe es auch Streit innerhalb der Trinkerszene und natürlich mit der Drogenszene, die ebenfalls in und um den Raschplatz vertreten ist.

Homogen ist auch nicht die Obdachlosenszene, erklärt Thomas Eichler, Vertriebsleiter der sozialen Straßenzeitung „Asphalt“. „Die Szene wechselt nach Uhrzeit. Abends sind mehr Nordafrikaner da, tagsüber kommen im Wechsel Osteuropäer und Deutsche.“

Wer „Platte macht“, sich also einen Unterschlupf für die Nacht sucht, habe zwei Möglichkeiten, so Teuber. „Entweder man versteckt sich so, dass man nicht gefunden wird. Oder man sucht sich eine halbwegs beleuchteten Eingang in der Hoffnung, bei einem Angriff Hilfe zu bekommen.“ Der 41-jährige Pole habe ja in dem Eingang gelegen, als er attackiert wurde.

Was mag den Mann in die Trinkerszene gebracht haben? „

„Die wollten alle ein besseres Leben, manche sind bereits seit Jahren hier.“ Es komme auch auf die Realitäten im Heimatland an. „Als die russische Schwarzmeerflotte zusammenbrach, hatten wir hier lauter russische Musiker in der Stadt.“ Aktuell käme der Großteil der osteuropäischen Obdachlosen aus Polen, auch aus Litauen, zunehmend würden Weißrussen und Russen in Hannover landen.

Für den Absturz stünde – wie bei deutschen Obdachlosen – nicht selten Trennung oder Scheidung am Anfang. „Die sind als Paar gekommen, haben hier gearbeitet, einer ist dann abgestürzt“. Es gebe auch viele, „die lange schwarz gearbeitet haben“ und damit keine Arbeitsnachweise hätten. Die meisten hätten natürlich keine Krankenversicherung.

Betroffen zeigte sich Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes: „Der Angriff auf einen osteuropäischen Obdachlosen am Raschplatz zeigt, dass es oft die Schwächsten der Gesellschaft trifft.“ Er forderte alle Bürger auf „den Anblick von Elend“ zu ertragen und zu helfen, wenn jemand in Not sei. „Da ist jeder Einzelne von uns gefordert.“

Von petra rückerl

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!