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SÜSS UND AUCH GEFÄHRLICH: Nicht nur ein Löffelchen, sondern große Mengen Zucker finden sich in unseren Lebensmitteln. Oft weiß man das gar nicht.

SÜSS UND AUCH GEFÄHRLICH: Nicht nur ein Löffelchen, sondern große Mengen Zucker finden sich in unseren Lebensmitteln. Oft weiß man das gar nicht.

Ernährung

Null Prozent Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse?

Ungesunde Ernährung ist oft billig, gesunde dagegen teurer. Mit der Forderung nach einem Wegfall der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse soll sich das ändern, meint Foodwatch-Chef Martin Rücker. Außerdem will er das Agrarministerium abschaffen.

hannover..  Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch, fordert die Abschaffung eines eigenen Bundeslandwirtschaftsministeriums und eine 0-Prozent-Mehrwertsteuer auf frisches Obst und Gemüse.

Vor der großen Koalition ist nach der großen Koalition. Waren Sie zufrieden mit der letzten Regierung Merkel?

Ernährungs- und verbraucherpolitisch ist wenig passiert. Dabei war der Koalitionsvertrag gar nicht ganz schlecht. Da wurde mehr Transparenz in der Lebensmittelüberwachung versprochen, bessere Produktkennzeichnung. Nichts davon wurde umgesetzt. Beim Thema Übergewicht durch falsche Ernährung hat die Regierung komplett versagt. Es gab keinen Mut, sich mit der Lebensmittelwirtschaft anzulegen, was aber nötig wäre.

Gibt es das in anderen europäischen Ländern?

Schon eher. Frankreich führt eine Farbkennzeichnung für Nährwerte ein, Großbritannien eine Herstellerabgabe auf besonders zuckerhaltige Getränke. Damit wird Geld eingenommen, das zweckgebunden in die Gesundheitsförderung fließt. Zudem führen steuerlichen Maßnahmen dazu, dass Hersteller ihre Rezepturen verändern und den Zuckergehalt reduzieren.

Nun haben es die fettleibigen Briten auch nötig …

… wie die Deutschen! In Großbritannien allerdings ist der ökonomische Druck größer, weil das Gesundheitssystem dort steuerfinanziert ist. Bei uns es beitragsfinanziert.

Hat sich nicht sogar die Süßwarenindustrie für eine Lebensmittelampel ausgesprochen?

Das ist der neuste Lobby-Trick von Coca-Cola, Mars, Nestlé & Co. Sie wissen, dass die Ampel verständlich und beliebt ist. Nun wollen sechs Großkonzerne ihre eigene Ampel EU-weit durchsetzen. Ihr Trick: Sie geben die Nährwerte für irreführend kleine Portionen an – denn je kleiner die Portion, desto weniger Zucker ist drin. Die Original-Ampel würde selbst bei Nutella, das zu fast 90 Prozent aus Zucker und Fett besteht, natürlich rot zeigen. Die Industrie-Ampel steht dagegen auf gelb, das sieht schon fast gesund aus. Würde man ein Stück reinen Kandiszucker als Bonbon verkaufen, wäre sogar da die Industrie-Ampel gelb, was für einen „mittleren“ Zuckergehalt steht.

Sollte man eine Zuckersteuer einführen?

Heute fördern wir eher eine ungesunde Ernährung. Das müssen wir auch durch Fiskalpolitik umdrehen. Die neue große Koalition sollte gesunde Ernährung günstiger machen und die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse ganz abschaffen. Zudem sollte sie dem britischen Vorbild folgen und eine Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke erlassen.

Nun gibt es nicht nur Cola & Co. …

Ja, wir müssen auch mehr tun, um gesunde Ernährung zu fördern. Die meiste Lebensmittelwerbung, gerade die gezielt an Kinder gerichtete, bezieht sich auf ungesunde Produkte. Das hat einen Grund: Die Umsatzrenditen auf Süßes, Softdrinks, Snacks bewegen sich bei 15 Prozent, mit frischem Obst und Gemüse kann man Gewinnmargen von vielleicht fünf Prozent erzielen. Die Unternehmen verdienen mehr mit ungesunder Ernährung und kämpfen bereits in der Schule um Marktbindung. Deshalb fordern wir ein Werbeverbot für unausgewogene Lebensmittelprodukte, die sich an Kinder richten.

Der Verbraucherschutz wurde unter Merkel nicht gestärkt. Was ist zu tun?

Die Interessen der Wirtschaft werden ganz offensichtlich höher bewertet als die Interessen der Bevölkerung. Darin liegt eine Gefahr für die Demokratie. Die Alltagsprobleme müssen ernstgenommen werden. Als erstes Signal sollte eine neue Koalition die Verbraucherpolitik vom Agrarministerium trennen. Wir brauchen ein Verbraucherministerium, aber kein Landwirtschaftsministerium für Klientelpolitik. Es gibt keine andere Branche, die so herausgehoben am Kabinettstisch sitzt. Diese Wirtschaftssparte könnte man dem Wirtschaftsministerium zuordnen.

Finden Sie Ansätze dazu in den Sondierungspapieren?

Nein. Dort findet sich nicht einmal das, was vom vorherigen Koalitionsvertrag liegengeblieben ist. Was dort unter Verbraucherschutz steht, ist so dünn wie in keinem anderen Politikfeld. Dann kommt noch das staatliche Tierwohl-Label – und das sollte am besten gestoppt werden. Wir haben den Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz. Das heißt: Jedes Tier muss so gut und vor allem gesund gehalten werden wie möglich. Das Tierwohl-Label aber ist freiwillig und betrifft nur einen kleinen Teil der Tiere. Eine Scheinlösung, die der Debatte über echte Lösungen in der Tierhaltung im Weg steht.

Von petra rückerl

Mediziner: "Zucker ist das neue Rauchen"

Mediziner und Wissenschaftler haben den Anfang Januar vorgestellten Ernährungsreport des Bundeslandwirtschaftsministeriums scharf kritisiert. Auch Thomas Danne, Professor im Kinderkrankenhaus Auf der Bult. „Wenn ich eine Telefonumfrage bei 1000 Leute mache und mir fast alle sagen, gesundes Essen sei wichtig, dann wundert mich das nicht. Aber das entspricht nicht der Ernährungsrealität in Deutschland“, meint der Diabetologe aus Hannover.

Die Umfrage spiegele in keiner Weise die Ess- und Ernährungsgewohnheiten der deutschen Bevölkerung wider, erklärte auch die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG)  in Berlin. Nach wie vor stiegen die Zahlen übergewichtiger Menschen mit ernsten ge­sundheitlichen Folgen. Ein starkes Übergewicht sei einer der Hauptrisikofaktoren für die Entstehung von Diabetes Typ 2. Nach Ansicht der Diabetes-Fachleute wird in der Umfrage der Zusammenhang zwischen Übergewicht und hohem Konsum von Zucker, Fett und Salz ausgeblendet und bagatellisiert. Es entstehe der Eindruck, die Deutschen ernährten sich ausgewogen und ge­sund. Statt wirkungsvolle Maßnahmen wie ein Werbeverbot für Kinderlebensmittel, die Einführung einer Zucker- und Fettsteuer oder die Am­pelkennzeichnung von Lebensmitteln gegen den fortschreitenden Anstieg von Übergewicht zu ergreifen, präsentiere Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) „belanglose Zahlen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben“, rügte DDG-Präsident Dirk Müller-Wieland.

Ein Lob für Agrarminister Christian Schmidt (CSU) hat Kinderarzt Danne dann doch: „Ich finde es gut, dass er die Einführung des Schulfachs Ernährung fordert“, so Danne zur NP. Allerdings sei das ein Lippenbekenntnis, denn „das ist Sache der Bundesländer, so etwas könnte Niedersachsen einführen“. Schmidt solle sich lieber bemühen, dass die Kantinenbetreiber in Schulen und Kindertagesstätten dazu verpflichtet würden, „die gültigen Qualitätsstandards der deutschen Gesellschaft für Ernährung einzuhalten“ (siehe Internethinweis). Das sei noch wichtiger als ein Schulfach, denn „im täglichen Alltag lernen die Kinder ausgewogene Ernährung kennen und entwickeln dann gesunde Ge­schmacksvorlieben“. Zu häufig erlebe er in Schulkantinen den Einsatz von zu viel Zucker, Fett und Salz.

„Zucker ist das neue Rauchen“, den Spruch findet Danne gut, weil „die Antirauchkampagne ja sehr erfolgreich ist“. Beim Rauchen habe es geholfen, dass man  unschuldigen Nichtrauchern Schutz ge­währen wollte: „Ge­nauso müssen wir jetzt die Jungen und Mädchen schützen, die noch kein Übergewicht haben.“ Also Kinder, die nur ihren Durst stillen wollten, aber „dafür ihren täglichen Kalorienbedarf zu sich nehmen, wenn sie zuckerhaltige Getränke bekommen“.   

 
Allerdings würde man die Zuckeranteile oft nicht bemerken, weil Zucker als Ge­schmacksverstärker eingesetzt würde „und das oft gar nicht ausgewiesen ist“. Schon deswegen fordert auch Danne ein Werbeverbot für Kinderlebensmittel: „Der Fruchtzwerg ist eine Zuckerbombe, das wissen nur viele Eltern nicht.“ Eine Zucker- und Fettsteuer fände der Kinderarzt denn auch sinnvoll.rue


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