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00:17 09.12.2017
ANDRANG: Die Kältehilfeaktion beim Kontaktladen Mecki am Raschplatz stieß auf großes Interesse.
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Hannover

 Heiße Suppe hat Heiko schon im Bauch, zum Nachtisch gibt es Do­senbier und eine Zigarette. Der wohnungslose 53-Jährige sieht zufrieden aus. „Solche Aktionen könnte es ruhig öfter geben“, sagt er mit einem Lächeln. Um ihn he­rum befreundete Mitstreiter. An der Wand hinter ihm lehnt ein nagelneuer Schlafsack mit Isomatte. Den gab es sozusagen zu Nikolaus – bei der großen Kältehilfeaktion des Arbeiter-Samariter- Bundes (ASB) in Hannover: Mehr als 80 Liter Suppe und 350 Schlafsäcke verteilten Helfer am Raschplatz vor dem Kontaktladen Mecki.

Bitterkalt ist es dem Thermometer nach eigentlich nicht – aber der Wind pfeift ungemütlich über den Raschplatz. Bei so einem Wetter möchte jeder schnell ins Warme. Doch nicht jeder kann das. Etwa Hannovers Obdachlose, je nach Schätzungen zwischen 1100 und 4000 Männer und Frauen. Manchmal heißt „ins Warme“ dann einfach nur in den Schlafsack. Wenn man einen hat.

Heiko und sein Kumpel Oliver (45) wissen, wie es sich anfühlt, bei deutlichen Minusgraden draußen zu schlafen. „Am besten legt man sich unter einen Balkon. Da ist man ein bisschen geschützt“, sagt Oliver. „Pappe drunter und dann zudecken. Mit allem, was geht“, fügt Heiko hinzu. Einschlafen könne man dann schon. „Aber irgendwann wachst du wieder auf. Und dann ist dir richtig arschkalt“, sagt er und lacht heiser. Im Moment muss sich der 53-jährige Hamburger, der seit knapp zehn Jahren in Hannover lebt, darüber aber mal keine Sorgen machen. „Ich komme nachts wo unter“, sagt er und trinkt einen Schluck.

Überhaupt ist die Stimmung bei den Gästen des ASB gelöst, kalter Wind hin oder her. Die Aktion hat sich herumgesprochen, und es haben sich bereits lange Schlangen gebildet, als die ASB-Helfer noch schnell die 80-Euro-Preisschilder von den neuen Schlafsets – bestehend aus Isomatte und Schlafsack – abreißen. Eine Stunde später sind bereits 70 der 350 Sets verteilt und schon 20 Liter des Hühner- und Kartoffelsuppenvorrates verzehrt. „Läuft super“, freut sich Larissa Ahlers, die die Aktion für den ASB in Hannover organisiert hat. Als Teil einer bundesweiten Kältehilfe-Kampagne gemeinsam mit dem Outdoor-Artikel-Händler Globetrotter: „Die Schlafsäcke sind sehr be­gehrt. Aber es ist auch bitter nötig, dass man etwas unternimmt. Viele Notunterkünfte sind überfüllt, es gibt oftmals nicht genug Plätze für alle Bedürftigen. In Hannover le­ben immer mehr Menschen auf der Straße, daher wollten wir schnell und pragmatisch helfen.“ Schließlich satt und mit einem Schlafset versorgt, können die Besucher noch das Zahnmobil und weitere medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen. Sogar ein Barbier bietet neben dem Suppenstand seine Dienste an. Einen Service, den Castro (55) gern in Anspruch nimmt: Er lässt sich seinen stolzen, graumelierten Vollbart stutzen, während der Frisiermantel im Wind flattert. „Aber nicht zu viel“, sagt er und zwinkert vergnügt: „Man soll mich auf den Fahndungsfotos noch wiedererkennen.“

Hannover, sieben Grad, windig: Die Laune ist gerade mal gut.

Von Simon Polreich

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