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Meine Stadt NP in der Todeskugel von Zirkus Flic Flac
Hannover Meine Stadt NP in der Todeskugel von Zirkus Flic Flac
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19:27 15.03.2013
Der Test: NP-Reporterin Jana Meyer hat hinter Johnny Platz genommen. Gleich gehts los. Quelle: Petrow
Hannover

Ich will die Motorräder in der Kugel nicht dröhnend an mir vorbeiziehen sehen. Ich will selbst mitfahren in der Todeskugel des Zirkus Flic Flac. Pavel Horbacz schaut skeptisch. „Zu riskant“, sagt er. Der Chef der tollkühnen Motorradartisten des „Globe of Speed“ sollte es wissen: Seit 2001 fährt der 34-Jährige mit bis zu acht Männern atemberaubende Kombinationen in dem runden Eisenkäfig – aktueller Weltrekord.

Doch ich lasse nach der ersten Abfuhr nicht locker – und werde belohnt. Johnny soll mich auf dem Sozius seiner Maschine mitnehmen. Es kribbelt in meinem Bauch. Ich will in die Kugel. Es ist als würde sie mich anziehen. Dann bin ich drin. Sie ist größer als von außen vermutet. Trotzdem fühle ich mich irgendwie gefangen.
Der 26-Jährige Brasilianer und seine PS-starke Maschine warten bereits auf mich. Ich soll Probesitzen. „Es ist vollkommen anders, wenn man jemanden mitnimmt“, erklärt Pavel mir.

Foto: Petrow

Dann sitze ich hinter Johnny. Er schwitzt. Ich auch. Erste Zweifel steigen in mir auf als wir vor und zurückrollen. Ich habe Angst und umklammere Johnnys Brustkorb fest. „Sei entspannt“, sagt er auf Englisch und lacht. „Ich muss noch atmen können“. Sein Lachen beruhigt. Und ich sage mir: Er ist ein Profi. Dann kommt sein okay. Er machts. Es wird ernst. Mittlerweile zittern auch meine Hände. Jetzt fehlen noch Helm und Schutzkleidung. Pavel leiht mir seine. Ich spüre die Blicke der anderen Motorradprofis, die meinem Wagnis von außen zusehen.

Nun gibts kein zurück. Mein Mund ist fürchterlich trocken. Durchatmen und wieder aufsitzen. Ich spüre wie sich die Vibrationen der Maschine auf meinen Körper übertragen. Mein Herz klopft wie wild in meiner Brust. Mittlerweile tobt in mir ein emotionaler Sturm. Dann gibt Pavel das Startzeichen – und Johnny gibt Gas. Erste Schrecksekunden, mein Kopf fühlt sich leer an. Ich höre entfernt Pavels Stimme: „Höher“. Wir werden schneller. Die Fliehkräfte drücken mich stärker in den Sattel. Wir ziehen immer höhere Bahnen – am Ende sind wir fast zwei Meter hoch. Verdammt hoch für mich. Ich spüre die Höhe und die Geschwindigkeit. Plötzlich wird meine Angst überlagert von einer Welle des Glücks. Es ist wie ein Rausch. Als wir am Boden der Kugel zum stehen kommen, verstärkt sich mein Hochgefühl weiter. Ich habe das Gefühl zu schweben. Jetzt weiß ich, warum das Spiel mit der Gefahr süchtig machen kann. Es ist die Belohnung danach.

Aber hat ein Routinier wie Pavel Horbacz überhaupt noch Angst? „Ohne Angst in die Kugel zu gehen, wäre verrückt“, erklärt der 34-Jährige. Angst mache wachsam. Nur die kleinste Unaufmerksamkeit kann bereits fatale Folgen haben. „Bei uns ist das alles aber schon automatisiert wie bei anderen das Autofahren“, gibt er zu. Im Training passieren immer wieder kleine Unfälle. „Das Risiko muss man in Kauf nehmen, sonst machst Du keine Fortschritte“. Doch der Pole hatte auch schon einen schwereren Unfall. 2005 stieß er beim Start während einer Show in Hamburg mit einem Mitfahrer zusammen. Er musste mit schweren Prellungen und Blutergüssen ins Krankenhaus und zwei Wochen pausieren. Doch anstatt übers Aufhören nachzudenken, war die Wartezeit für ihn fast unerträglich. „Die Kugel ist wie ein Magnet für mich – nicht hinein zu dürfen war schlimm.“ Der Nervenkitzel alleine ist es jedoch nicht: es sind auch die Zuschauer. „Wenn Du hörst das alle jubeln und klatschen ist das ein großartiges Gefühl: dann bist Du absolut glücklich“. Zum Abschied scherzt Pavel: „Wenn wir einen zehnten für die Kugel brauchen, rufen wir Dich an“. Aber nur als Mitfahrerin.

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