Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt NP beim Nachlassgericht: „Es gibt immer einen Erben“
Hannover Meine Stadt NP beim Nachlassgericht: „Es gibt immer einen Erben“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 28.09.2018
Das „Meisterstück“: Aletta Eichenauer hält im Nachlassgericht einen aufwendig recherchierten Stammbaum in den Händen. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Aletta Eichenauer sitzt an ihrem Schreibtisch im ersten Stock des Amtsgerichts Hannover. Die 66-jährige Leiterin des Nachlassgerichts hat ihre Arme so weit ausgebreitet wie es nur geht. In den Händen hält die Rechtspflegerin ihr aktuelles „Meisterstück“. 

Das besteht aus rund einem Dutzend sorgfältig zusammengeklebter DIN-A-4-Blätter. Auf den weißen Bögen hat die Beamtin, die seit 47 Jahren im Amtsgericht am Volgersweg beschäftigt ist, einen Stammbaum skizziert. 

Mit roten und blauen Kugelschreibern. Sorgfältig und übersichtlich. Mit gelbem Textmarker, mit römischen und arabischen Ziffern. Dazu Fragezeichen, viele Häkchen, kleine und große Pfeile. 

Dass Ahnenforschung eines der Hobbys der extrem erfahrenen Justizmitarbeiterin ist, hat ihr beim Erstellen des Strahlendiagramms geholfen. Auch ein freiberuflicher professioneller Erbenermittler war eingeschaltet und lieferte wichtige Fakten für diesen außergewöhnlich komplizierten Stammbaum. 

Wer ist der Erbe? Wo ist er? Und nimmt er das Erbe an?

Eichenauer, die eine Abteilung leitet, für die zwei Richterinnen, sechs Rechtspflegerinnen, ein Rechtspfleger und elf Service-Kräfte arbeiten, erläutert den Hintergrund des besonders kniffligen Erbfalls: 

Eine Hannoveranerin war im Alter von 89 Jahren gestorben. Kinder hinterließ die Witwe nicht. Ebenso wenig ein Testament. Dafür aber mehrere 100 000 Euro. 

„Es gibt immer einen Erben“, betont Eichenauer und lehnt sich in ihrem Sessel zurück. „Die Frage ist nur: Wer ist es? Wo ist er? Und: Nimmt er das Erbe an?“ 

Letzteres sei in Hannover immer seltener der Fall. „60 Prozent der Erben schlagen das Erbe aus“, sagt die Abteilungsleiterin. Dieser Wert sei in den vergangenen Jahren gestiegen. Die 66-Jährige vermutet: „Es gibt immer mehr Schulden und immer weniger familiäre Bindungen.“ 

Schulden sind der häufigste Grund fürs Ausschlagen eines Erbes

Manche Erben hätten 50 Jahre keinen Kontakt zum Verstorbenen gehabt. „Eigentlich erschreckend“, gibt die Beamtin zu bedenken. Aber in rund 95 Prozent aller Fälle seien Schulden der Grund dafür, dass Begünstigte ihr Erbe ausschlagen. Darauf hätten übrigens alle ein Recht – jedenfalls sechs Wochen lang, nachdem sie vom Erbfall erfahren hätten. 

Doch zurück zum (Todes-)Fall der reichen Witwe. „Die hatte eine sehr weitläufige Verwandtschaft“, kommentiert Eichenauer die umfangreichen Ermittlungen. Details darf sie natürlich nicht verraten; nur so viel: „Geerbt hat unter anderem ein Urgroßkind einer Schwester des Vaters der Verstorbenen.“ Und: Es gab auch einen Erben, der einen 864-stel Anteil erhalten hat. 

Alle potenziellen Erben werden vom Nachlassgericht angeschrieben. Manchmal kämen dann Antworten wie: „Den Verstorbenen kennen wir gar nicht“ oder „Den haben wir noch nie gesehen“. Die Abteilungsleiterin fügt hinzu: „Man erfährt hier auch von heftigen Schicksalen – aber man darf das nicht an sich rankommen lassen.“

Rund 10 000 Fälle bearbeiten die 20 Kräfte vom Nachlassgericht jährlich, darunter seien etwa 4000 Testamente. Der Rest entfalle beispielsweise auf Erbscheine, Ausschlagungen, Testamentsvollstreckerzeugnisse und Nachlasspflegschaften. „Die Zahl der Fälle steigt seit Jahren kontinuierlich leicht an“, sagt Eichenauer. Das habe beispielsweise seit dem Mauerfall zu tun mit diversen Grundstücksangelegenheiten. 

Ist ein Erbfall unklar oder müssen Erben erst ermittelt werden, dann kümmere sich das Nachlassgericht: „Das Erbe wird gesichert“, betont Abteilungsleiterin Eichenauer. Ein sogenannter Nachlasspfleger werde bestellt. 

Schulden übernimmt das Land nicht

Diese freiberuflichen Kräfte, die im Auftrag des Amtsgerichts unterwegs sind, kündigen beispielsweise die Wohnung des Verstorbenen, melden Auto, Telefon, Internet ab. Auch durchsuchen sie die Wohnung genau. „Von Interesse ist: Gibt es Wertsachen, gibt es Hinweise auf Angehörige, gibt es ein Testament?“ Nachlasspfleger sichern auch Werte, zum Beispiel bei der Bank, oder sie verkaufen Autos der Verstorbenen. 

Und, wie im Fall der reichen 89-jährigen Witwe, werde manchmal auch ein professioneller Erbenermittler eingeschaltet, um mit seinen Ergebnissen eine detaillierte Ahnenreihe erstellen zu können. Die Arbeit von Nachlasspflegern und Erbenermittlern werde stets vom Gericht geprüft. 

Dessen Arbeitsplätze sind zwar mit Computern ausgestattet, aber ein Großteil der Akten-Arbeit geschieht unverkennbar noch analog. Auf dem großen Schreibtisch der Abteilungsleiterin stehen unter anderem ein Dutzend Stempel, zahlreiche Akten, es gibt eine Gummibandsammlung am Schreibtischlampenschirm, ein Stempelkissen neben der Computermaus, eine Nachfüllpackung Heftklammern neben dem Bayern-München-Anspitzer.

Fußball-Fan Eichenauer hatte vor knapp fünf Jahrzehnten eigentlich bei der Polizei Karriere machen wollen. Sie sei aber zu klein gewesen, berichtet die Beamtin, die erst 2019 mit 67 Jahren in Pension gehen will. 

Bis dahin wird sich die 66-Jährige hauptberuflich weiter mit Nachlässen beschäftigten. Ist übrigens mal kein Erbe zu ermitteln, dann bekommt alles – der Staat. 

Was bei den Fällen des Nachlassgerichts am Amtsgericht Hannover bedeutet: das Land Niedersachsen. Eichenauer fügt hinzu: „Aber Schulden übernimmt das Land nicht. Das ist so Gesetz.“

Von Andreas Körlin

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!