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NP-Serie Kabinettsrunde Wie läuft es besser in unseren Schulen, Herr Tonne?
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16:17 17.06.2018
Der Kultusminister: Grant Hendrik Tonne will mehr Erzieher und mehr Lehrer einstellen- Quelle: Wilde
Hannover

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD).

Herr Minister, Sie haben ein Kind im Kindergarten und drei in der Schule. Gehen Sie noch zu Elternabenden?

Momentan nicht. Das schaffe ich zeitlich nicht. Das fällt derzeit meiner Frau zu.

Wie ist denn das für Sie als Minister, in der Kita und den Schulen Ihrer Kinder wird ja auch nicht alles toll sein. Haben Sie sich da schon mal Akten kommen lassen?

Auch die haben mit Herausforderungen zu kämpfen, da fällt auch mal Unterricht aus, ja. Aber die Lehrkräfte und das Kita-Personal dort sind mit unheimlichem Engagement bei der Sache – und ich glaube, das ist bei den allermeisten Kitas und Schulen in Niedersachsen so. Und Ak­ten werde ich mir dazu ganz bestimmt nicht kommen lassen, das geht nicht. Ich be­mühe mich, dass das, was zu Hause passiert, privat ist. Ich möchte am Frühstückstisch mit den Kindern nicht über Arbeit reden.

Eine Dauerfrage ist die Unterrichtsversorgung an den Schulen in Niedersachsen. Werden Sie im kommenden Jahr die 100 Prozent schaffen?

Ich kann es nicht versprechen, aber ich verspreche harte Arbeit für das Ziel. Ich kann heute keine realistische Zahl verkünden. Da ändern sich ständig die Werte. Wir sind mitten in dem Einstellungsverfahren. Aber es ist so, dass wir auch im kommenden Schuljahr eine herausfordernde Situation haben werden. Wir haben derzeit 2000 Lehrerstellen ausgeschrieben, und wir tun alles, diese auch zu besetzen. Da muss jetzt alle Energie reingehen, nicht in die Diskussion, ob irgendwo möglicherweise etwas fehlt.

Hat der Mangel an Grundschullehrern auch mit dem Gehalt zu tun? Sind Sie dafür, Grundschullehrern genauso viel zu bezahlen wie Gymnasiallehrern?

Wir möchten Verbesserungen bei der Besoldung der Grundschullehrer. Natürlich geht es da auch um viel Geld, wir müssen Jahr für Jahr gucken, was wir uns als Land auch leisten können.

Das heißt?

Wir werden einen Stufenplan vorschlagen, den wir auch einhalten können. Wann wir damit beginnen können, kann ich derzeit noch nicht sagen. Wir müssen uns das Gehaltsgefüge bei den Lehrkräften insgesamt anschauen und dabei auch Fragen wie zum Beispiel das Abstandsgebot bei der Besoldung von Grundschul- und Gymnasiallehrkräften klären.

Lassen Sie uns in die Schulen blicken. Vom Jahr 2016 auf 2017 sind viel mehr Straftaten und Übergriffe auf Lehrer in Niedersachsen angezeigt worden. Sie betonten, es gebe eine „Null-Toleranz-Strategie“ gegenüber Kriminalität, was heißt denn das?

Das heißt, dass es an unseren Schulen keine Option gibt: Straftaten müssen an­gezeigt werden. Wir wollen das deutliche Signal setzen, dass nichts unter den Teppich gekehrt werden darf.

Grant Hendrik Tonne

* 22. Juni 1976 in Bad Oeynhausen (Nord-rhein-Westfalen). Nach dem Abitur im Jahr 1995 studierte Tonne Rechtswissenschaften an der Universität Bremen. 1996 trat er in die SPD und in die Jusos ein und übernahm zeitweilen den Vorsitz des Juso-Unterbezirks Nienburg/Weser. 2007 ließ er sich als Rechtsanwalt in Stolzenau nieder. Dort arbeitete er, bis er 2017 zum Kultusminister ernannt wurde. Tonne ist mit Monika Tonne-Herrmann verheiratet. Mit ihr hat er drei Töchter und einen Sohn. In seiner Freizeit spielt er gern Tischtennis und sammelt Briefmarken.

Warum sollte man denn nicht anzeigen?

Es mag vor Ort aus völlig unterschiedlichen Gründen Überlegungen geben, einen Schüler nicht anzuzeigen und zu sagen, wir versuchen, das anders zu regeln, schulintern mit pädagogischen Möglichkeiten zu reagieren. Aber diese Überlegung kann es bei Kriminalität nicht geben. Straftaten müssen angezeigt werden. Hier ist es richtig, den Schulen die Entscheidung abzunehmen. Wir können aber noch nicht sagen, ob es an Schulen mehr Delikte gibt oder ob eben wegen der klaren Ansage, dass angezeigt werden muss, auch mehr bekannt werden.

Wissen Sie, ob es bei der Kriminalität Schwerpunkte gibt, etwa in Großstädten oder in großen Schulen?

Das können wir derzeit nicht sagen, wir werden mit dem Innenministerium die Daten noch genauer analysieren. Ergebnis muss sein, zu erkennen, wie wir vermeiden können, dass es zu Straftaten kommt.

Die höheren Zahlen tauchen kurz nach der großen Flüchtlingswelle von 2015 auf. Gibt es einen Zusammenhang mit geflüchteten Kindern?

Wir haben dafür keine Anzeichen.

Bei den Übergriffen auf Lehrer kommt uns ein altmodisches Wort in den Sinn. Sind Lehrer eigentlich noch Respektspersonen?

Auch das Bild des Lehrers hat sich verändert. Sind Lehrer noch Respektspersonen? Ich glaube, an der Stelle haben wir in der Tat einen Einbruch, wie bei Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften auch. Da sind wir gut beraten, dem auch in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Mein Eindruck ist, dass wir es uns als Gesellschaft oft zu leicht machen und sagen, dieses oder jenes Pro­blem muss die Schule lösen. Schulen können aber nicht jede Fehlentwicklung ausgleichen. Die Hauptverantwortung für die Entwicklung eines Kindes haben immer noch die Eltern. Dieser schleichende Prozess führt wohl an der einen oder anderen Stelle dazu, dass manche Eltern sagen, da soll sich die Schule kümmern. Das stärkt die Autorität von Lehrern und Erziehern auch nicht. Liebe Eltern, auch ihr seid in der Verantwortung!

Wir erleben in Deutschland gerade einen politischen Rechtsruck. Gleichzeitig hat eine Umfrage ergeben: 41 Prozent der Schüler ab 14 Jahren wissen nicht, dass Auschwitz ein Vernichtungslager war.

Wir müssen immer überlegen, wie wir auch diesen Teil der deutschen Geschichte präsent halten können. Die Zeitzeugen werden immer weniger. Gedenk- und Lernorte werden daher immer wichtiger. Das Dritte Reich ist im Politik- und Geschichtsunterricht ein bedeutendes Thema. Wir haben in Niedersachsen wegen des Engagements aus der Schülerschaft auch rund 300 „Schulen ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

Muss sich jetzt am Unterricht etwas verändern?

Nein, ich denke, die Grundlagen sind vorhanden, ich würde nicht sofort sagen, dass sich da etwas verändern muss. Aber wir haben zum Beispiel die Mittel deutlich aufgestockt, damit viel, viel mehr Schulklassen Bergen-Belsen besuchen können.


In Niedersachsen werden Kitas jetzt gebührenfrei. Warum soll eigentlich ein Medizinprofessor oder ein Kultusminister nicht mehr für den Kindergartenplatz bezahlen?

Wir haben seit Jahren dafür gekämpft, dass Bildung kein Luxusgut sein darf und gebührenfrei zu gewährleisten ist, von der Kita bis zur Uni. Wir kommen in Teufels Küche, wenn wir jetzt wieder anfangen, Unterschiede beim Einkommen zu ma­chen. Und wo wäre denn eigentlich die gerechte Grenze zwischen zahlen und nicht zahlen? Wir müssen aufhören, uns über Extreme zu unterhalten. Die Beitragsfreiheit entlastet vor allem die Mitte der Gesellschaft. Und es geht nicht fairer, als alle zu entlasten.

Es gibt Stimmen, die sagen, es wäre wichtiger gewesen, das Personal in den Kitas aufzustocken, statt die Gebühren abzuschaffen.

Wir wollen mehr Erzieher in den Kitas, wir wollen die dritte Kraft vorantreiben, wir haben Hoffnung, dass der Bund das Geld dafür verstetigen wird. Aber auch da hilft es nicht, etwas zu beschließen, wenn es das Personal gar nicht gibt. Aber wir arbeiten auch daran, mehr Erzieherinnen und Erzieher ausbilden.

Sie sagen, Bildung muss kostenlos sein. Unterricht wird immer digitaler, Schüler brauchen teure Computer. Die kann nicht jeder bezahlen, da ist doch Schluss mit der Gerechtigkeit. Müsste nicht auch diese Technik für alle Kinder kostenlos sein?

Diese Frage müssen wir schnell klären. Es ist gut, dass mit digitalen Endgeräten gearbeitet wird, das muss auch verstärkt möglich sein. Wir müssen tatsächlich gucken, wie das für alle ge­hen kann. Zuerst muss der Bund das versprochene Geld liefern. Wir müssen uns auch mit den Schulträgern, also den Städten und Gemeinden, darüber verständigen, was die technische Ausstattung sein soll. Wir befragen da gerade alle Schulen im Land, wie die Ausstattung ist, der Kenntnisstand der Lehrer und was die Schulen sich wünschen.

Und die Eltern müssen die teure Technik bezahlen, womöglich alle zwei, drei Jahre ein neues Tablet?

Wir müssen gewährleisten, dass alle Kinder den gleichen Zugang haben, auch die Kinder, die das nicht einfach von zu Hause mitbringen können. In der Tat, es darf im Unterricht nicht vom Zufall abhängen, ob ein Kind mitmachen kann oder nicht, da darf in Niedersachsen kein Kind ausgeschlossen werden. Wer ein Tablet braucht, muss auch eines bekommen. Ob am Ende das Land bezahlt oder Städte und Gemeinden Geld dazugeben, darüber müssen wir reden.

Von Mandy Sarti und Dirk Altwig

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