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NP-Serie Kabinettsrunde Braucht die MHH eine neue Struktur, Herr Thümler?
Hannover Meine Stadt NP-Serie Kabinettsrunde Braucht die MHH eine neue Struktur, Herr Thümler?
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00:17 18.06.2018
Im Gespräch: Mandy Sarti und Dirk Altwig sprechen mit Minister Björn Thümler über die MHH, die Landarztquote und Digitalprofessuren. Quelle: Foto: Heusel
Hannover

Dieses Mal mit Björn Thümler (CDU), Minister für Wissenschaft und Kultur.

Herr Minister, ein Thema, das uns ja schon länger beschäftigt, ist die Medizinische Hochschule (MHH). Für die muss jetzt ein neuer Präsident gefunden werden, weil Professor Baum nicht zurückkehrt. Glauben Sie, dass es der Wirbel um die MHH erschwert, einen Nachfolger zu finden?

Nein, die MHH verfügt international über einen ausgezeichneten Ruf und ein großes Renommee. Ich bin überzeugt, dass die Findungskommission eine gute Wahl treffen wird.

Haben Sie bei der Wahl des Präsidenten einen besonderen Wunsch?

Ich glaube, dass man der Findungskommission da nicht zu sehr ins Handwerk pfuschen darf. Die Stelle ist ausgeschrieben, Bewerbungen liegen vor, und Bewerbungsgespräche finden statt. Am Ende wird es eine gute Entscheidung für die MHH geben, damit sie sich weiter nach vorne entwickeln kann.

Ist das nötig?

Weiterentwicklung und Fortschritt sind immer notwendig. Gerade der Bereich der Humanmedizin ist ständig in Bewegung. Wenn es uns gelingt, in der Krebsforschung, der Chirurgie und in anderen Bereichen weiterzukommen, dann sind wir da noch besser aufgestellt.

Sehen Sie die Uni-Kliniken in Hannover und Göttingen als Konkurrenten?

Nein. Für das Land steht die bestmögliche medizinische Versorgung der Menschen in Niedersachsen im Vordergrund. Die MHH und die UMG sind Maximalversorger, die eine hohe Bedeutung für die Gesundheitsversorgung in Niedersachsen haben. Beide Universitätskliniken leisten Krankenversorgung und Forschung auf höchstem Ni­veau. In ihrer jeweiligen Schwerpunktsetzung ergänzen sie sich sehr gut.

Stichwort Baumängel: Wird es Aufgabe des neuen Prä­sidiums sein, eine neue Fehlerkultur zu etablieren?

Ein neues Präsidium bringt immer auch Veränderungen mit sich. Dafür sollte man offen sein, auch in Bezug auf die Struktur der MHH. Als Landesbetrieb bewegt sie sich in einem gewissen Rahmen, der an einigen Stellen eben auch Grenzen setzt, die andere Kliniken dieses Formats nicht haben. Darüber muss man nachdenken. Die UMG zum Beispiel hat hier als Stiftung mehr Spielraum.

Für Sie stellt sich also die Frage, ob man aus der MHH eine Stiftung macht? Das ist vor Jahren gescheitert.

Ich habe gegenüber dem Senat der MHH angeregt, über mögliche alternative Rechtsformen nachzudenken und sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob eine solche Veränderung für die – auch internationale – Weiterentwicklung der MHH hilfreich sein könnte.

Da stellt sich doch aber die Frage, ob sich die Bedingungen für die Mitarbeiter verschlechtern?

Wenn man sich entscheiden würde, die Rechtsform der MHH zu ändern, hätte das für die einzelnen Mitarbeiter keine Konsequenzen. Sie würden zu gleichen Bedingungen übernommen.

Bei der MHH steht das Großprojekt Neubau bevor. Wieso ist eigentlich noch keine Entscheidung über den neuen Ort getroffen worden?

Um eine Entscheidung über den Standort treffen zu können, müssen verschiedene Aspekte berücksichtigt werden. So muss zum Beispiel ein Verkehrsgutachten für die Anbindung der beiden im Raum stehenden Varianten erstellt werden.

Wann ist denn mit einer Entscheidung zu rechnen?

Ich hoffe, dass wir sie bis Ende des Jahres treffen können. Ansonsten wird es im ersten Quartal 2019 so weit sein.

Also ungefähr ein Jahr später als zunächst angestrebt?

Die Ankündigungen meiner Amtsvorgängerin waren in diesem Punkt übertrieben optimistisch, um es vorsichtig zu formulieren.

Apropos medizinische Versorgung: Ärzte fehlen überall. Was wollen Sie tun, um mehr Studienplätze zu schaffen?

Es gibt eine Fehlverteilung von Ärzten: Teilweise gibt es eine Überversorgung an Fachärzten. In Sachen Studienplätze haben wir mit der Universitätsmedizin Göttingen und dem Klinikum Braunschweig eine Absichtserklärung zur Etablierung eines „Klinischen Campus Braunschweig der Universitätsmedizin Göttingen am Klinikum Braunschweig“ geschlossen. Ziel ist es, die Teilstudienplätze, die wir aktuell in Göttingen im Be­reich Humanmedizin haben, in Vollstudienplätze umzuwandeln. Derzeit verlassen 60 bis 100 Studierende Göttingen nach dem ersten, vorklinisch-theoretischen Studienabschnitt und gehen in andere Bundesländer oder ins Ausland, weil die klinischen Kapazitäten der UMG für die Fortsetzung ihres Studiums nicht ausreichen. Wir verschwenden hier seit Jahren Geld, denn die Studierenden kommen in der Regel nicht wieder. Ab dem Wintersemester 2020/21 sollen deshalb mindestens 60 Studierende pro Jahr nach dem ersten Studienabschnitt in Göttingen am Standort Braunschweig ihr klinisches Studium abschließen können. Zusätzlich wollen wir in Oldenburg bis zu 140 neue Plätze aufbauen.

Geht das so schnell?

Nein, das funktioniert nur stufenweise. Für den vollständigen Aufwuchs an Medizinstudierenden in Oldenburg müssen noch zusätzliche räumliche Kapazitäten wie Hörsäle, Seminarräume und Forschungsflächen errichtet werden. Ein weiteres Ziel ist es, den Modellstudiengang in Oldenburg noch internationaler zu gestalten. Immerhin ist er mit Groningen als Partneruniversität der einzige grenzübergreifende Studiengang in Deutschland und Europa im Medizinbereich.

Gerade im ländlichen Raum ist der Mangel an Hausärzten enorm. Es wird immer häufiger die Forderung nach einer Landarztquote laut. Bewerber mit einem weniger guten Abitur könnten studieren, wenn sie sich verpflichten, über einen gewissen Zeitraum als Hausarzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Was halten Sie davon?

Ich halte nichts davon, Studierende dazu zu zwingen, sich zu Beginn ihres Studium für einen Bereich entscheiden zu müssen. Erst im Studium durchlaufen die Studierenden die unterschiedlichen Fachbereiche der Medizin und entwickeln dadurch oft ganz neue Interessen. Ich halte eine solche Quote für einen Eingriff in die Berufsfreiheit.

Was wäre dann ein geeignetes Mittel, die Studierenden dazu zu motivieren, Landarzt zu werden?

Viele wollen nicht selbst und ständig die Verantwortung in einer ländlichen Praxis tragen. Sie wollen auch mal Freizeit haben, um Familie und Beruf vereinbaren zu können. Vielmehr möchten sie als Angestellte in Gemeinschaftspraxen arbeiten, in denen die Dienste aufgeteilt werden. Deswegen glaube ich, dass wir im ländlichen Raum akzeptieren müssen, dass es nicht mehr den einen Hausarzt gibt, sondern sich Ärzte zusammenschließen.

Björn Thümler

* 22. November 1970 in Brake (Niedersach­sen). Nach dem Abitur 1990 in seiner Ge­burts­stadt leistete Thümler seinen Wehr­dienst in Oldenburg ab. Im Jahr danach begann er sein Studium in Hannover und Oldenburg – er studierte Politikwissenschaft und Geschichte. Schon 1986 trat er der CDU und der Jungen Union bei und übernahm vier Jahre später den Vorsitz. Seit 2003 ist er Mitglied des Niedersächsischen Landtages. Bevor er im November 2017 das Ministerium für Wissenschaft und Kultur übernahm, war er Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag. Thümler ist verheiratet und Vater einer Toch­ter.

Es stehen auch andere Hochschulen im Fokus. Sie setzen sich für Digitalprofessuren ein. Was soll das sein?

Damit wollen wir die Grundlage für den Ausbau bedarfsgerechter Studienangebote unter anderem in Themenfeldern wie Data-Science, Künstliche Intelligenz oder IT-Sicherheit schaffen. Doch es sind nicht nur die IT-Spezialisten, die händeringend gesucht werden. Der digitale Wandel bringt nicht nur Chancen und Möglichkeiten mit sich, er birgt zugleich ganz neue Risiken und Herausforderungen. Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem digitalen Wandel um? Inwieweit wird sie unsere Arbeitswelt verändern? Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf unser Zusammenleben, und wie können wir diesen Einfluss steuern und kontrollieren? Das alles sind Fragen, die den zunehmenden Einsatz digitaler Technologien in nahezu allen Lebensbereichen be­gleiten müssen. Es geht also nicht nur um rein „technische“ Fragen, sondern auch um Reflexionswissen. Die neuen Digitalisierungsprofessuren sollen sich deshalb ausdrücklich nicht auf die technischen Fächer be­schränken. Hier sind die Sozial- und Geisteswissenschaften gefragt.

Wie viele Professuren sollen es insgesamt werden?

Wir wollen 2019 mit den ersten Professuren starten und im Laufe der Legislaturperiode das Programm ausweiten. Wie viele es werden, entscheidet der Landtag als Haushaltsgesetzgeber.

Wird es in Zukunft auch digitale Vorlesungen geben?

Das wird ganz sicher die Zukunft sein. Ein Beispiel: An der rechtswissenschaftlichen Fakultät hatten wir bis zum vergangen Jahr einen Professor, der aufgrund der Größe seines Seminars dazu gezwungen war, die Veranstaltung online zu geben. Für die Studierenden war schlicht kein Platz im Vorlesungsgebäude. Natürlich wurde er ins kalte Wasser geschmissen, aber am Ende hat es funktioniert. Allerdings müssen wir uns parallel noch intensiver mit den passenden Vermittlungsmethoden beschäftigen.

Gibt es das Risiko, dass die Leute das Denken verlernen, weil man sich so viel um das Digitale kümmert?

Der digitale Wandel wird natürlich auch von Ängsten begleitet. Im Grunde sind wir kreative Geschöpfe, die selbst denken und entscheiden wollen. Wenn wir uns durch die Technik in unserem Alltag immer weiter fremdsteuern lassen, ist das natürlich schwierig. Auch das ist ein Thema für die Digitalisierungsprofessuren. Zugleich hat das Internet inzwischen auch Bedeutung als „politisches Werkzeug“ erlangt. Es kann damit etwa zum Instrument politischer Organisation, aber auch Wahlbeeinflussung oder Zen­sur werden. In solchen Fragen müssen wir als de­mokratischer Staat wachsam bleiben.

Von Dirk Altwig und Mandy Sarti

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