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NP-Serie 50 Jahre 68er UJZ Kornstraße: Jugendliche kämpfen um autonome Zentren
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15:44 04.06.2018
HANNOVER

 Natürlich ist auch in der Kornstraße in der Nordstadt die Zeit nicht stehen geblieben. Ein halbes Jahrhundert hinterlässt Spuren. Dennoch, auf dem Hof des ersten Unabhängigen Jugendzentrums Hannovers erinnert vieles an die Anfangszeit. „Den Eingang erkenne ich wieder, auch die Fassade. Und natürlich das Lachen der Kinder aus dem Kinderladen“, sagt Michael Vester. Der angesehene Politikprofessor, mittlerweile im Ruhestand, war damals häufig hier. Als Vorsitzender des Vereins für angewandte Sozialarbeit, dem offiziellen Träger des UJZ, war er ein Aushängeschild. Zumindest für die offizielle Seite. Für die Jugendlichen war er oft eher der Prellball.

Gegründet wurde das UJZ 1972, da war 1968 bereits vier Jahre her, die Jugendlichen als eigentliche Klientel hatten damals noch in den Kinderschuhen gesteckt und eher rudimentäre Erinnerungen an den vermeintlich revolutionären Aufbruch. Und eigentlich hatten sie auch andere Interessen.

Doch hatte die bundesweite Jugendzentrumsbewegung dort ihre Wurzeln. Zwar war die politische Bewegung der 68er bereits zersplittert, doch es hatte sich die Erkenntnis breit gemacht, dass man die jugendliche Freizeitkultur nutzen sollte, um Menschen über ihre Alltagserfahrungen für Politik zu interessieren.

Der 1939 geborene Vester war da schon ein alter Hase im politischen Geschäft. Bereits als Schüler hatte er sich engagiert und war 1960/61 Bundesvize des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Er studierte in Frankfurt Soziologie und wurde danach von Peter von Oertzen nach Hannover geholt. Hier lehrte er ab 1971 an der Technischen Universität politische Wissenschaft.

Das zunächst eigentlich unpolitische Phänomen der Jugend- und Freizeitkultur war zur Basis einer breiten Bewegung geworden, der antiautoritär geprägten Sponti-Kultur. Die neue linke Politik setzte bei der Veränderung des Alltagslebens an, Jugendzentren kam da eine wesentliche Bedeutung zu. Laut Vester gab es bundesweit etwa 1000 Initiativen, auch in Kleinstädten, aus denen sich rund 300 Jugendzentren dauerhaft etablieren konnten.

„Der Gedanke lag schon lange in der Luft“, sagt er. „Er kam um 1970 aus Frankfurt im Zuge der antiautoritären Bewegung und der sozialistischen Sozialarbeit.“ In Hannover zeigte sich die Kommunalpolitik stur. Nach einem Konzert der Polit-Rockband „Ton, Steine, Scherben“ eskalierte die Situation. Etwa 300 Jugendliche besetzten im Dezember 1971 ein leer stehendes Fabrikgebäude in der Arndtstraße, um dort ein autonomes Jugendzentrum einzurichten. Die Stadt reagierte mit einem massiven Polizeieinsatz und ließ das Gebäude räumen.

Doch die Initiative ließ sich davon nicht beeindrucken, auch in anderen Stadtteilen nahm die Jugendzentrumsbewegung Fahrt auf. In der Nordstadt kam es zur Verbindung mit Gruppen aus dem linken Spektrum und der Kriegsdienstverweigererszene, die schon länger ein sozialistisches Zentrum gründen wollten.

Der Club Voltaire war gescheitert. „Er war stark in die Finger der DKP geraten und hatte wichtige Ereignisse verpennt“, erinnert sich Vester. Ein Treffpunkt wurde das Freizeitheim Linden. Kurzzeitig gab es am Engelbosteler Damm auch die sozialistische Kneipe „Langer Marsch“. Doch bislang waren alle Versuche der Etablierung eines sozialistischen Zentrums letztlich an politischen Streitereien gescheitert.

In dem im Sommer 1972 gegründeten UJZ Kornstraße sollten diese beiden Strömungen der linken Szene nun zusammenkommen. „Man musste politisch Druck machen“, so Vester, „und das war nur durch das Zusammengehen möglich.“

Das Gebäude in der Nordstadt wurde zunächst gepachtet und 1987 dann gekauft. 2011 wurde auch das Nachbargebäude gekauft. Für die Geschäftsfähigkeit aber war ein Trägerverein nötig.

Das UJZ war auf Solidarität angewiesen. Es ging um Akzeptanz, vor allem aber auch um finanzielle Förderung. In dieser Frage blieb der Rat zunächst zurückhaltend. Vester war einer der am besten vernetzten linken Wissenschaftler in der Stadt – und hatte nützliche Kontakte. „Wir brauchten Leute, die etwas von Politik und Institutionen verstanden“, sagt er. „Ich hatte die Rolle eines Vermittlers.“ Es gelang. Mitarbeiter der Uni engagierten sich, ebenso linke SPDler und andere Gruppen, die soziale und technische Kompetenzen einbrachten. Aus dem Kreis der Intellektuellen kam die Idee eines Buchladens. Der Internationalismus-Buchladen fand hier seine erste Heimat.

Der Gegenwind ließ nicht lange auf sich warten – und Vester stand als Repräsentant des UJZ im Kreuzfeuer insbesondere rechter CDU-Kreise. „Man machte mir den Vorwurf, ich wäre ein übler Brunnenvergifter“, berichtet er. Er prozessierte und gewann. „Ich durfte und wollte mich nicht in eine kriminelle Ecke stellen lassen. Ich konnte mir keinen Fleck auf meiner Weste leisten, sonst hätte ich meine Rolle nicht spielen können.“

Die Stimmung im Rat aber wendete sich, insbesondere in der SPD, nicht zuletzt dank einer massiven Eintrittswelle. Insbesondere Sozialdezernent Klaus Beste aber war ein entschiedener Gegner des linken Jugendzentrums, wurde dann aber von der SPD im Rat überstimmt. Ab 1973 bekam das UJZ städtische Fördergelder für Sachmittel und zwei Sozialarbeiterstellen.

Plötzlich aber sollten möglichst in allen Stadtteilen Jugendzentren entstehen, mit der Glocksee sogar ein weiteres UJZ. Einrichtungen, so Vester, die der Kornstraße das Wasser abgraben sollten. „Die Verwaltung hatte aber auch Angst vor weiteren Hausbesetzungen“, sagt der Forscher. 1973 war für einige Monate am Dohmeyers Weg in Kleefeld eine ehemalige Schule besetzt und zu einem UJZ umfunktioniert worden, etwas später kurzzeitig auch der Bunker am Welfenplatz.

Doch in der Kornstraße begann der Alltag. In gewisser Weise ein Spagat. „Wir mussten versuchen, verschiedene, sehr heterogene Gruppen zu integrieren“, so Vester. Neben den politischen Initiativen, dem Buchladen und dem Kinderladen kamen vor allem Jugendliche ins UJZ, die nicht organisiert waren. Fast zwangsläufig kam es zu Widersprüchen zwischen politischem Anspruch und der praktischen Sozialarbeit.

Vester: „Die Jugendlichen sollten ihre Interessen erkennen und auch, dass es gut sei, sich zu organisieren.“ Dazu gab es zahlreiche Angebote, vom Fußballspiel über die Elektrowerkstatt bis zu gemeinsamen Freizeiten. Nur das politische Bewusstsein wollte nicht so richtig wachsen, und den Intellektuellen wurde misstraut. „Die nahmen uns als verlängerten Arm der Stadt wahr. Das war ziemlich skurril.“

Hinzu kamen weitere Konflikte. Insbesondere vor dem Hintergrund des eskalierenden RAF-Terrorismus gab es erneut Angriffe durch Beste. „Die konnten wir aber noch mal abwehren und klar machen, dass wir zwar links waren, aber Terrorismus nicht unterstützten.“

Vester zog sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre mehr und mehr zurück, widmete sich anderen Projekten. Die Kornstraße aber ist bis heute ein Zentrum der linksalternativen Jugendbewegung geblieben, auch wenn sich die Themen mit der Zeit änderten. Die Anti-AKW-Bewegung fand hier ein Zentrum, in den 1980ern kamen die Punks und die Chaos-Tage, auch die Besetzer des Sprengel-Geländes waren hier verankert.

Heute sind die Kurden ein zentrales Thema, was wiederum die alten Reflexe der Konservativen auslöst. Es gab eine Razzia und mittlerweile eingestellte Ermittlungen wegen vermeintlicher Unterstützung der verbotenen PKK. Die CDU forderte im Einklang mit der AfD einmal mehr die Einstellung der Förderung.

Doch von der Jugendzentrumsbewegung als solcher ist nach Vesters Ansicht sehr viel mehr geblieben. „Die Initiativen haben die politische Landschaft der Jugendarbeit nachhaltig geprägt“, ist er überzeugt. „Heute ist es aber auch für junge Leute selbstverständlich, ihre Interessen selbst zu vertreten.“ Spuren, die sich auch aktuell noch in der Kornstraße wiederfinden, was Vester eine „richtige Genugtuung“ verschafft. „Auch dass die Jugendlichen hier noch ein wenig widerborstig sind.“ Das UJZ Kornstraße sei ein Beispiel für eine Integrationspolitik gewesen, die man gerade jetzt gebrauchen könnte. „Mit Berührungsängsten ist uns nicht gedient.“

Von Andreas Krasselt

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