Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
NP-Serie 50 Jahre 68er Straßenkampf um die "Bild"-Blockade
Hannover Meine Stadt NP-Serie 50 Jahre 68er Straßenkampf um die "Bild"-Blockade
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 01.06.2018
Rudi Dutschke: Die Schüsse auf ihn lösten auch in Hannover große Proteste aus. Quelle: Petrow
Hannover

Der Straßenkampf gegen die "Bild"-Zeitung mitten in Hannover - lesen Sie hier den Original-Zeitungsbericht der HP vom 16. April 1968.

Es geschah am Gründonnerstag 1968 in Berlin: Der Hilfsarbeiter Josef Erwin Bachmann lauerte dem Studentenführer Rudi Dutschke vor dem Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm auf und verletzte ihn mit mehreren Schüssen schwer. Der aus Peine stammende Attentäter gab später an, Dutschke sei Kommunist – und er hasse Kommunisten.

Ich leistete zu der Zeit in der Scharnhorstkaserne in Bothfeld meinen Wehrdienst ab und freute mich auf ein langes Wochenende: Osterdienstbefreiung! Meine Freundin, die in Hamburg studierte, hatte sich für Karfreitagabend zum Besuch angesagt. Doch es sollte anders kommen. Das Berliner Attentat hatte mich wie viele meiner Freunde schwer erschüttert – und wir waren überzeugt, dass die reißerische Berichterstattung vor allem der Bild-Zeitung über die Studentenproteste für diesen Akt brutaler Gewalt mitverantwortlich war.

Auslieferung von "Bild" blockieren

„Bild hat mitgeschossen“, so lautete einer der Slogans des Tages, ein anderer: „Haut dem Springer auf die Finger!“ Schon am Karfreitagnachmittag waren wir in der Stadt unterwegs, verteilten Flugblätter in Jugendkneipen und riefen zur Teilnahme an der für den Abend geplanten Protestdemonstration vor dem Gebäude der Hannoverschen Presse an der Goseriede auf, der Vorgängerzeitung der NP. Wie in vielen anderen Städten der Republik sollte auch in Hannover die Auslieferung von „Bild“ blockiert werden.

Gedruckt wurde eine Teilauflage von „Bild“ bei der Hannoverschen Druck- und Verlagsgesellschaft (HDVG), einer Tochter der sozialdemokratischen Presseholding Konzentration GmbH, in der auch die damalige „hp“ erschien. Nach und nach fanden sich Hunderte von Demonstranten ein, verteilten sich vor den Zufahrten zum Verlagshaus (den heutigen Verdi-Höfen) an der Goseriede und der Odeonstraße. Viele Angehörige der linken hannoverschen Apo-Szene wie der SDS-Straßenagitator Manfred Lauermann waren dabei, aber auch ein mir damals noch unbekannter Juso-Unterbezirkschef namens Herbert Schmalstieg, der spätere Oberbürgermeister Hannovers.

Die Demonstranten ließen zu, dass die “hp“ per Hand durchs Fenster in Vertriebsfahrzeuge verladen werden durfte, nicht aber die Bild-Zeitung. Nach einigen Stunden der Duldung erklärte ein Polizeisprecher die Demo zu einem illegalen Auflauf und forderte die Blockierer auf, sich in Richtung Nikolaistraße zu entfernen. Ich blieb aus Solidarität neben dem Tor zur Goseriede sitzen.
Wasserwerfer fuhren auf. Auch ich wurde nass, wähnte mich von Polizisten umzingelt und rannte weg in Richtung Steintor. Freunde erzählten mir später, dass der Fluchtweg zur Nikolaistraße weiter offen gewesen sei. Aber ich hatte die Übersicht verloren, landete in einer Grünen Minna und wurde zum Polizeigefängnis in der Hardenbergstraße verfrachtet.

Was für eine Nacht: Zu fünft saßen wir nun da – in kleinen Einzelzellen auf Betonbänken, frierend und  durchnässt. Gleich nebenan saß Manfred Lauermann ein und skandierte in seinem vom Straßenkampf vertrauten Agitationsstakkato: „Wir wollen Kaffee! Wir wollen Kaffee! Wir werden der Polizei ein Ultimatum stellen!“

Hat nichts gebracht. Nach und nach wurde jeder von uns vernommen, erkennungsdienstlich behandelt und danach entlassen. Draußen standen etliche Freunde und auch meine Freundin, die in der leeren Wohnung vergeblich auf mich gewartet hatte.

Verhöre bei der Bundeswehr

Für mich war die Geschichte damit freilich nicht zu Ende. Gleich beim ersten Morgenappell in der Kaserne hieß es: „Gefreiter Krische, raustreten!“ Was folgte, waren drei Verhöre – beim Kompaniechef, vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) und beim Bataillonskommandeur. Der hatte offenbar ein gewisses Verständnis: Er verurteilte mich zu einer Disziplinarstrafe – zwei Wochen Bau auf Bewährung, die ich dann nicht antreten musste. Wie gegenüber der Polizei sagte ich aus, dass ich die Tore nicht blockiert, sondern nur daneben gesessen und demonstriert hätte. Auch zu einem Strafprozess vor Gericht kam es nicht.

Zu den Verhören beim Bund gehörte allerdings auch eine Art politischer Gesinnungsprüfung. Ich gehörte ja nicht zum harten Kern der immer noch stark studentisch geprägten Apo in Hannover. Ich hatte mich, als etliche meiner Freunde wie viele andere der später so genannten „68er“ marxistischem Gedankengut nachhingen und vom Ende des Kapitalismus träumten, den Deutschen Jungdemokraten angeschlossen. Das war damals die – sozialliberal ausgerichtete – Jugendorganisation der FDP.

„Wir dürfen die Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen nicht über Bord werfen“, lautete mein Credo. Ich wollte Reformen (die viele Linke ja nur als systemstabilisierend verurteilten). Ich wollte eine offene Gesellschaft, mehr Demokratie, wollte weg von den Verkrustungen der Adenauer-Ära, die nachwirkten bis in die 60er-Jahre.

Das Schweigen über die NS-Zeit wurde nun gebrochen, die Sexualität enttabuisiert, die Rechtsstellung der Frauen verbessert. Alte Zöpfe fielen. Das Leben insgesamt wurde bunter. Hausbesitzer ließen ihre grauen Fassaden streichen. Und der Oberstadtdirektor Martin Neuffer initiierte nach 1970 die Aktion Straßenkunst.

In Hannover wie überall in der Bundesrepublik war es vorbei mit der beschaulichen Ruhe, in der man sich eingerichtet hatte. Junge Menschen demonstrierten gegen die Notstandsgesetze, die Ende Mai 1968 von der ersten Großen Koalition vom Bundestag verabschiedet wurden. Oder gegen das Militärregime, das 1967 in Griechenland die Macht an sich gerissen hatte. „Pa-pa-Pattakos“ skandierte Manfred Lauermann an der Spitze eines Demonstrationszuges den Namen eines Junta-Mitglieds auf dem Weg zum griechischen Konsulat.

Im Frühherbst 1968 wurde dann auch gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei demonstriert, der unter sowjetischer Führung den kurzen „Prager Frühling“ beendete. Dieses Experiment von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ hatte Rudi Dutschke schwer beeindruckt – und es mag eine besondere Tragik darin liegen, dass ihn die Kugeln des Attentäters ausgerechnet trafen, als er aus der SDS-Zentrale Unterlagen über den Prager Frühling abholen wollte. „Kapitalismus führt zum Faschismus“ lautete ein Slogan der Apo-Linken damals. Diesmal wurde er abgewandelt. „Stalinismus führt zum Faschismus“ skandierte Lauermann an der Spitze der Demonstration in Hannover.

Und immer wieder ging es gegen den Vietnamkrieg. „Bürger runter vom Balkon, unterstütz’ den Vietcong!“ schallten Rufe durch die Straßen. Oder so: „Bürger lass das Gaffen sein, komm’ herüber, reih Dich ein!“

Auf dem Weg ins bürgerliche Leben

Zu einer breiten Solidarisierung ist es nicht gekommen. Nur einmal in der bundesrepublikanischen Geschichte gelang es einem breiten außerparlamentarischen Bündnis, die Massen auf seine Seite zu ziehen – bei der Rote-Punkt-Aktion gegen die Tariferhöhungen im öffentlichen Nahverkehr 1969. Die habe ich dann schon als junger Redaktionsvolontär bei der HAZ journalistisch mit begleitet. Ich war also, wie es im linken Jargon damals so hieß, bei der „bürgerlichen Presse“ gelandet.

Auch viele andere „68-Bewegte“ haben den Weg in ein bürgerliches Leben gefunden. Sie wurden Professoren, Lehrer, Sozialarbeiter. Wer sich weiter politisch engagierte, landete nicht selten bei den 1980 gegründeten Grünen. Die nannten sich in Hannover anfangs „Grüne Alternative Bürgerliste“ (GABL). Ich war dabei, als der spätere Ratsherr Manuel Kiper auf der Gründungsversammlung im Raschplatzpavillon vehement für den Antrag plädierte, das Wort „Bürger“ in den Namen der Wählervereinigung auszunehmen. Man schaue sich die Grünen heute mal an.

„Wir werden kämpfen, wir werden siegen, der Kapitalismus wird unterliegen“, das war ein Slogan der marxistisch orientierten Gruppen. Nun ist der Kapitalismus immer noch da. Aber die „68-er“ haben die Gesellschaft verändert. Der sozio-kulturelle Wandel jener Jahre wirkt bis heute nach. Inklusive mancher Widersprüche.

Von Michael Krische

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!