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NP-Serie 50 Jahre 68er Protest mit Rotem Punkt gegen geplante Fahrpreiserhöhung
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00:24 02.06.2018
HEUTE: Detlef Roßmann gründete in Oldenburg ein Programmkino, ist seit 2007 Präsident des internationalen Filmkunsttheaterverbandes CICAE und erhielt im Dezember für seine Verdienst um die Filmkultur das Bundesverdienstkreuz. Quelle: Nancy Heusel
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HANNOVER

Die Stadtbahn fährt langsam die Kurt-Schumacher-Straße hinunter auf den Hochbahnsteig zu. Detlef Roßmann blickt kurz nach rechts zur Ernst-August-Galerie. Früher stand hier der Block der Hauptpost, damals, als es noch Bundespost hieß und am Schalter Beamte auf Lebenszeit Dienst hatten.

Damals hießen die Stadtbahnen auch nur einfach Straßenbahnen. Die Üstra war ein privates Unternehmen und gehörte der Preussen-Elektra. Es war im Sommer 1969, als sie die Fahrpreise erhöhen wollten. Womit sie in Hannover vor allem in der Studentenszene, aufgewühlt noch von den Ereignissen der Vorjahre, in ein Wespennest stießen. Doch betroffen waren eben nicht nur Studenten, und in diesem Fall waren ihre Forderungen für viele nachvollziehbar. Weshalb sich der Protest schnell auf weite Teile der Bürgerschaft ausweitete - und zur legendären Rote-Punkt-Aktion führte.

Roßmann gehörte zu den Organisatoren. Der 1946 geborene hatte im Februar 65 sein Abi an der Bismarckschule gemacht. Er kam eher aus der christlichen Ecke, hatte sich in der kirchlichen Jugendbewegung engagiert, etwa gegen den damaligen Bildungsnotstand. „Nur zehn Prozent eines Jahrgangs konnten damals Abitur machen“, sagt er. Eine extreme Bildungsungerechtigkeit. Nach dem Wehrdienst war er zurück nach Hannover gekommen, um hier an der damals noch Technischen Hochschule Germanistik, Anglistik und Politik zu studieren. Die noch recht junge geisteswissenschaftliche Fakultät war so etwas wie eine Brutstätte der hannoverschen Linken.

Und nach den aufwühlenden Protesten gegen den Vietnamkrieg und den Tod von Benno Ohnesorg wollte man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. An der Hochschule gründeten sich erste Fachschaftsräte, die von dem sozialdemokratischen Hochschulbund SHB dominiert wurden. Nicht ganz selbstverständlich. „Von den damals vielleicht 5000 Studenten waren 60 Prozent in schlagenden Verbindungen“, erinnert sich Roßmann. „Die waren extrem konservativ aber nicht politisch engagiert.“

Die linke Szene hatte ihre Treffpunkte: im Club Voltaire, im Freizeitheim Linden, in der Hochschule. „Man saß zusammen und überlegte, was man an Aktionen machen könnte.“ Da kam die geplante Fahrpreiserhöhung gerade recht. Die Einzeltickets sollten statt 50 Pfennig künftig 70 kosten. „Das war nicht sehr viel, aber wir Studenten hatten auch nicht viel Geld. Wir mussten fast alle nebenbei jobben, und Fahrradfahren spielte damals noch keine große Rolle.“

Abends saß man im Club Voltaire zusammen beim Bier und dachte nach. Kurz zuvor hatte es im Mai in Heidelberg einen erfolgreichen Protest gegen Fahrpreiserhöhungen gegeben. Dort war vom SDS der „Rote Punkt“ erfunden worden: Autofahrer erklärten, indem sie einen solchen Punkt hinter ihrer Windschutzscheibe befestigten, ihre Bereitschaft, Menschen mitzunehmen. Warum sollte das nicht auch in Hannover funktionieren?

Am 6. Juni, einem Freitag, kam es zur ersten Fahrpreisdemo vorm Opernhaus mit Dietrich Kittner. Anschließend gründete sich ein Aktionskomitee, dass sich jeden Abend zusammensetzte.Flugblätter wurden im Asta der Hochschule gedruckt, die Roten Punkte bei einer Druckerei, die zum SDS gehörte. Am Montag folgte die nächste Kundgebung.

„Doch die ganze Aktion wäre im Sande verlaufen, wenn Polizei und Stadt nicht eine taktische Dummheit begangen hätten“, bekennt Roßmann. Die Dummheit der Polizei bestand aus Gewalt, dem Einsatz von Knüppeln und Tränengas. Die Dummheit der Stadt war die Bitte an die Üstra, den Verkehr einzustellen. „Damit erreichten sie das Gegenteil.“ Denn es führte zu einer massiven Ausweitung des Protests, an dem sich immer mehr normale Bürger beteiligten.

Wenn Roßmann aus der Kurt-Schumacher-Straße zum Steintor blickt, hat sich dort so viel nicht verändert. Natürlich fuhren auch damals dort noch oberirdisch Straßenbahnen, aber eben nicht nur dort. Dennoch war der Steintor so etwas wie das Herz der Aktionen. Als Bus und Bahnen noch fuhren, blockierten Demonstranten die Gleise oder ließen auch mal die Luft aus den Reifen. „Manchmal stiegen wir auch mit 20 Leuten in eine Bahn ein und versuchten, den Fahrer und die Fahrgäste zu agitieren“, erzählt Roßmann.

Es war ein super Sommerwetter mit warmen Nächten, das wahrscheinlich maßgeblichen Anteil am Erfolg hatte. „Das Demonstrieren hat viel Spaß gemacht. Es waren auch unheimlich viel Schüler dabei, die das toll fanden.“ Einmal sei auch er festgenommen worden. „Da hatte die Polizei die Rädelsführer herausgepickt.“ Eine Nacht mussten er und seine Mitstreiter in einer Zelle in der Hardenbergstraße verbringen. Gegen Mittag durften sie wieder nach Hause. Es gab aber ein Verfahren, Roßmann, heute Träger des Bundesverdienstkreuzes, saß auf der Anklagebank. Er sollte einen Polizisten geschlagen haben, doch die Zeugen verwickelten sich in Widersprüche. „Im Prozess wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt bin ich frei gesprochen worden.“

Das wichtigste Element des Protests aber war die Rote-Punkt-Aktion, die dann richtig zu wirken begann, als die Üstra den Betrieb einstellte. „Wir hatten an drei zentralen Punkten Helfer postiert“, erinnert sich Roßmann, „am Steintor in der Kurt-Schumacher-Straße, am Kröpcke in der Georgstraße und am Aegi.“ Wer sich als Autofahrer beteiligte, sei mit seinem Wagen auf den schienen an die Haltestelle herangefahren und habe gesagt, in welche Richtung er wolle. Wer dort auch hin wollte, konnte einsteigen. Das ging natürlich auch auf freier Strecke mit dem Daumen per Anhalter.

Es kamen immer mehr Leute, die mithelfen wollten. „Nach zwei Tagen hatten wir mehr, als wir brauchten“, so Roßmann. „Schüler, Studenten, alle nicht organisiert, die wollten einfach nur mitmachen. Das hat sich alles selbst organisiert.“

Und zog immer weitere Kreise. Auch der DGB beteiligte sich, und sogar in den Tageszeitungen HAZ und Hannoversche Presse, dem Vorgänger der NP, wurde der Rote Punkt zum Ausschneiden gedruckt. Der Protest dauerte mehrere Wochen - und hatte Erfolg. Die Fahrpreiserhöhung war zumindest für dieses Jahr vom Tisch. Vielleicht wichtiger, zumindest aber nachhaltiger war die Rekommunalisierung der Üstra, die an die Stadt verkauft wurde. Während die Fahrpreise schon ein Jahr später nach den dann erfolglosen Protesten anzogen, ist die Üstra noch heute ein regionaler Betrieb.

Am Ende aber habe es auch im Aktionskomitee Spaltungstendenzen gegeben, ein Problem, mit dem die gesamte Linke zu kämpfen hatte.“Es kamen linke Revoluzzer aus Frankfurt und Berlin, die das radikalisieren wollten. Denen waren wir zu friedlich und zu lahm.“ Heftigen Streit gab es über das Postskriptum eines Flugblatts, in dem es hieß, der Rote Punkt sei rot, damit man ihn besser sehen können. Die Ultralinken hätten sich da halt einen anderen Bedeutungszusammenhang gewünscht. „Mit den Auswärtigen radikalisierte sich die Debatte, und ich war froh, als es vorbei war“, bedauert Roßmann.

Was bleibt sei auch die Erinnerung „an die größte, friedliche Massendemonstration, die erfolgreich war“, sagt Roßmann noch heute. Der öffentliche Nahverkehr ist zwar heute teurer denn je, und Kritik daran kaum vernehmbar, geschweige denn groß angelegte Proteste. „Da die Schienen heute ja zum großen Teil unter der Erde liegen, kann man auch schlecht blockieren“, scherzt er. Dennoch: Die Idee sei geblieben, dass massenhafter und friedlicher Protest auf der Straße etwas bewirken kann. Und der damals auch geforderte Nulltarif wurde schließlich erst unlängst selbst auf Bundesebene ins Spiel gebracht - nicht aus sozialen Gründen, sondern um das Klima zu retten. Die Welt hat sich weiter gedreht.

ZUR PERSON:

Detlef Roßmann, geboren 1946, machte 1973 sein Examen in Hannover, 1974 erhielt er eine Assistentenstelle an der neu gegründeten Universität Oldenburg, zu deren Gründungsausschuss er als Student seit Herbst 1970 gehört hatte.Als seine Stelle 1981 auslief, gründete er nach dem Vorbild des Hamburger Abaton mit einem Freund das Programmkino Casablanca in Oldenburg, das er 25 Jahre lang leitete. Heute wird es von seinem Sohn geführt. Als „Filmpolitiker“ machte er sich vor allem stark für den neuen französischen Film, unter anderem mit der Initiierung eines seit 2003 bestehenden Schulprojekts. Dafür wurde er 2011 vom französischen Kulturrminister zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres ernannt und in Deutschland im vergangenen Dezember mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 20 Jahre lang war er Vorsitzender des deutschen Filmkunstkinoverbandes AG Kino-Gilde, seit 2007 ist er Präsident des internationalen Filmkunsttheaterverbandes CICAE (Confédération Internationale des Cinémas d´Art et d´Essay).

Von Andreas Krasselt

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