Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
NP-Serie 50 Jahre 68er „Natürlich ging es allen auch um Revolution“
Hannover Meine Stadt NP-Serie 50 Jahre 68er „Natürlich ging es allen auch um Revolution“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:20 27.05.2018
Alter Kämpfer: Für den linken Soziologen Oskar Negt hat die Studentenbewegung die Konfliktfähigkeit der Demokratie erhöht. Quelle: Körner
Hannover

Oskar Negt, Grandseigneur der Soziologie und seit den 70er Jahren fest in Hannover verankert, lebte damals in Frankfurt am Main, dem Zentrum der theoriehungrigen 68er. Hier lehrte die Frankfurter Schule, und auch Negt gehörte zu den Schülern Adornos. In den 60ern, so wird kolportiert, brachte er Studenten abends in Äppelwoi-Kellern mit Marx in Kontakt. „Das mag sein“, sagt er und schmunzelt. Alltäglichkeiten, die sich dem heute 83-Jährigen nicht so nachhaltig eingeprägt haben.

An das einschneidendste Ereignis jener Jahre aber erinnert er sich gut: Als am 2. Juni 1967 der aus Hannover stammende Student Benno Ohnesorg in Berlin von einer Polizeikugel tödlich getroffen wurde, war auch er empört. „Ich sah das allerdings nicht als Mord, sondern als einen staatlichen Mordanschlag“, sagt er. „Bei dem damals eingesetzten Polizeiaufgebot bestand die Gefahr einer tödlichen Entwicklung.“ Eine Möglichkeit also, die billigend in Kauf genommen worden sei.

Der Tod Ohnesorgs trug zu einer starken Mobilisierung bei. Plötzlich waren es nicht mehr nur die Linken die etwa gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gingen. Zu der Frankfurter Protestkundgebung kamen rund 10 000 Menschen. „Auch viele aus dem bürgerlich-liberalen Lager, auch als Redner“, erinnert er sich. Negt stand ebenfalls auf dem Podium, stellte seine Sicht des Vorfalls dar und erntete anhaltenden Beifall. „Es war eine beeindruckende Reaktion.“

Die 68er-Bewegung in Hannover

Doch was wollten die 68er damals erreichen? „Zunächst ging es darum, gegen die autoritären Strukturen in den Universitäten zu kämpfen“, sagt Negt – „Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren“ war einer der beliebten Slogans. Aber es ging auch um ganz andere Autoritäten: die Eltern. „Es war eine Generation, die ihre Eltern befragte, was sie eigentlich gemacht hatten in der Nazizeit. Es gab Kämpfe in vielen Familien.“ Die Aufarbeitung der Tabuzone „Drittes Reich“ geriet unweigerlich zum wesentlichen Antriebsmoment der Bewegung, die Befreiung von alten Strukturen, die als dem Faschismus verwandt empfunden wurden.

„Drittens aber ging es natürlich allen um die Revolution“, gibt Negt zu. „Eine kapitalistische Gesellschaft mit humanem Gesicht gab es für diese Generation nicht.“ Das Ganze kumulierte in Zusammenhängen mit der Protestkultur etwa in Musik und Literatur zu einer Atmosphäre des Aufbruchs, der Veränderung. Aber auch der Neubesinnung. In der Philosophie habe man sich wieder stärker an Marx orientiert. Doch nicht nur der Autor des „Kapitals“ sei wieder entdeckt worden, sondern auch „viele andere Texte, die zu der unterschlagenen Wirklichkeit gehörten“.

Wobei es in der Bewegung sehr unterschiedliche Milieus gegeben habe. In Berlin, der Frontstadt, war etwa gewerkschaftliche Bildungsarbeit nicht so wichtig wie der Kampf gegen staatliche Willkür. Dort sei es deutlich radikaler zugegangen als in der Main-Metropole. „In Frankfurt gab es einen ganz anderen theoretischen Hintergrund“, so Negt, „den es sonst nirgends in Deutschland gab.“ Bei ihm hätten Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit in den Seminaren zwar immer in der ersten Reihe gesessen. „Aber sie fühlten sich da offensichtlich nicht ganz wohl und waren ganz froh, als das Institut besetzt wurde.“ Das war 1969, als der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis greifbar zu werden schien – und Adorno das von den Studenten besetzte Gebäude von der Polizei räumen ließ. „Es herrschte da auch in Frankfurt Aktivismus, aber gegenüber dem Berliner gemildert.“

Ausgehend von der Marxschen Kritik an dem Philosophen Ludwig Feuerbach gewann die Praxis in der 68er-Bewegung Priorität. Insbesondere in der elften der so genannten Feuerbach-Thesen formulierte Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an sie zu verändern“ – quasi eine Art Programm der 68er. Aber auch ein Programm mit gefährlichen Nebenwirkungen. „Nach der antiautoritären Phase hatte der Protest kein Objekt mehr“, sagt Negt. Die Frage nach der Revolution verschob sich zu einer Frage nach dem Revolutionär. Das ergab ein Klima in der radikalisierten Minderheit, in dem sich der Terrorismus der RAF entwickeln konnte.

Hannover aber spielte in der Bewegung eine Sonderrolle. Trotz eines spürbaren Frankfurter Einflusses an der damals noch Technischen Hochschule durch Dozenten wie dem 1970 an die Leine berufenen Negt, Jürgen Seifert oder Peter Brückner, galt hier der Kampf der Studentenbewegung eher kommunalen Themen, etwa den Fahrpreisen der Straßenbahn. Die Rote-Punkt-Aktion 1969 führte zu einer ungeahnten Mobilisierung großer Teile der Bevölkerung. Und sie war erfolgreich: Nicht nur die Fahrpreiserhöhung konnte zumindest für eine kurze Zeit verhindert werden, der Protest führte auch zu einer Rekommunalisierung der zuvor privatisierten Üstra.

Negt sieht auch gesamtgesellschaftlich gravierende Entwicklungen durch die 68er-Bewegung angestoßen. „Die demokratische Atmosphäre hat sich dadurch stabilisiert, dass überhaupt geredet wurde“, sagt er, „und so die alten Strukturen aufgelöst wurden.“ Es sei ein Bewusstsein dafür entstanden, „dass es etwas Wertvolles ist, um die Demokratie zu kämpfen.“ Allerdings habe die „sozialistische Utopie“ immer weniger Form angenommen, die Bewegung sich in kleinste, sich beharkende Fraktionen aufgelöst, bis sie Anfang der 70er Jahre immer stärker zusammengesackt sei.

Vor allem kulturell hätten die 68er ihre Spuren hinterlassen, insbesondere eben in der Aufarbeitung der Vergangenheit. Negt lehnt zwar einfache Kausalbezüge ab, dazu ist die Entwicklung der Gesellschaft denn doch zu komplex und zu vielen Einflüssen ausgesetzt. „Aber die Lust am Reden hat sich durch die Generation der 68er erhalten.“ Die Bewegung habe, klammere man die terroristischen Entgleisungen aus, dazu beigetragen, „die Konfliktfähigkeit des Systems zu vergrößern.“

Sie sei ein Experiment gewesen. Und Negt plädiert durchaus für ein Wiederholen von Experimenten, um Innovationslust zu wecken. Die Linke aber müsse ihr Tal der Tränen verlassen. „Wir haben noch keine geschichtlich befriedigende Lösung für eine Sozialismus mit menschlichem Antlitz gefunden.“

Von Andreas Krasselt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!