Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
NP-Serie 50 Jahre 68er Ein Anwalt verteidigt den Rechtsstaat
Hannover Meine Stadt NP-Serie 50 Jahre 68er Ein Anwalt verteidigt den Rechtsstaat
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:43 04.06.2018
„Ein hervorragender jurist“: So nannte das Magazin „Spiegel“ den Strafverteidiger Bertram Börner. Quelle: Foto: Behrens
hannover

 Er hat sie (fast) alle gehabt – die Angeklagten in den großen hannoverschen Strafprozessen, die auch bundesweit Aufsehen erregenden Wirtschaftsverfahren. Feuerwehrball-Mord von Hänigsen, Mordfall im Hause des Pastoren Klaus Geyer, der Machens-Prozess, das Wirtschaftsverfahren um angeklagte Manager der Heros-Gruppe. Rechtsanwalt Bertram Börner hat viele seiner Mandanten – wie er selbst sagt – „mit aller Kraft verteidigt“. Aus dem einfachen Grund, weil jedem Bürger das Recht auf Verteidigung zusteht – Kern des Rechtsstaates. Dass Börner seine „Mandanten ohne Wenn und Aber“ bis heute vertritt, diese Auffassung wurde bei ihm vor 50 Jahren geprägt. Als aus dem unpolitischen Strafrechtler plötzlich der vermeintlich „linke Anwalt“ wurde, wie er heute schmunzelnd in seinem Büro in der Hohenzollernstraße erzählt.

Am 10. Juli 1968 bekommt Bertram Börner seine Zulassung zur Rechtsanwaltschaft für den Oberlandesgerichtsbezirk Celle, zu dem auch Hannover gehört. Als Referendar hatte er bereits in einer „hoch angesehenen, wertkonservativen Rechtsanwaltspraxis“ in der Königstraße gearbeitet. Nun stieg er dort ein – als „Selbständiger und nicht Angestellter, das war mir wichtig“. Er sei „ein junger Mann Ende 20“ aus einem konservativen Elternhaus gewesen, „wirklich unpolitisch, auch in Studententagen“. Börner kümmert sich erst um Zivilrecht, „mit dem Hang“ zum Strafrecht. „Strafrecht war damals nichts für Leute, die etwas auf sich hielten“, berichtet er, „die machten eher Wirtschaftsrecht“. Er aber suchte sich in der Kanzlei als einer von mehreren Anwälten „eine Nische als Pflichtverteidiger, das wurde mit knapp 100 Mark bezahlt“.

Eines Tages begegnet er im Amtsgericht einem ehemaligen Schulkameraden, „der sah meine Robe und fragte, ob ich bereit sei, Mandate wahrzunehmen“. Ist er. „Und plötzlich hatte ich eine Fülle von Mandanten überwiegend aus den Kreisen des SDS“, also des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. SDS-„Rädelsführer“ Gerd Weiberg ist dabei, auch andere, die „später geachtete Professoren wurden“. In der Kanzlei führt dies zu Stirnrunzeln. „Das waren damals die linken Spinner mit den langen Haaren.“ Allerdings „hatte mein Senior zwar Bedenken, aber er machte mir keine Vorhaltungen. Dafür war er zu sehr Anwalt“.

„Putzig“ findet Börner dennoch, dass er in dieser Zeit ein Schreiben von der Rechtsanwaltskammer erhält, in dem ihm ein Verstoß gegen das damalige Werbeverbot für Rechtsanwälte vorgeworfen wird. In einem Rotbuch des Wagenbach-Verlages war er „ohne mein Zutun“ als einziger „linker Anwalt“ in Hannover benannt worden, „in meiner Kanzlei lachte man sich kaputt“.

Börners Mandanten aus der Studentenbewegung, angeklagt wegen Körperverletzung, Widerstandes gegen die Staatsgewalt, Demonstrationsdelikten wie Nötigung, Gleisbesetzungen etwa zu Zeiten des Roten Punktes oder aber auch wegen Rädelsführerschaft, können sich auf ihren Anwalt verlassen: „Ich habe in der Form sehr streng und unerbittlich auf Verfahrensrechten bestanden, ich wurde aber nie ausfallend und beleidigte auch den Richter nicht, wie andernorts in der Szene“. Er habe seine Mandanten „nicht als Mietmaul verteidigt, sondern als einer, dem es um die Rechtsstaatlichkeit und die Einhaltung des Prozessrechts geht“.

Börner sorgt dafür, dass die linken Angeklagten sich vor Gericht erklären können, „als Anwalt musste ich ihnen den Raum dafür durchsetzen“. Er selbst wird mit den Verfahren „politisiert auf dem Felde der Rechtspolitik“. Börners Bewusstsein, „dass die Anwaltschaft der Garant für Rechtsstaatlichkeit ist“, spürt auch die Staatsgewalt. Polizeibeamte, die Zeugen der Anklage vorbereiten, „heute würde man von Zeugen-Coaching sprechen“, entlarvt der junge Anwalt auch mit Hilfe der „Genossenhilfe“. Alles Frauen – Ehefrauen, Freundinnen, Sympathisantinnen – die die Zeugenaussagen der Polizei zusammentragen, vergleichen und Widersprüche feststellen. „Das war eine große Unterstützung für mich, die haben unglaublich geholfen, die Prozesse zu führen“. Die Mühe lohnte sich. „Nicht einer meiner Mandanten ist verknackt worden“. Überwiegend habe es Freisprüche und Einstellungen wegen Geringfügigkeit gegeben, „ich habe mich auch vehement engagiert. Das war damals mein Leben“. So ist es geblieben.

Doch die Zeiten werden härter, die politische Bewegung gebiert eine Tochter, die anderes vorhat als eine friedliche Revolution und die „Entzauberung des Muffs unter den Talaren“. Die Strafprozesse um die 68er-Bewegung, vor allem die nachfolgenden Baader-Meinhof-Anschläge führten zu zahlreichen einschneidenden Gesetzesänderungen wie polizeiliche Überwachungen, die Trennung der Mandanten von ihren Anwälten durch Glasscheiben. „Der Rechtsstaat glaubte, sich nicht anders wehren zu können“. Eine Erklärung für Börner, aber er stellte sich gegen den Angriff auf den Rechtsstaat. „Da kann noch so sehr jemand für schuldig gehalten werden, seine Schutzrechte aus der Strafprozessordnung und seine Verteidigung müssen unangetastet wahrgenommen werden“. Im Jahr 1977 gründete Bertram Börner den bundesweiten Strafverteidigertag, am 4. März 2018 gab es in Münster bereits den 42.. Im August 2008 erhielt der Strafverteidiger das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Von Petra Rückerl

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!