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NP-Serie 50 Jahre 68er Der Tod Benno Ohnesorgs entflammt den Protest
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00:26 31.05.2018
ERINNERUNGEN: Soziologe Gerd Weiberg vor der heutigen Swiss-Life-Hall, in der damals der Kongress tagte. Quelle: Florian Petrow
HANNOVER

Eher grau und unscheinbar liegt die Swiss-Life-Halle neben dem modernen Gebäude des Landessportbundes. Bunte Plakate weisen auf die kommenden Konzert-Highlights hin. Gerd Weiberg stellt sich auf die Treppe im Eingangsbereich – und erkennt sie nicht wieder. Vor 51 Jahren hat der Soziologe hier in der damaligen Stadionsporthalle so etwas wie seinen politischen Weckruf erlebt. „Damals diente der Schützenplatz hinter dem Stadion als riesiger Parkplatz“, erinnert er sich. Der am Donnerstagabend des 8. Juni 1967 randvoll war.

Es war erst sechs Tage her, dass der Polizist Karl-Heinz Kurras in Berlin die tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg abgefeuert hatte. Der Leichnam des hannoverschen Studenten war in einem aufsehenerregenden Trauerzug nach Hannover gebracht worden und sollte am nächsten Tag beigesetzt werden. Innerhalb dieser knappen Woche hatte der Verband Deutscher Studenten (VDS) in der Stadionsporthalle den bundesweiten Kongress „Hochschule und Politik“ organisiert, der zu einer Geburtsstunde der Protestbewegung nicht nur in Hannover werden sollte.

Weiberg war damals bei der Bundeswehr und in Munster stationiert. Seine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer musste er erst gerichtlich erkämpfen. Am 2. Juni hatte er im Radio von den Schüssen auf Ohnesorg gehört.

„Auf einmal schien alles klar zu sein“, sagt er. „Hatte ich vorher ein diffuses Unbehagen über die Zustände in der Gesellschaft empfunden, bekam ich nun den Eindruck, dass dieser Staat bereit ist, jemanden zu erschießen.“ Nun habe er zu denen gehören wollen, die dagegen protestierten.

Während sich in Berlin nach einer Trauerfeier mit 15 000 Teilnehmern der Trauerzug in Bewegung setzte – ein Korso von laut Weiberg 100 bis 120 Autos, andere Quellen sprechen von rund 200, die unkontrolliert die Grenzen der DDR passieren durften – musste der unfreiwillige Soldat in Munster die Laken auf seinem Bett stramm ziehen. Erst am Abend durfte er die Kaserne verlassen und kam nach 21 Uhr in Hannover an.

Die Fahrt des Wagenzugs war der DDR offenbar hochwillkommen. In Potsdam und Magdeburg säumten fahnenschwingende FDJler die Autobahn. Die Versuchung, den Westprotest vor den sozialistischen Karren zu spannen, war groß. Dass der Todesschütze Jahre später als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde, verleiht dem zwar ein Geschmäckle, der Einfluss des „real existierenden Sozialismus“ auf die linke Szene in der BRD war dennoch zu vernachlässigen.

Die Protestbewegung im Westen speiste sich nach Weiberg nicht aus dem Geist der klassischen und meist auch national orientierten Arbeiterbewegungen. Es sei vor allem eine Bewegung der Jugend gegen die Älteren gewesen. In vielen Ländern der Welt. Nicht nur in der Politik, auch in der Literatur, der Musik, der Kunst. „Es war wie ein jugendliche Weltgemeinsamkeit im Aufbegehren gegen die Erwachsenenwelt.“ An die nun auch Fragen gestellt wurden, danach, was die Väter und Mütter in den Jahren der NS-Herrschaft eigentlich gemacht hätten. Oder warum aktuell junge Menschen zum Sterben nach Vietnam geschickt würden.

Als Weiberg am späten Abend des 8. Juni die Stadionsporthalle erreichte, war der Kongress schon in vollem Gang. Am Parkplatz kam ihm ein Mann entgegen, langsamen Schrittes, den Kopf gebeugt, die Hand in Denkerpose ans Kinn gelegt. „Dann ging er zurück in die Halle. Erst als er die Bühne betrat, erfuhr ich, wer das war: Jürgen Habermas.“ Der Vertreter der Frankfurter Schule erhob auf diesem Kongress in einem fast historisch zu nennenden Moment den Vorwurf des „Linksfaschismus“ gegen Studentenführer Rudi Dutschke. Eine Kontroverse mit weitreichenden Folgen.

Die Form der Studentenproteste orientierte sich zum Teil am US-Widerstand gegen den Vietnamkrieg. „Es ging um aufsehenerregende, provokative Aktionen kleiner Gruppen. Habermas befürchtete, dieses in seinen Augen wildgewordene Revoluzzertum könnte rechte Reaktionen in der Bevölkerung hervorrufen.“

Trotz dieses Konflikts, der in gewisser Weise Spaltungen der linken Bewegung in späteren Jahren auch in den gewaltbereiten Flügel vorzeichnete, verlief der Kongress mit rund 5000 Teilnehmern erstaunlich produktiv. Direkte Folge war in Hannover die Gründung der Ortsgruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) am 29. Juni 1967. Für etwa eineinhalb Jahre stand der SDS dann im Zentrum der Proteste.

Im Oktober folgten an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Anti-Vietnamkriegs-Demos. Mehr Aufsehen aber erregte die Aktion Heilig Abend an der Marktkirche. „Wir hatten uns spontan mit etwa 30 Leuten zusammengefunden und verteilten Flugblätter“, erzählt Weiberg. Nicht nur Vietnam wurde thematisiert, auch ein Zitat des damaligen Landesbischofs Hans Lilje bewegt die Gemüter: Schlaf sei eine Form, Gott zu loben. Doch der Schlaf der Erwachsenen während des Nazi-Regimes schien den Studenten 1967 alles andere als lobenswert. „Viele Besucher der Mitternachtsmesse waren von der Aktion allerdings wenig begeistert“, so Weiberg. Schließlich kam die Polizei und löste das Spektakel auf.

Kurze und spontane Aktionen bestimmten ganz im Sinne Dutschkes die Szene. Doch mit der Notstandsgesetzgebung wurde der Protest 1968 wieder auf eine breitere Ebene gehoben. Möglich geworden sei die Änderung des Grundgesetzes erst durch die Große Koalition ab 1966, erinnert Weiberg an die Mitverantwortung der SPD. Schon im Oktober 66 hatte es den Kongress „Notstand der Demokratie“ in Frankfurt gegeben. Prominente Intellektuelle wie Heinrich Böll und Ernst Bloch wetterten dort gegen die Pläne der Politik.

Als das Gesetz schließlich 1968 verabschiedet werden sollte, kam es in ganz Deutschland auch mit Unterstützung der IG Metall und anderer Gewerkschaften zu massenhaften Protesten. Am 11. Mai beteiligten sich mehr als 10 000 Demonstranten an einem Sternmarsch nach Bonn. Auch Gerd Weiberg war dabei. „Wir fuhren in Peter Brückners Chevrolet dorthin“, berichtet er. Brückner, eine Ikone der linken Szene, hatte seit 1967 einen Lehrstuhl für Psychologie in Hannover und war 1968 Mitbegründer des Club Voltaire. Seine Vorliebe für den amerikanischen Schlitten lag laut Weiberg allerdings daran, dass dieser ein Automatikgetriebe hatte.

In Hannover gab es am 15. Mai im Lichthof der Hochschule eine Vollversammlung. Der renommierte Literaturwissenschaftler Hans Mayer bezog „vehement“ Position gegen die Notstandsgesetze. Auch Peter von Oertzen, Mitbegründer des Club Voltaire, der drei Jahre später Kultusminister in Niedersachsen werden sollte, hielt eine Rede.

Zu einer überraschenden Entwicklung kam es bei einem Teach-In im Lichthof. Die vielleicht 250 anwesenden Studenten verliefen sich fast in dem großen Raum. „Doch plötzlich kamen 700 Schüler dazu, die einfach den Unterricht geschwänzt hatten“, so Weiberg. Und es hätten noch mehr werden können. An der Humboldtschule hatte der Direktor die sich in der Aula versammelten Gymnasiasten kurzerhand eingeschlossen. War der Protest gegen das Gesetz zuvor stark von älteren Semestern betrieben worden, schien er nun auch bei den Jüngeren angekommen zu sein.

Am 28. Mai 1968 kam es erneut in der Stadionsporthalle zu einer großen Versammlung mit mehr als 1000 Teilnehmern. Doch im Zentrum stand nun die Mitbestimmung, die Eingang in die Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes finden sollte. „Das Thema Notstandsgesetze geriet aus dem Fokus“, sagt Weiberg. Dem Protest der Jugend ging allmählich die Luft aus. „Die Hoffnung auf eine Verbindung mit der Arbeiterklasse wie in Frankreich hatte sich nicht erfüllt.“

Was wohl auch an der Form des Protests lag. „Wir hechelten von einer Demo zur nächsten, waren nicht in der Lage, die erreichten Siege als Basis in eine neue Strategie einfließen zu lassen.“ 1969 habe es noch eine große Demo mit rund 1000 Teilnehmern gegen die Vorbeugehaft gegeben, aber irgendwann habe sich das totgelaufen.

In den 70ern war der SDS am Ende, die Bewegung spaltet sich in diejenigen, die den langen Marsch durch die Institutionen etwa in der SPD antraten, in die so genannten K-Gruppen und in den gewaltbereiten Flügel um die RAF. Wirksamer aber waren möglicherweise die vielen kleinen Bewegungen, die sich aus dem Geist der 68er entwickelten. „Die Gesellschaft insgesamt hat sich reformiert und ist weitergetrieben worden“, sagt Weiberg.

Es entstand die Frauenbewegung und es entstanden Kinderläden, Schulen und Universitäten wurden liberaler, der sich noch 68 scheinbar abzeichnende autoritäre Gewaltstaat wich dem Rechtsstaat. „In den 70ern gab es einen unglaublichen Reformschub“, betont der Soziologe. Der Muff von tausend Jahren verschwand nicht nur aus den Talaren, „er verschwand aus vielen sozialen Beziehungen.“

Von Andreas Krasselt

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