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NP-Serie 50 Jahre 68er CDU-Politiker Wilfried Lorenz über die Schattenseiten der Studentenbewegung
Hannover Meine Stadt NP-Serie 50 Jahre 68er CDU-Politiker Wilfried Lorenz über die Schattenseiten der Studentenbewegung
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14:24 28.05.2018
Im Gespräch: Wilfried Lorenz ist auch heute noch mit 75 Jahren politisch aktiv, auch wenn er nicht mehr im Bundestag sitzt. Er hatte bei der Kandidatenkür gegen einen Jüngeren verloren. Quelle: Wilde
Hannover

Für Wilfried Lorenz, CDU-Urgestein aus Hannover, langjähriges Ratsmitglied und in der vergangenen Legislaturperiode auch Mitglied des Bundestags, verbindet sich mit den Jahren um 1968 ein sehr private Anekdote: seine Hochzeit. Geplant war die kirchliche Trauung in seiner Gemeinde. Lorenz, damals bei der Bundeswehr, bestand als Soldat darauf, in Uniform zu heiraten. „Das hat der Pfarrer abgelehnt“, erzählt er. Aus welchen Gründen auch immer, ganz offensichtlich schwamm der Geistliche auf der Protestwelle jener Zeit, die sich entzündend an der Kritik am Vietnamkrieg gegen alles Militärische wandte.

„Wir haben uns dann von einem anderen Pfarrer in der Marktkirche trauen lassen“, so Lorenz. „Die Absage aber war für mich ein schockierendes Erlebnis gewesen.“ Ein Erlebnis mit einer Konsequenz: Lorenz ließ sich in den Kirchenvorstand wählen. „Man muss eben nicht alles hinnehmen, sondern etwas bewegen“, sagt er. Wobei ihm das eigentlich Politische noch fern lag. Das Tragen einer Uniform schien dem Polizistensohn mit einem politischen Engagement oder gar Mandat nicht vereinbar. Erst 1975 trat er in die CDU ein.

Eine Meinung hatte er dennoch. Als am 2. Juni 1967 die tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg fielen, war er erschüttert. Auch, weil ihm das persönlich nahe ging. Denn sein Vater war eben Polizeibeamter in Berlin, in gewisser Weise also ein Kollege des Schützen Karl-Heinz Kurras. „Ich bin ja selbst in Berlin groß geworden“, erzählt er, „ich habe das erst gar nicht verstehen können.“

Am Abend, als die Nachricht bundesweit die Medien beherrschte, saß er mit seiner zukünftigen Frau zusammen, um die Hochzeitsfeier zu planen. „Als ich das dann hörte, habe ich gleich befürchtet, dass dadurch eine Radikalisierung in Gang gesetzt werden könnte.“ Schon damals habe er auch immer die weltweite Situation mit im Blick gehabt, und die Gewaltbereitschaft der Protestbewegungen wuchs auch in anderen Ländern wie den USA oder Frankreich.

Im Vergleich zu Berlin sei es in Hannover aber relativ ruhig geblieben. „Ich habe die studentische Bewegung als Soldat auch nicht so direkt verfolgt“, räumt er ein. „Die hat ohnehin nur einen kleinen Teil der Menschen erreicht.“ Angefangen habe es aber schon lange vor 68. „Ursache war, dass die Studenten sich nicht wahrgenommen fühlten“, sagt Lorenz. Es sei ihnen zunächst um einfache praktische Fragen, um Selbstbestimmung gegangen. „Das hat sich dann auf politische Themen ausgeweitet.“

Wie jede Medaille habe auch die Studentenbewegung zwei Seiten. „Positiv ist, dass der Geist der Konrad-Adenauer-Ära durch einen liberalen Geist aufgebrochen wurde.“ Das Erstarken von Selbstbestimmung und Mitbestimmungsmöglichkeiten sei ein großer Verdienst. Andere Facetten bewertet Lorenz da eher skeptisch, etwa die Versuche der antiautoritären Erziehung, die seinen, in einem konservativen Elternhaus geprägten Vorstellungen eher widersprachen.

Die Schattenseite der 68er aber war klar die wachsende Radikalisierung, die in Teilen schließlich zum Terrorismus führte. Für Lorenz besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den zahlreichen kommunistischen Elementen der Bewegung, die sich etwa in der DKP und anderen, so genannten K-Gruppen manifestierten, und Terrorgruppen wie der RAF oder der Bewegung 2. Juni. Insbesondere wegen der Intoleranz, die sich auch schon vorher bei den meisten studentischen Veranstaltungen zeigte, auf denen Andersdenkende nicht zu Wort kamen, sondern niedergebrüllt wurden. So sei etwa der spätere Regierende Bürgermeister Berlins, Eberhard Diepgen (CDU), kurzfristig per Urwahl als Asta-Vorsitzender abgesetzt worden, weil er, wie damals viele andere auch, Mitglied einer schlagenden Verbindung war. „Ich habe da ein anderes Menschenbild, ein anderes Verständnis von Demokratie“, betont Lorenz.

Dennoch habe sich nicht zuletzt auch durch die damalige Bewegung einiges zum Positiven auch in der gesellschaftlichen Diskussionskultur verändert. „Es herrscht heute eine höhere Toleranz gegenüber anderen Meinungen“, ist Lorenz überzeugt. Spuren seien auch in der Justiz finden, die liberaler geworden sei. „Und wir können uns heute frei in der ganzen Welt bewegen.“

Dass die 68er aber die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit in Gang gesetzt hätten, ist für Lorenz nur ein Mythos. „Das ist schon früher passiert. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Grundschüler in Berlin in den 50er Jahren damit konfrontiert wurde, wie die Alliierten die KZs befreiten.“

Das Thema sei bei den 68ern weit hinten angesiedelt gewesen. „Selbst Rudi Dutschke hatte gesagt, dass dies die Bewegung überfordern würde.“ Auch die Diskussionskultur auf den Veranstaltungen hätten nicht gerade dafür gesprochen. „Totalitäre Strukturen sind bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus nicht hilfreich.“ Ein Pauschalurteil will Lorenz damit zwar nicht fällen. Diese Intoleranz der Linken habe aber mit der Zeit zugenommen. „Deshalb ist die Beteiligung auch immer mehr zurückgegangen“, sagt er.

Erfahrungen, die Lorenz auch in späteren Jahren als jugendpolitischer Sprecher der CDU-Ratsfraktion in Hannover machen musste, etwa bei den Konflikten um das Unabhängige Jugendzentrum Kornstraße. „Auch da bin ich niedergeschrien worden“, erinnert er sich. „Das fand ich nicht sehr lustig. Ich war sehr enttäuscht über das Demokratieverständnis der Jugendlichen. Man muss andere Meinungen auch aushalten können, wenn man etwas bewegen will.“

Dass sich eine ähnliche Bewegung wie 1968 noch einmal entwickeln könnte, hält er für unwahrscheinlich. „Damals war die Welt bipolar strukturiert, in schwarz und weiß aufgeteilt und überschaubar. Heute ist die Welt zwar genauso gefährlich, aber unüberschaubar geworden, die Problemlagen sind andere.“ Die sicherheitspolitische Lage sei mit den neuen Machtzentren wie etwa China und Russland kompliziert und unkalkulierbar geworden. Lorenz: „Mit Vernunft alleine lassen sich die Problemfelder nicht lösen, das hat unsere Geschichte gezeigt.“

Von Andreas Krasselt

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