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POLARISIERT: Die Limmerstraße in Linden.

Linden

NP-Report: Das Phänomen Limmerstraße

Diese Straße polarisiert: Für die einen ist sie bunt und lebhaft, für die anderen laut und dreckig. Im Gespräch ist die Limmerstraße in Linden-Nord aber immer. Wie gestern, als ein Biomarkt eröffnete. Doch was in anderen Stadtteilen als grüner Fortschritt gilt, sorgt hier für Streit. Weil Anwohner Handelsketten grundsätzlich ablehnen – sind sie auch noch so öko. Auch die Debatte um die Stadtbahnlinie 10 nahm hier den Anfang. Grund genug, sich mit dem Phänomen Limmerstraße näher zu beschäftigen.

Hannover. 670 Meter ist die Limmerstraße lang – zumindest die Fußgängerzone, über die immer wieder heftig diskutiert wird. Die Proteste zur Eröffnung des „Denn‘s“ schließen an eine Reihe ähnlicher Aktionen in ganz Linden an.

Bereits 1995 ging ein Aufschrei durch den Stadtteil, als die Punk-Kneipe „Rotkäppchen“ schließen musste und das Restaurant „Fischer‘s“ öffnete. Zu hochpreisig soll es gewesen sein und zu viele Bewohner anderer Stadtteile angezogen haben. 18 Jahre später ist das südamerikanische Restaurant gut besucht – auch von Lindenern.

Im vergangenen Sommer wurde die ehemalige Polizeiinspektion in der Gartenallee von Autonomen besetzt. Sie hängten Transparente an die Fassade mit der Aufschrift „Game Over Gentrification“. Nach der polizeilichen Räumung folgte am 3. Januar eine zweite kurze Besetzung des Gebäudes und der ehemaligen Ladenfläche eines Getränkemarktes. Weitere Aktionen sind von der Gruppe „Kampagne Ahoi“ bereits angekündigt.

In der Limmerstraße 98 riss der Besitzer lieber sein Gebäude ab, als sich weiter mit den Besetzern auseinander zu setzen. Ihre Forderung: Ein autonomes Jugend- und Stadtteilzentrum.

Steigende Mieten und Sanierungen von Altbauten wie des früheren Krankenhauses in der Bennostraße und der Villa in der Gartenallee zugunsten von Eigentumswohnungen lassen Gentrifizierungs-Gegner immer wieder laut und auch handgreiflich werden. Im Mai traf es die Scheiben einer neu eröffnenden Eisdiele.

Gleichzeitig schimpfen immer mehr Anwohner über die zunehmende Lautstärke und den Schmutz in Linden. Die Limmerstraße ist Treffpunkt für das Feierabendbier genauso wie für das Date vor einem Clubbesuch. Erol Türk (38) betreibt den Kiosk am Küchengarten und erzählt: „Im Sommer ist es schön, da ist viel los. Aber im Winter ist ab 20 Uhr spätestens Schluss – da kommt keiner mehr“. Jürgen S. (58) wohnt nahe der Limmerstraße. Für ihn sei der Durchgangsverkehr das Problem – und die Leute schmissen Flaschen, wenn sie in die Faust gehen und würden gröhlen. „Das war früher nicht so viel.“ S.

Neuer Biomarkt eröffnet trotz Protesten

Es gab viel Aufregung vorab, Donnerstag um acht Uhr wurden die Türen des „Denn’s“ Biomarktes in Linden nun aufgemacht. Bezirksleiter Peter Baranyai ist zuversichtlich, dass die Filiale gut laufen wird. Aber nicht alle Lindener sind davon überzeugt.

Sieben junge Erwachsene der „Freien Arbeiter und Arbeiterinnen Union“ (FAU) verteilten Flyer mit der Forderung nach fairen Arbeitsbedingungen und tariflicher Bezahlung für die Beschäftigten des Marktes. Dabei beziehen sie sich auf Aussagen aus einem Interview von Thomas Greim, dem Deutschlandchef der Supermarktkette. Bundestagsabgeordnete Heidrun Dittrich (Linke) schrieb einen offenen Brief an das Unternehmen, in dem sie die Offenlegung der Anstellungsbedingungen fordert.

„Es ist eine Veränderung des Stadtteils mit der nicht alle sofort einverstanden sind“, sagt Bezirksleiter Baranyai. Bereits vor der Eröffnung war es zu Protesten gekommen. Gentrifizierungs-Gegner bewarfen im Dezember die Fenster des Ladens mit Farbbomben und plakatierten die Limmerstraße mit Aufklebern. Ihre Wut speiste sich aus der „Vertreibung“ kleinerer Läden, die zuvor in der Limmerstraße 3 bis 5 saßen. Radio Menzel hatte sein Geschäft über 80 Jahre in den Räumlichkeiten. Doch nach einem Vermieterwechsel mussten neue Mietverträge aufgesetzt werden, die für die Ladenbesitzer nicht tragbar waren (NP berichtete).

Stephan Reers (47) war der erste Kunde im Biomarkt. „Ich freue mich, dass der Markt jetzt hier ist - vorher musste ich in die Stadt und dort beim „Denn’s“ einkaufen“, sagte er. Auch Waltraut Huke (73) genießt gleich morgens die fußläufige Nähe.

Marketingleiterin Christine Reich will die Skepsis nehmen: „Die Löhne werden mit den Bezirksleitern ausgehandelt, dabei orientieren sie sich an den tariflichen Regelungen und beachten die Lebensunterhaltungskosten der Regionen.“ Außerdem hätten sie im vergangenen Jahr besonders die unteren Gehälter deutlich angehoben.

Der ganz normale Alltagswahn

Von Stefan Gohlisch

Jetzt also die Gentrifizierung. Es war klar, dass die Debatte darum irgendwann auf der
Limmerstraße ankommen würde, so wie es jedes große deutsche Thema tut. Die multikulturelle, bunte, schräge, laute Limmerstraße war immer schon eine Blaupause, ein Mikrokosmos bundesrepublikanischer Wirklichkeit, ein sublokales Zentrum, in dem sich die weite Welt spiegelt.
Seit bald 20 Jahren lebe ich nun in Linden, mal auf der einen Seite der Limmerstraße, mal auf der anderen, aber immer nahe dran. Und seither höre ich von Menschen, dass es stetig bergab ginge, dass es früher so viel besser gewesen sei. Ich weiß nicht, welches „Früher“ sie meinen. Das des Arbeiterviertels? Daran, dass es das nicht mehr gibt, haben sie selber ihren Anteil. Dass der Punkszene der 80er Jahre? Die Zeiten sind endgültig vorbei. Als man noch in die Faust gehen konnte, wo dort jetzt doch nur noch junge Menschen hingehen? Tja, man wird älter – und hat inzwischen selber Kinder.
„Die Toleranzgrenze ist in den linksbürgerlichen Revieren dünn“, polemisierte unlängst „Spiegel online“-Autor Jan Fleischhauer in seiner Kolumne. Und weiter: „Daran ändert auch die Behauptung nichts, dass es bei den Protesten darum gehe, der weiteren Gentrifizierung Einhalt zu gebieten.“ Fleischhauer schrieb über den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und die durch Bundestagsvizepräsident
Wolfgang Thierse losgetretene Schwaben-Debatte. Aber man kann es eins zu eins auf Linden-Nord übertragen. Auch diesen Satz: „Die meisten, die jetzt so gerne über die Schwaben herziehen, sind selber Neu-Berliner.“
Was diesem Berliner sein Schwabe, ist dem Lindener der „Tourist“, womit er Bewohner anderer Stadtteile meint: jene Menschen, die auch mal „limmern“ wollen, also mit Flaschenbier in der Hand an den Geschäften, Imbissen, Kneipen und Kiosken vorbeischlendern. Sollen sie doch, heißt es dann, aber bitte nicht so laut. Und nicht so oft. Und nicht so jung. Toleranz kann entsetzlich intolerant sein.
Die fanatischsten Lindener sind zugezogen. Man umarmt die Welt und grenzt den Rest Hannovers aus. Das ist schon amüsant. Wie auch die Tatsache, dass jetzt ein Biogroßmarkt die Gemüter erhitzt, aber nicht der Filialist ein paar Meter weiter, mit mindestens ebenso fragwürdiger Geschäfts- und Personalpolitik.
Die Debatte zeigt vor allem eines: Der Lindener ist Lindener aus Überzeugung. Für seinen Stadtteil streitet er gerne. Und manchmal so anstrengend. Die kleine große Welt um die Limmerstraße kann man nicht einfach nur mögen, man muss sie lieben, wenn man es dort aushalten will. Kalt lässt dieses Viertel (fast) niemanden.
Vergangenes Jahr hatte ich das Vergnügen, einen aus Berlin stammenden Fotografen eines Reisemagazins durch die Limmerstraße zu führen. Ich erzählte ihm von dem rauen Charme der Gegend, der Kreativität, die sich in immer neuen, nicht immer treffsicheren Geschäftsideen Bahn bricht, von dem Eigensinn der Einwohner. Das alles konnte er ad hoc nachvollziehen, nicht aber, als ich vom etwas schmuddeligen Ruf erzählte, den der Stadtteil in anderen Teilen Hannovers hat. „Wieso?“, fragte er: „Im Vergleich zu Berlin ist es hier extrem sauber.“ Es ist nur eine Frage der Perspektive.
„Oh Limmerstraße!“, singt die Spaßband Spielvereinigung Linden-Nord auf die Melodie von Joe Dassins „Champs-Élysées“: „Dönerduft und Straßenbahn, der ganz normale Alltagswahn. Überall nur Kinderwagen – Limmerstraße.“ Der ganz normale Alltagswahn. Der wird bleiben. Und das ist auch gut so.


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