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Oft gescholten, aber voller Überraschungen: Hannovers Stadtteil Mühlenberg.© Treblin

Soziales

Mühlenberg - Waldheim: Zwei Stadtteile, zwei Welten in Hannover

Hannover ist multikulti – das betont nicht nur der Oberbürgermeister fortwährend. Das belegen auch die jüngsten Statistiken. Aber die Migranten verteilen sich nicht gleichmäßig in der Stadt. Ein Problem? Die NP war in dem Stadtteil mit der höchsten Quote an Menschen mit Migrationshintergrund unterwegs. Und in dem mit der niedrigsten Quote. Wie das Zusammenleben am Mühlenberg und in Waldheim funktioniert – ein Report.

Mühlenberg: Zwischen Gartenzwerg und Plattenbau

Ein Stadtteil, der von Vorurteilen belastet ist wie kaum ein anderer – und gleichzeitig voller Überraschungen steckt. Hier lebt man zwischen unliebsamen Plattenbauten und deutschem Spießbürgertum. Am Mühlenberg wohnen Menschen aus verschiedenen Nationen, mit verschiedenen Religionen und Kulturen. Und dabei funktioniert hier vor allem eines: das Miteinander.

„In den Vereinen finden die Kinder schnell zusammen“, stellt Michael Wolff (60) fest. Seit beinahe 25 Jahren ist er nun Teil des Vereinslebens im Stadtteil. Ganz gleich, ob im Mühlenberger Sportverein oder im Ersten Bahnengolfclub, Wolff kennt sich aus. Mühlenberg sei ein multikultureller Stadtteil, und das werde hier auch gelebt. Immerhin hat Mühlenberg einen Migran-tenanteil von 62,5 Prozent. Der Stadtteil ist vom Zuzug bestimmt. „Kinder, die kaum Deutsch sprechen, lernen die Sprache im Verein im Handumdrehen“, weiß der 60-Jährige. Beim Minigolfen treffen die Menschen aufeinander. „Hier spielen auch die Bewohner des Wohnheims“, sagt er. Auf die Formulierung legt Wolff dabei großen Wert, von Wörtern wie Flüchtlingsunterkunft hält er nichts.

Doch es gibt auch Dinge, die ihn stören: „Der Canarisweg ist ein Schandfleck für den Stadtteil.“ Dabei gehe es ihm aber nicht um die Menschen, „die dort wohnen müssen“, sondern vielmehr um die Politik. „Die Verantwortung für diese Quartiersbildung trägt derjenige, der es gebaut hat“, kritisiert er.

Bezirksbürgermeister An-dreas Markurth (53) meint: „Um den Stadtteil wirklich verstehen zu können, muss man den Hindergrund kennen.“ Denn der Mühlenberg ist vor rund 50 Jahren aus dem Nichts entstanden. Ein Stadtteil, der einmal 50 000 Menschen beherbergen sollte. Heute sind es gerade einmal 12 000. Bei Wolffs Forderung „In Waldheim könnten ruhig mehr Mi- granten leben“ winkt Markurth ab. Er ist überzeugt: „Hier ist schließlich noch Platz.“ Doch er weiß auch: „Wer im Canarisweg wohnt, hat es nicht leicht.“ Der Grund dafür sind ganz klar Vorurteile. „Der Deutsche ist von Grund auf spießig. Dass hier auf den Balkonen Wäscheleinen gespannt werden, versteht er nicht“, erklärt er. Wer sich mit der Adresse Canarisweg bewerbe, habe schlechtere Chancen. Nicht nur bei der Arbeitsplatz-, sondern auch bei der Wohnungssuche: „Wer hier einmal lebt, kommt nur schwer wieder weg.“ Es ist nicht einfach. Doch wenngleich der Mühlenberg für manche ein Schandfleck ist, bleibt er für andere ein Zuhause. So wie für den Iraker Fares Khodeida (46), der hier mit seiner Familie lebt. Er hilft in dem Kiosk seiner Cousine aus. „Hier kauft der gesamte Canarisweg ein“, sagt er. „Ich kenne sicherlich 70 bis 80 Prozent der Menschen, die hier leben“, fährt er fort. Doch es sei nicht immer einfach: „Manche halten sich nicht an Regeln.“

Der Iraker hat große Träume – er möchte gern umziehen. Doch neben der Tatsache, dass andere Wohnungen einfach nicht zu bezahlen seien, weiß auch er: „Mit der Adresse kommt man nicht weit.“

Da scheint es fast ironisch, dass hinter der Brücke, die den Canarisweg vom restlichen Stadtteil trennt, das deutsche Spießbürgertum seinen Platz gefunden hat. Bunt bepflanzte Vorgärten und Gartenzwerge, so weit das Auge reicht. Plötzlich ist es still und ruhig – die Menschen leben nicht mehr aufeinandergestapelt wie Schuhkartons, sondern in Reihenhäusern. „Das ist die andere Seite des Stadtteils“, erklärt Markurth.

Und doch sind alle verbunden. Das weiß Taxifahrer Gürsel Ilgin (55) aus 30-jähriger Erfahrung: „Man akzeptiert und respektiert sich. Meinen Taxen ist noch nie etwas passiert. Auch nicht im Canarisweg.“ Allen hier ist klar: Mühlenberg ist mehr als nur ein Vorurteil. Mandy Sarti

Waldheim: Man kennt sich, man hilft sich – und anderen

Eine Stadt, zwei Stadtteile, ein zweistelliger Unterschied: Mühlenberg und Waldheim trennen nicht nur vier weitere Stadtviertel. Waldheim liegt direkt an der grünen Lunge, sprich der Eilenriede; Waldheim verfügt über gehobene Alt- und hier und da auch Neubausubstanz; in Waldheim wohnen Promis wie Jens Eckhoff von Wir sind Helden, deren Musik womöglich in Mühlenberg gehört wird. Und während Mühlenberg einen Migrantenanteil von 62,5 Prozent aufweist, sind es in Waldheim gerade mal 7,1 Prozent.

Wer hier einen Namen wie Mustafa Gündoğdu hat, ist allerdings weit von dem entfernt, was landläufig unter „Migrant“ läuft. Mousse T. ist ein weltbekannter Musikproduzent und als Nachbar etwa genauso beliebt wie ein Jérome Boateng.

Ohnehin, „mit Ausländern haben wir hier kein Problem“, erzählt Günter Termat (66), „nur Russen haben hier mal Ärger gemacht. Den Wodka konnten wir gar nicht so schnell kühlen, wie sie den gekauft haben, und nachts haben sie sich die Flaschen gegenseitig übern Kopf gezogen.“ Termat arbeitet seit 15 Jahren im Kiosk in der Liebrechtstraße, früher abends nach der Arbeit bei der Stadt, jetzt als Rentner stundenweise tagsüber. Günter Termat kennt sie alle: „Ich mag das ja nicht so, wenn hier geklatscht wird. Aber manchmal kriegen wir auch nützliche Informationen – etwa, dass wieder eine Rentnerin gestorben ist, der wir jetzt keine Getränke mehr liefern müssen.“ Termat weiß, dass ein paar Häuser weiter eine deutsch-türkische Familie wohnt, deren Tochter gerade Medizin studiert. Er begrüßt die Mädchen und Jungen aus den umliegenden Schulen und ahnt, was in deren „bunten Tüten“ an Süßigkeiten soll. Und er kennt die Zigarettenmarken, die alte Leute aus dem benachbarten Pflegeheim rauchen. „Ich wohne ja auch hier“, sagt er. Und man sieht ihm an, dass ihm das gefällt. Hier wohnen würde auch sehr gern Güney Kayapinar (35) aus Garbsen, Oberkellner aus dem Steakhaus BBQ: „Ein tolles Stadtviertel, unglaublich grün und richtig nette Leute.“ Ja, bestätigt er, es kommen auch viele Gäste aus dem Viertel wie Mousse T. oder dem Nachbarviertel Waldhausen wie Altkanzler Gerhard Schröder. „Das Niveau ist hier so wie unser Fleisch- und unser Weinangebot, eben hochwertig“, so der elegante und freundliche türkischstämmige Mann mit deutschem Pass.

Pastor Werner Hennies sitzt im Gemeindehaus der evangelisch-lutherischen Timotheus-Kirchengemeinde in der Arnoldstraße, die in Waldhausen liegt, ist aber auch zuständig für Waldheim. Sehr viele seiner Gemeindemitglieder hat er nicht nur getauft, sondern just in diesem Frühjahr auch konfirmiert – seit 1993 ist der 62-Jährige hier schon Pastor. Eigentlich mag er nicht sagen, wie die Einwohner hier so ticken, „weil alle unterschiedlich sind und man ihnen nicht gerecht wird, wenn man alle über einen Kamm schert“. Aber dann sagt er doch: „Es sind offene Menschen. Und es sind viele junge Leute mit mehreren Kindern, oft drei oder vier.“

Dass diese Kinder für die Eltern kein Armutsrisiko darstellen, braucht er nicht zu sagen. In den Stadtvillen wohnen keine armen Leute. Was beileibe nicht heißt, dass sie kein Herz für jene haben, denen es nicht so gut geht. Für die Flüchtlingsunterkunft in der Grazer Straße (Trägerin ist die evangelisch-freikirchliche Gemeinde am Döhrener Turm) im benachbarten Waldhausen haben auch die Waldheimer gespendet und angepackt. „Die Stadt hat die Räume mit dem Nötigsten ausgestattet, die Nachbarn haben sie wohnlich gemacht“, sagt Hennies – durchaus ein wenig stolz.

Diesem Gefühl kann sich Bezirksbürgermeisterin Antje Kellner (SPD) nur anschließen: „Die Leute hier sind unglaublich engagiert, tolerant und weltoffen, und sehr viele helfen, wo sie nur können. Es ist eben wie ein Dorf in der Stadt.“ Petra Rückerl


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Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok