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Meine Stadt Mobbing: So trifft Experte Carsten Stahl ins Herz
Hannover Meine Stadt Mobbing: So trifft Experte Carsten Stahl ins Herz
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00:20 26.10.2018
"Welche Schimpfwörter kennt Ihr?", fragt Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl - und bekommt Dutzende Antworten. Quelle: Frank Walter
Hannover

Seine Rippe ist gebrochen, die Lippe aufgebissen, Blut rinnt aus seinem Mund. Es ist Spätherbst. Carsten Stahl liegt in einer drei Meter tiefen Baustellengrube. Ein 15-Jähriger hat den damals zehn Jahre alten Jungen aus dem Berliner Brennpunkt Neukölln hineingeschubst. Der Täter und seine Begleiter stehen oben am Rand, öffnen ihre Hosen und pinkeln auf ihr Opfer. Sie, die Täter, lachen.

36 Jahre liegt es zurück, dass der heutige 46-Jährige da unten lag. Geprügelt, erniedrigt, schikaniert. „Weil ich kleiner und dicker war, rötliche Haare und Sommersprossen hatte, wurde ich gemobbt. Mobbing ist ein Teufelskreislauf, ein Geschwür der Gesellschaft“, sagt er. Nein, er schreit es, wie ein Drill-Sergeant. Carsten Stahl steht in der Aula der IGS Isernhagen, vor ihm sitzen etwa 300 Fünft- und Sechstklässler. „90 Prozent Täter und Opfer“ nennt Stahl sie. Es ist still. Die Worte, die der muskelbepackte Mann, den einige Schüler aus der RTL-2-Serie „Privatdetektive im Einsatz“ kennen, kommen wie Gewehrsalven aus dem Mund. Einige Mädchen und Jungen weinen.

Kein weichgespülter Einheitsbrei

Carsten Stahl trifft mit seinen Erzählungen direkt ins Herz, weil er „nicht pädagogisch weichgespülten Einheitsbrei“ erzählt, sondern „echte Geschichten“. IGS-Schulleiter Jens Könecke: „Er bricht mit Konventionen und erreicht genau damit die Kinder.“ Mit viel Sport befreite sich der Berliner aus seiner Opferrolle. Je größer seine Muskeln wurden, desto öfter schlug er selbst zu. Nahm Drogen, rutschte ab, schlug noch mehr, wurde Chef einer Gang. Als sein Sohn auf die Welt kam, stieg er aus. Irgendwann kam er zum Fernsehen. Die Karriere legte er auf Eis, als sein eigener Sohn zum Opfer wurde. „Zwei Tage nach seiner Einschulung wurde mein Kind verprügelt. Da wusste ich, dass ich was tun muss. Ich wollte nicht, dass irgendwann mein Sohn da unten in einer Grube liegt.“

„Schau nie weg!“

Seitdem kämpft Carsten Stahl gegen Mobbing, gründete die Initiative „Camp Stahl“, will das Thema aus der Tabuecke holen. Das Motto: „Wehret den Anfängen!“ Nach eigenen Angaben hat der Ex-Türsteher bereits 36 000 Schüler mit seinen Seminaren erreicht. Mobbing-Experten gibt es einige, dennoch ist Stahl einmalig. Hart geht er mit Politikern und Schulleitern ins Gericht: „50 Prozent aller Direktoren sagen, dass es an ihrer Schule kein Mobbing gibt, weil sie um ihren guten Ruf fürchten. Und die Politiker schlafen, sie sind ideenlos, statt zu handeln.“ Ein Junge kommt am Ende nach vorne: „Du tust mir leid. Es ist furchtbar, was dir die Jungen damals angetan haben.“ Er solle ihm etwas versprechen, fordert Stahl: „Schau nie weg!“ Der Junge geht schweigend davon.

Von Britta Lüers

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