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Meine Stadt Mobbing-Opfer berichtet: Wenn Schule zum Spießrutenlauf wird
Hannover Meine Stadt Mobbing-Opfer berichtet: Wenn Schule zum Spießrutenlauf wird
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00:17 19.02.2019
GAR NICHT SMART: Mobbing in Schulen ist alltäglich, verbreitet sich vor allem durch soziale Netzwerke schneller als je zuvor. Quelle: Foto: dpa
Hannover

Hänseln, schubsen, ausgrenzen: Das gibt es auf jedem Schulhof. Doch wenn es sich häuft und sich plötzlich viele gegen einen stellen, aus Schubsen plötzlich Prügeln oder aus Hänseln sogar Erpressung wird, ist das kein normaler Streit mehr. Dann ist es Mobbing. Der tragische Tod einer elfjährigen Grundschülerin aus Berlin, die sich offenbar wegen massiver Anfeindungen das Leben genommen hat, hat das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

Mobbing – oft fängt es klein an. Ein fieser Blick, eine abfällige Bemerkung. Doch die Folgen für die Opfer sind groß. Die NP sprach mit der 13-jährigen Gymnasiastin Lily aus Hannover. Vier Jahre lang wurde das Mädchen von Mitschülern gemobbt. Seit anderthalb Jahren hat die Schikane ein Ende. „Es fing in der dritten Klasse mit normalen Streits mit einigen Mädchen an“, beginnt Lily ihre Erinnerungen. Es seien banale Dinge gewesen: „Meistens ging es um meine Klamotten, ständig wurde ich bewertet und für nicht richtig abgestempelt. Ich war noch nie der Typ Mädchen, der auf pink stand, schwarz fand ich immer besser.“ Weil sie oft mit Jungen spielte und sich in den Augen ihrer Klassenkameradinnen nicht mädchenhaft anzog, wurde sie als Junge beschimpft. Dann wieder verbreiteten ihre Peiniger Gerüchte: „Lily popelt“. Das Schlimmste daran sei gewesen, dass es nicht „einer gegen mich war, sondern gleich mehrere Mädchen ständig auf mir herumhackten“. Kalter Krieg auf dem Schulhof.

In der neuen Schule wechselten nur die Täter

Mit dem Wechsel auf das Südstädter Gymnasium hörte das Mobbing nicht auf. Lily hatte es gehofft, doch nur die Täter wechselten. „Ab der fünften Klasse wurde es richtig schlimm. Plötzlich waren es nicht mehr nur meine Klamotten, nun wurde ich als ganze Person in Frage gestellt. Ich sei es nicht wert, dass mich jemand mag, waren Sätze, die ich immer wieder zu hören bekam. Oft habe ich mich die ganzen Pausen im Klo eingeschlossen, um nicht noch mehr Bosheiten zu hören.“ Wieder waren es Mädchen, die Lily den Schultag regelmäßig zur Hölle machten. Manchmal sogar der Großteil der Klasse. „Die wenigsten haben den Mut, einem zur Seite zu stehen. Es ist halt leichter, stumm daneben zu stehen. Viele haben Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden.“ Sie sei immer trauriger und zugleich wütender geworden. „Manchmal hatte ich das Gefühl, ich würde an den bösen Blicken ersticken.“

Kann sie sich erklären, warum sie gleich zweimal Opfer von Mobbing wurde? „Weil ich nicht die typischen Mädchenklischees erfüllt habe, weil ich sehr selbstbewusst bin und mich gut mit Jungen verstehe. Ich bin noch nie mit dem Schwarm geschwommen, Gruppenzwang widert mich an.“ Als Lily in die siebte Klasse wechselte und die Klassen neu aufgeteilt wurden, hörte der Horror auf. Seit anderthalb Jahren herrscht nun Frieden. Lily: „Um die Mädchen, die mich so lange gemobbt haben, mache ich trotzdem noch einen großen Bogen.“

14-jähriges Erpressungsopfer suizidgefährdet

Renee Holze leitet das Kinder- und Jugendzentrum „Bärenhöhle“ in Linden. Viele der Acht- bis 15-Jährigen, die hier ihre Nachmittage verbringen, kennen Mobbing: weil sie selber Opfer oder sogar Täter sind. Erst vor sechs Monaten vertraute sich eine 14-jährige Kurdin der Sozialpädagogin an. Die Jugendliche ist zu traumatisiert, um selber über das Erlebte zu berichten. Holze: „Das Mädchen wurde in der Schule von allen Mitschülern wegen ihres Übergewichts gemobbt und täglich als ’Fette Sau’ beschimpft.“ Irgendwann erhielt sie eine Nachricht von einem Mitschüler, der ihr vorgaukelte, wie hübsch sie sei. Holze: „Das Mädchen hat ihm geglaubt. vielleicht auch deshalb, weil es die ersten netten Worte eines Mitschülers waren.“ Das Drama nahm seinen Lauf: „Die Jugendliche schickte dem jungen Mann freizügige Bilder, mit denen er die Schülern schließlich erpresste, er verlangte 300 Euro von ihr.“

In der Schule wurde die 14-Jährige nun als „Hure“ beleidigt. Holze: „Das große Dilemma war, dass sich das Mädchen nicht an seine Eltern wenden konnte. Als Kurdin durfte sie keinen Kontakt zu Jungen haben. Als sie schließlich zu mir kam, war sie stark suizidgefährdet, sah keinen Ausweg mehr.“ Die Sozialpädagogin konfrontierte den Täter, erstattete Anzeige.

Auch ein elf Jahre alter Junge, der am Tourettesyndrom leidet und oft in die „Bärenhöhle“ kommt, kennt Mobbing, so Holze: „Für ihn ist es Alltag, dass er als Behinderter beleidigt und auf dem Schulweg verprügelt wird.“ Renee Holze will das nicht hinnehmen: „Kein Kind sollte Mobbing als seinen normalen Alltag akzeptieren. Wir als Gesellschaft sind gefordert, die Verrohung der Menschen aufzuhalten, um nicht auch hier einen so tragischen Fall wie in Berlin zu erleben.“

Von Britta Lüers

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