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Meine Stadt Dieser Hannoveraner rekonstruiert Hitlers Führerbunker
Hannover Meine Stadt Dieser Hannoveraner rekonstruiert Hitlers Führerbunker
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00:19 22.02.2019
Martin J. Schwiezer, Geschäftsführer Nord/VR, Virtual Reality anhand Hitler-Kommandozentrale Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Ist der Führerbunker, der Ort, an dem Hitler Selbstmord beging, an dem Goebbels Frau Magda ihre Kinder vergiftete, geeignet, in einer virtuellen Realität (VR) wiederzuerstehen? Für Martin Schwiezer, Softwareentwickler aus Hannover, eine Frage, die er mit einem klaren Ja beantwortet. Schwiezer arbeitet mit seiner Firma Nord/VR an einer „Führerbunker-VR-Experience“ – einer virtuellen Reise zum Ende des Dritten Reichs.

Dabei kann man mit einer VR-Brille auf dem Kopf am Computer die Gänge und Räume des Luftschutzbunkers unter der Reichskanzlei besuchen. Detailreich und möglichst authentisch inklusive Geräuschkulisse mit Artilleriebeschuss sollen so die letzten Tage des Naziregimes nachvollziehbar werden.

Gefördert wird das Projekt mit 60 000 Euro von Nordmedia. Bedenken, mit einer solchen Anwendung einen Bestseller für Rechtsradikale zu schaffen, hat Schwiezer nicht. „Wir wollen den Führerbunker so zeigen, wie er war, in seiner ganzen Erbärmlichkeit“, sagt er. Kleine Räume, niedrige Decken, beengte Verhältnisse, in denen sich die letzten Nazi-Größen verkrochen hätten – alles andere als eine Umgebung, die zur Glorifizierung dienen könnte. „Es kann nicht von Nachteil sein, die ganze jämmerliche Enge hautnah vermittelt zu bekommen. Es geht um Entmystifizierung.“

Ein gutes Medium zur Vermittlung von Inhalten

VR-Dokus seien generell ein sehr gutes Medium, um Inhalte anschaulich zu vermitteln, meint er. Da habe es nahe gelegen, auch historische Orte, die zerstört wurden, mithilfe der modernen Computertechnik wieder zugänglich zu machen.

Schwiezer geht es dabei um Authentizität. Bei der Darstellung von Menschen gerät die Technik indes noch immer an ihre Grenzen. „Deswegen gehen wir da eher einen Schritt zurück. Wir zeigen die handelnden Personen als eine Art Hologramm, also abstrakter.“ Wichtig sei auch die Erzählweise. „Wir müssen darauf achten, dass das nicht in ein Abenteuer abrutscht.“ Das virtuelle Erlebnis soll in vier oder fünf Stationen gegliedert sein, die jeweils von einem Sprecher erläutert werden. „Das Ganze ist primär ein didaktisches Tool. Es soll dazu beitragen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.“

Virtuelle Showrooms für Industriekunden

Einige der bei Nord/VR beschäftigten Entwickler kommen aus der Game-Branche. Auch Geschäftsführer Martin Schwiezer hat früher Spiele entwickelt. Jetzt aber liegt der Schwerpunkt seiner Firma auf der Entwicklung interaktiver Showrooms und VR-Simulationen für Industriekunden.

So machen Schwiezer und seine Mitarbeiter etwa Immobilienprojekte in ihren Simulationen schon vor Baubeginn begehbar. Als Beispiel zeigt Nord/VR das Projekt der Steinberg Mansion in Norwegen auf der Firmenwebseite. Es sind aber nicht nur Anwendungen in der Virtuellen Realität, sondern ebenso 3-D-Inhalte für unterschiedliche Plattformen und 360-Grad-Anwendungen.

Aber die moderne Computertechnik bietet auch viele Möglichkeiten im Bereich der Forschung. In diesem Zusammenhang steht auch die Rekonstruktion historisch relevanter Objekte. FührerbunkerVR soll da eigentlich nur der Anfang sein. Falls das Konzept funktioniert.

Historiker sind skeptisch

Historiker sehen das durchaus kritisch. Friedrich Huneke, Geschichtsdidaktiker an der Leibniz Universität, kann sich zwar vorstellen, dass historisch korrekte Discovery-Formate, wie es sie etwa zum alten Ägypten gibt, durchaus für einen Unterricht in der fünften Klasse geeignet sein könnten. Generell steht er neuen Techniken nicht ablehnend gegenüber. So gebe es mittlerweile die Möglichkeit, aus Zeitzeugeninterviews Hologramme zu generieren, mit denen man in Interaktion treten, denen man Fragen stellen könnte.

Die Idee einer virtuellen Reise durch den Führerbunker aber hält er für Gruseldidaktik. „Was leistet das denn für den Schüler?“, fragt er. „Was will man damit erreichen?“ Besonders problematisch sei, dass man sich so der Perspektive der Haupttäter annehme. „Das könnte entgegen der Intention der Produzenten durch das Voyeuristische nach hinten losgehen.“

Wichtiger wäre es, Empathie für die Opfer zu fördern. „Seriöse Projekte beschäftigen sich mit denen, die gelitten haben“, sagt Huneke. Pädagogisch sinnvoll wären auch Themen, die sich mit Menschen im Feld zwischen Mitmachen und Widerstand bewegten. „Da könnten Schüler etwas für die Gesellschaft von heute lernen, über ihre Werte nachdenken.“

Andere Historiker kritisieren auch die Emotionalisierung, die eine VR-Simulation mit sich bringe. Das könne der Inhaltsvermittlung im Wege stehen. Ähnliche Argumente waren vor Jahren etwa gegen den erfolgreichen Film „Der Untergang“ mit Bruno Ganz vorgebracht worden, der ebenfalls die letzten Tage Hitlers im Führerbunker zum Thema hatte.

Erste Bilder geben schon einen guten Eindruck davon, wie die spätere FührerbunkerVR aussehen könnte. Dies sind natürlich nur Entwürfe, die spätere Darstellung kann davon noch deutlich abweichen. Das Nord/VR-Team hat dafür Fotos der Alliierten vor und nach der Sprengung ebenso ausgewertet wie Augenzeugenberichte etwa von Hitlers Sekretärin Traudl Junge.

Keine Nazi-Geisterbahn

Entwickler Martin Schwiezer nimmt diese Kritiken durchaus ernst, auch wenn er sie insbesondere hinsichtlich der didaktischen Bedeutung seines Projekts nicht teilt. Eine Nazi-Geisterbahn aber will er nicht erschaffen, sondern ein möglichst authentisches Erlebnis, das eben zur Auseinandersetzung mit der Thematik anregt. „Es kommt darauf an, wie weit man durch das Narrativ den Gesamtzusammenhang mit einbezieht“, sagt er.

Wenn sein Produkt dieses Ziel verfehlt, will er es erst gar nicht auf den Markt bringen, beteuert er. Zur Qualitätskontrolle sollen Historiker eingebunden werden. Die Förderung durch Nord-Media gelte auch nur für einen Prototyp. „Erst wenn wir den vorgestellt haben, entscheidet Nord-Media über die Endproduktion. Das zeigt, wie ernst alle das Thema nehmen.“ Angepeilter Veröffentlichungstermin ist Ende des Jahres oder Anfang 2020.

Von Andreas Krasselt

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