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Meine Stadt Mit der Astschere zugestochen
Hannover Meine Stadt Mit der Astschere zugestochen
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18:07 12.02.2019
PROZESSAUFTAKT: Anwalt Björn Nordmann und der Angeklagte Florian W. Foto: Quelle: Wilde
Hannover

Eigentlich ist der Fall klar: Florian W. (24) hat auf einem Grillfest seinen Kontrahenten (42) mit einer Astschere niedergestreckt. Das Opfer überlebte nur knapp. Elf Zentimeter tief steckte die Klinge in der Brust des arbeitslosen Malers. So muss sich Florian W. seit Dienstag vor der Schwurgerichtskammer wegen versuchten Totschlags verantworten.

Doch was ist am 6. August 2018 im Kleingartenverein Tannenkamp (Ledeburg) wirklich geschehen? Klar ist, dass sich der Angeklagte und das spätere Opfer nicht kannten. Florian W. und seine damalige Freundin (29) wurden von einem Freund des 42-Jährigen mitgebracht. Alle Männer auf der Party waren betrunken. Für das Opfer ist klar: W. war von Anfang an aggressiv. „Der Angeklagte wurde laut. Zuerst spuckte er meine Freundin an, dann warf er mit einem Wasserkanister um sich“, erzählt der 42-Jährige. Deshalb sei er dazwischen gegangen. Grund für den Streit sei gewesen, dass Florian W. den Pitbull der Freundin streicheln wollte. Die Frau habe ihm das verboten.

Kam es vor dem Stich zu einer Rauferei?

„Trotzdem wollten Sie meinen Mandanten nur bitten, den Garten zu verlassen?“, fragte Anwalt Björn Nordmann mit einem sardonischen Lächeln das Opfer. Die Antwort: „Das weiß ich nicht. Ganz sicher habe ich ihn nicht geschlagen.“ Auf weitere Nachfrage konnte sich der 42-Jährige nicht mehr erinnern, ob er nicht doch geschlagen und getreten habe. Aus Sicht der Freundin (24) des Opfers hörte sich das Geschehen schon ganz anders an. Sie erinnerte sich, dass es schon vor dem fast tödlichen Stich zu einer Rauferei zwischen den Männern gekommen sei. Florian W. habe dabei eine blutende Verletzung am Mund davongetragen.

Die Ex-Freundin (29) des Angeklagten schildert die Vorgänge komplett anders. Nicht Florian W. habe mit dem Kanister geworfen, sondern eine völlig betrunkene Frau. Ihr habe der Angeklagte gesagt, dass er in Notwehr zur Astschere gegriffen habe. In der Gartenlaube waren nur der Angeklagte, das Opfer und ein damaliger Freund des Opfers. Dieser Zeuge erschien am Dienstag nicht im Gericht. Auch die Polizei konnte ihn nicht finden. Die Freundschaft zwischen dem Zeugen und dem Opfer ist seit der Tat beendet.

Verminderte Schuldfähigkeit wegen Alkoholabhängigkeit?

Florian W. ist unter Alkoholeinfluss schon häufiger gewalttätig geworden. Aus diesem Grund ist eine verminderte Schuldfähigkeit wegen einer Alkoholabhängigkeit nicht ausgeschlossen. Der Mann stand bereits 2015 wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Hannover. Dabei war ebenfalls Alkohol im Spiel. W. hatte sich damals mit vier Punks angelegt und sich nur mit einem Messer zu helfen gewusst. Prozessbeobachter waren sich damals einig, dass der junge Mann damals in Notwehr gehandelt hatte. Er wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu 18 Monaten Jugendhaft verurteilt – nach einem monatelangen Prozess.

Von Thomas Nagel

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