Navigation:

EINE TOLLE FAMILIE: Alexandra (6), Sevastian (9 Monate), Mama Anna Tereschenko (35), Nikolai (9), Tamara (3), Lukas (9 Monate), Papa Alexej Tereschenko (39), Maria (8), Roman (2) und Xenia (10, von links) passen gerade so aufs Sofa.© Nancy Heusel

Reportage

Misburg: So lebt eine Familie mit acht Kindern

Alexej Tereschenko (39) und seine Frau Anna (35) aus Misburg haben acht Kinder. Ihre beiden Jüngsten, die Zwillinge Sevastian und Lukas, sind neun Monate alt, Xenia, die Älteste, feiert am 15. Oktober ihren elften Geburtstag. Die Tereschenkos sind eine Großfamilie. „Geplant war das so nicht“, gesteht der 39-jährige Familienvater rückblickend und lacht.

Hannover. In der Woche trinken die acht Kinder und zwei Eltern zusammen 24 Liter Milch, verbrauchen knapp 100 Windeln und kochen pro Essen ein Kilogramm Nudeln. „Aber wir essen ja nicht nur Nudeln“, gibt Xenia (10) zu bedenken. Spaghetti allein machen eine zehnköpfige Familie einfach nicht satt.

Wenn die Tereschenkos spazieren gehen, verdrehen die Menschen die Köpfe nach ihnen: „Sie versuchen immer zu zählen, wie viele Kinder wir dabei haben“, sagt Papa Alexej, „aber das schaffen sie meistens nicht“. Seine Kinder sind ständig in Bewegung, sie wuseln um den Kinderwagen der Zwillinge herum, laufen vor, bleiben stehen, fallen zurück: „Es ist wichtig, die Übersicht zu halten“, so der 39-Jährige.

Gegen 5.30 Uhr steht der Familienvater normalerweise auf: Er weckt nacheinander die Kinder, hilft beim Anziehen und geht dann in die Küche: „Die einen wollen Milchreis, die anderen Joghurt, und der aktuelle Renner ist das selbstgebackene Brot von meiner Frau Anna.“ Schmieren muss die Brote der Papa, für die einen mit Wurst, für die anderen mit Käse oder Marmelade. Geschmäcker sind verschieden.

Um 7.30 Uhr gehen die Großen in die Schule, um 8 Uhr bringt der 39-Jährige die Kleineren in den Kindergarten, die ganz Kleinen bleiben bei Mama zu Hause. Um 9 Uhr fährt Papa Alexej in die Bibliothek, er liest sehr viel. Um 13 Uhr holt er die Kindergartenkinder wieder ab und bringt sie zum Mittagessen nach Hause, das seine Frau bereits vorbereitet hat. An manchen Tagen gehen die Kinder zum Judo oder zum Schwimmen oder zur Hausaufgabenhilfe. „Ab 20 Uhr haben wir Elternzeit, dann gehen die Kinder ins Bett und wir fordern unsere Ruhe ein“, erklärt Anna Tereschenko.

Wenn die zehn gemeinsam ihr Reihenhaus in Misburg verlassen, muss das organisiert ablaufen – und alle packen mit an: Die größeren Kinder helfen den kleineren, die Eltern halten die Zügel in der Hand. Ruck, zuck sind alle fertig angezogen: „Mein Kleidungsstil ist sehr spartanisch, wir tragen praktische Kleidung, die zum Beispiel nicht gebügelt werden muss“, so Alexej Tereschenko. Sonst sei die Wäsche nicht zu schaffen: „Es laufen eigentlich immer eine Waschmaschine und der Trockner. Nur am Wochenende ist meist Pause“, erklärt seine 35-jährige Frau.

Anna Tereschenko kommt selbst aus einer Großfamilie, sie hat fünf Geschwister. Für ihren Mann Alexej war das Konzept der Großfamilie vollkommen neu: „Ich habe nur eine Schwester, als ich Annas Familie kennenlernte, war das zunächst befremdlich. Ich habe mich aber schnell daran gewöhnt und fand den Umgang untereinander toll“. Auf ihrer Hochzeitsfeier wurde das frisch vermählte Paar gefragt, wie viele Kinder man denn nun haben wolle. Bräutigam Alexej scherzte: „Es werden bestimmt acht“. Und aus Spaß wurde Ernst. „Ich wusste damals nur, ich bin ein Familienmensch, aber auf eine feste Zahl haben wir uns nie wirklich geeinigt. Das wollen wir auch nicht“, so der stolze Papa heute. Vielleicht gibt es sogar noch ein neuntes Kind, sagt er: „Ausschließen wollen wir das nicht. Allerdings ist mit den Sevastian und Lukas jetzt der Traum meiner Frau wahr geworden. Sie wollte immer Zwillinge haben.“

Im ersten Stock des Hauses teilen sich die acht Kinder links ein Spielzimmer mit Plastikbausteinen, Kuscheltieren und Leseecke für die älteren. Geradeaus schlafen die Mädchen zwischen rosafarbenen Wänden, rechts die Jungs in Blau getaucht. Etagenbetten bieten ausreichend Schlafgelegenheiten. Ein Stockwerk höher haben die Eltern ihren Rückzugsort, ihr Schlafzimmer und ein geräumiges Arbeitszimmer, in dem ein Digitalpiano steht.

Alexej Tereschenko komponiert klassische Musik: „Dabei kann ich abschalten, das ist mir wichtig“. Am Wochenende ist er Priester der russisch-orthodoxen Maria-Verkündigungsgemeinde in Hannover. In der Woche ist er Krankenpfleger in der Medizinischen Hochschule. Und nebenbei macht er gerade im Fernstudium einen Master im Fach Religion im kulturellen Kontext. Wie kriegt man das alles unter einen Hut? „Im Augenblick bin ich in Elternzeit“, sagt der 39-Jährige ganz selbstverständlich.

Auch Anna Tereschenko ist nicht „nur“ Mutter: „Ich gehe in meiner Mamarolle total auf, aber ich brauche auch meine Verschnaufpausen. Dann muss ich etwas für mich alleine machen“. Die 35-Jährige ist Chorleiterin und Organisatorin der Gemeindeschule im Stadtteil Hainholz. Außerdem besucht sie regelmäßig einen Nähkurs – zum Abschalten.

Für den gemeinsamen Haushalt hat die Familie einen Plan erstellt: Jemand muss das Spielzimmer aufräumen, ein anderer das Wohnzimmer, es gibt einen Küchendienst, und jemand muss die Schuhe im Flur ordentlich aufstellen. In unregelmäßigen Abständen kommt „Oma Emma“, die Großmutter von Anna Tereschenko, um in der Küche zu helfen. Sie kocht Suppen und brät Frikadellen für die Tiefkühltruhe. Viel Hilfe erhält die Familie auch aus ihrer Kirchengemeinde.

In Hannover, der Heimatstadt der Tereschenkos, gibt es aktuell 21 Familien mit sieben Kindern und acht Familien, die acht oder mehr Kinder haben. In ganz Deutschland gibt es rund 71.000 Familien mit fünf oder mehr Kindern, genauere Statistiken werden bundesweit nicht geführt. Für das siebte Kind erhalten Eltern in Deutschland vom Bundespräsidenten Joachim Gauck eine Ehrenpatenschaftsurkunde und eine kleine Finanzspritze von 500 Euro. Da die Tereschenkos zuletzt Zwillinge bekamen, erhielten sie für Sevastian und Lukas je eine Urkunde und insgesamt 1000 Euro von Gauck.

Das ist Geld, das die Eltern eventuell in ihren nächsten Urlaub investieren: „Urlaub ist immer schwierig. Am Wasser geht gar nicht, da verliert man zu schnell den Überblick, und das kann gefährlich werden“, erklärt Alexej Tereschenko. Einmal, 2011, hätte man es zu zehnt in Kroatien probiert: „Aber das machen wir nicht nochmal“, resümiert seine Frau Anna. Außerdem sei es schwer, überhaupt eine ausreichend große Unterkunft zu finden. Und: „Das Urlaubsziel muss mit dem Auto zu erreichen sein, sonst wird das Reisen zu teuer.“

Ihr neues Ziel liegt in der Westukraine. Die Wallfahrtsstadt Potschajiw liegt ungefähr 1300 Kilometer und mindestens 13 Autostunden von Hannover entfernt. Dort kommen die acht Kinder und zwei Erwachsenen in einer Klosterherberge unter – und können in voller Abgeschiedenheit wieder Kraft für den Alltag tanken.

von Tobias Welz


Anzeige
Bildergalerien Alle Galerien
Was halten Sie von einem Rauchverbot im Auto?

City Click

"Märchenhafte Stimmung über dem Tiergarten" - so betitelte NP-Leserin Catharina Cordes ihr Foto. In der Tat: Ein märchenhaftes Bild.

zur Galerie

Schicken Sie uns Ihren City Click!

Haben Sie ein tolles Motiv fotografiert? Die Redaktion wählt mehrmals pro Woche die schönsten Leserfotos aus und veröffentlicht sie in der City Click Galerie.

Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok