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Prozess

Merkwürdiger Freispruch

Als Putzfrau „verwaltete“ Marion Ulrich (52, Name geändert) das Geld eines 92-Jährigen Pflegeheimbewohners. Am Ende war das Konto leer, etwa 10 000 Euro fehlten. Die Angeklagte war im Besitz von EC-Karte und Pin. Ihre Behauptung, dass sie das Geld dem Senior überlassen habe, reichten für einen Freispruch.

hannover. Das Wort „Abschreckung“ vermeiden Juristen gerne. Sie reden von Generalprävention, wenn die Verurteilung ein Zeichen setzen soll. Richter Rainer Gundlach ist das gestern in negativer Hinsicht gelungen. Er sprach Marion Ulrich (52, Name geändert) vom Vorwurf der Untreue frei. Oberstaatsanwältin Irene Silinger konnte nur den Kopf schütteln: „Wir prüfen eine Revision.“

Die Anklage: Die Reinigungskraft soll einen Senior (92) um rund 10 000 Euro erleichtert haben. Zuerst begleitete sie den gehbehinderten Mann zur Bank, später hatte sie EC-Karte samt PIN. In erster Instanz wurde sie zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. In der Berufung vor dem Landgericht sagte sie, dass sie dem Senior das Geld zurückgegeben habe. Doch dafür gibt es keine Belege.

Daraufhin urteilte Richter Gundlach: „Zu viele Dinge blieben ungeklärt.“ So habe der leicht demente Rentner Ende 2014 bei Barabhebungen 1100 Euro von der Bank erhalten. Was der Mann mit dem Geld gemacht habe, sei unklar geblieben. Für den Richter steht fest: Ende 2014 ging der gehbehinderte, hochbetagte Senior alleine zur Bank und verjubelte anschließend das Geld. Zumindest könnte es so gewesen sein.

Denn angeklagt waren 27 Fälle, die sich von Januar bis August 2015 zugetragen haben. Für diese Zeit gibt es keine Kontoauszüge. Marion Ulrich hatte eingeräumt, mit der EC-Karte des 92-Jährigen zur Bank gegangen zu sein. Das Geld habe sie ihm gegeben, später das Geld für ihn in ihrem Spind im Keller aufbewahrt. Doch wo ist es geblieben? „Das haben wir nicht aufklären können“, so der Richter. Deshalb dürfe man die Angeklagte nicht verurteilen. Schließlich habe der Senior auch Verdächtigungen gegenüber seinem Neffen und seiner Betreuerin geäußert.

Zur Tatzeit war das Opfer schon leicht dement. Geradezu typisch für ein solches Krankheitsbild ist das tiefe Misstrauen gegen Personen im engeren Umfeld. Gegenüber dem Heimleiter erklärte die Angeklagte schriftlich, dass sie das Geld des 92-Jährigen „verwaltet“ habe. Warum der Richter solche Fakten im Urteil nicht erwähnte, bleibt sein Geheimnis.

Von thomas nagel


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