Navigation:
DISKUTIEREN BEI DER NP: Theologin Hamideh Mohagheghi (links) und Bischof Ralf Meister (rechts) mit Chefredakteur Bodo Krüger (2.v.l.) und Redakteur Dirk Altwig (2.v. r.).

DISKUTIEREN BEI DER NP: Theologin Hamideh Mohagheghi (links) und Bischof Ralf Meister (rechts) mit Chefredakteur Bodo Krüger (2.v.l.) und Redakteur Dirk Altwig (2.v. r.).© Florian Petrow

Doppel-Interview

Meinen wir eigentlich denselben Gott?

Was hat Religion damit zu tun? Der evangelische Landesbischof Ralf Meister und die bekannte islamische Theologin Hamideh Mohagheghi aus Hannover diskutieren im NP-Interview über Glaube, Terrorismus und Integration.

Hannover. Frau Mohagheghi, Herr Meister, beginnen wir mit einer einfachen Frage. Mit „Gott“ und „Allah“ - meinen wir da eigentlich denselben Gott?

Mohagheghi: Ich sage ja. Wenn wir alle davon überzeugt sind, dass es nur einen Gott gibt, dann kann es nur der eine sein. Es gibt aber unterschiedliche Zugänge, wie man Gott versteht, welche Erfahrungen man mit ihm hat und welche Wege unsere Religionen uns ebnen, diesem Unbeschreibbaren näher zu kommen. Da unterscheiden wir uns. Gerade das macht die Begegnung von Christen und Muslimen spannend.

Meister: Große Zustimmung! Aber die Frage, ob Allah, Adonai im Judentum und der Vater Jesu Christi ein und derselbe Gott sind, ist eine erkenntnistheoretische Frage, die alleine Gott beantworten kann. Das liegt nicht in der Möglichkeit des Menschen. Wir reden über die Bilder, die wir uns von Gott machen. Oft sind die nah beieinander.

Also, Sie wissen es nicht?

Meister: Ich rede über mein Bild von Gott, wie er sich mir offenbart hat. Ob es derselbe ist, der sich in den jeweiligen Religionen offenbart, wird am Ende der Zeiten Gott selbst klären.

Mohagheghi: Ich finde die Frage an sich nicht korrekt, weil wir dann nach einer Antwort suchen, um Gott zu beschreiben, und das können wir nicht. Gott ist immer größer als das, was der Mensch jemals denken kann.

Hier in Deutschland haben die großen Kirchen mit sinkenden Mitgliedszahlen zu kämpfen und an Bedeutung verloren. Der Islam scheint bei jungen Leuten mit Migrationshintergrund an Bedeutung zu gewinnen. Gerade viele junge Türken scheinen frömmer zu werden. Wie kann man diese unterschiedliche Entwicklung erklären?

Mohagheghi: Ich würde nicht den Glauben der Menschen an der Mitgliedschaft bemessen. Junge Menschen suchen nach eigenen Wegen. Sie fallen nicht mehr in diese vorgeformte Religiosität. Ob die junge Generation der Muslime frömmer geworden ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht nehmen wir es intensiver wahr.

Wie meinen Sie das?

Mohagheghi: Meine Erfahrung ist, dass bei Muslimen derzeit alles, was mit Glauben zu tun hat, viel intensiver wahrgenommen wird. Ich kenne viele, die sagen, mir ist in dieser Gesellschaft erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001 bewusst geworden, dass ich Muslim bin.

Verstehen wir Sie richtig - der Terror war ein Identität stiftendes Moment?

Mohagheghi: Für manche ja. Ich hatte zwei Tage nach den Anschlägen auf einer Tagung ein irritierendes Erlebnis. Da fragte eine Teilnehmerin, ob ich erklären kann, wie der Attentäter Mohammed Atta sich gefühlt hat, als er das Flugzeug in den Turm geflogen hat. Was für eine Unverschämtheit! Viele Muslime erleben das heute immer wieder so ähnlich, dass sie Dinge erklären sollen, die angeblich im Namen des Islam geschehen sind - und die für sie doch genauso unfassbar sind. Dann sagen sie vielleicht: „Dann kann ich meinen Glauben auch zeigen, wenn ich sowieso über meinen Glauben wahrgenommen werde.“ Und dann gibt es noch einen Punkt: Der Islam wird als einfache Religion dargestellt. Man muss angeblich nur ein paar Regeln befolgen und dann ist man ein guter Gläubiger.

Meister: Es gibt in Deutschland eine unterschiedliche Wahrnehmung des Islam vor und nach den Anschlägen vom 11. September. Muslime sagen mir immer wieder, dass sie darunter leiden, durch diese Brille gesehen zu werden. Ich möchte aber noch mal auf die Frage der sinkenden Mitgliedszahlen zurückkommen: Die Kirchenmitgliedschaftsstudie hat gezeigt, dass wir in Deutschland erstmals eine wachsende Anzahl von Menschen haben, die klar sagen, Kirchenaustritt kommt für mich nicht in Frage. Das ist sehr erfreulich! Die Grundfrage nach dem Sinn des Lebens spielt eine immer stärkere Rolle, und da gibt es zunehmend religiöse Antworten.

Frau Mohagheghi sagt, „Islam ist schön einfach“. Müsste das Christentum vielleicht auch etwas einfacher sein?

Meister: Zu sagen: „Das musst du tun und dann ist alles erledigt“, diese ungebildete Einfachheit ist die Voraussetzung für Fundamentalismus - in allen Religionen.

Mohagheghi: Wenn wir diese Videobotschaften hören, etwa die des Salafisten Pierre Vogel, der behauptet, in 30 Sekunden erklären zu können, was der Islam ist, da kann ich nur sagen: Gott und Prophet Muhammad haben 23 Jahre für die Erklärung gebraucht. Dieses „Du musst nur das und das tun und dann kommst du ins Paradies“, das kann ich nicht mehr hören, damit wird der Glaube ziemlich reduziert.

Meister: Religion macht das Leben nicht einfacher, sie deutet das Leben in einem größeren Zusammenhang. Man muss aber selber um Antworten ringen bei Fragen wie Erlösung, Sünde und Schuld. Religion gibt keine simplen Antworten, und sie ist auch kein Dienstleistungsangebot, sondern die existenzielle Frage nach Sinn und Herkunft meines Lebens. Das muss man allen Fundamentalisten klar sagen. Auch, dass in der Religion Glaube und Verstand gefragt sind.

Die schlichten Botschaften scheinen Menschen zu erreichen. In Hannover hat eine 15-jährige Muslima einen Polizisten niedergestochen. Warum landen Typen wie Pierre Vogel beim Islam?

Mohagheghi: Tja. Das sind Menschen, die in einer zerrissenen Welt leben und Halt suchen. Für jemanden, der gesagt bekommen will, was er tun soll, da kann das attraktiv sein. Es gibt eben Menschen, die Probleme mit Nachdenken und Hinterfragen haben.

Herr Meister, in welchem Verhältnis stehen Islam und Gewalt?

Meister: Ich bekomme häufig Briefe mit dem Vorwurf, wir würden die Kirche an den Islam verkaufen, wenn wir in den Dialog treten. Und dann werden einzelne Suren zitiert, etwa über das Töten der Konvertiten. Ehrlicherweise muss man sagen, das finden wir in einigen Psalmen der Bibel auch. Es ist deshalb die theologische Arbeit zu zeigen, dass die Religionen Frieden und Gerechtigkeit wollen und selbstverständlich auch so handeln müssen. Dafür muss man die Heiligen Schriften aber auch historisch-kritisch lesen.

Frau Mohagheghi, aber warum berufen sich so viele Terroristen auf den Islam? Zufall?

Mohagheghi: Die Antwort auf diese Frage ist nicht, dass das alles nichts mit dem Islam zu tun hat. Es gibt komplexe Ursachen wie historische Entwicklung, machtpolitische und wirtschaftliche Interessen. Die arabische Welt wurde vom Westen kolonialisiert. Die meisten Grenzen zwischen den muslimisch geprägten Ländern wurden Anfang des 20. Jahrhunderts zum Teil willkürlich gezogen. Die Muslime in diesen Gebieten sehen sich ungerecht behandelt. Die Reaktion nach den Anschlägen von 2001 hat es auf die Spitze getrieben - der Einmarsch in Afghanistan und den Irak. Der religiöse Extremismus bekommt seine Nahrung, wenn die vielfältigen Ursachen mit einigen passenden Versen aus dem Koran willkürlich in Beziehung gesetzt werden.

Meister: Leider ist das so: Mit einer falschen Interpretation kann man mit jeder Religion Terror und Gewalt rechtfertigen.

Wie kann man den rechten Rand in Deutschland davon überzeugen, dass der Islam zu Deutschland gehört?

Meister: Es gibt Menschen, die sich überfordert fühlen. Etwa, wenn sie in der U-Bahn viele verschiedene Sprachen hören. Da denkt mancher, die Welt wäre doch einfacher, wenn ich alles verstehen könnte. Das ist der Wunsch nach einer Welt, die wir nie wieder bekommen. Wir brauchen jetzt Leitplanken, an die sich alle halten, auch die AfD. Es wäre völlig absurd zu sagen, vier Millionen Muslime und eine Million Flüchtlinge müssen raus aus Deutschland. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine extrem stabile Demokratie haben, zu der sich übrigens auch die überwiegende Zahl von Muslimen bekennt.

Welche Erwartung haben Sie denn an die Menschen, die kommen? Die können ja auch nicht davon ausgehen, dass hier alles so ist wie bei ihnen zu Hause.

Meister: Ja. Ich sage: „Wenn ihr hier bleiben wollt, habt ihr nicht eine Ewigkeit Zeit, euch einzugewöhnen und in 20 Jahren noch zu erzählen, es sei so schwierig, Deutsch zu lernen und die Grundrechte zu kennen.“ Da erwarte ich eine hohe Bereitschaft, sich zu integrieren. Wir müssen jedoch gleichzeitig sehen, was wir tun können, damit das gelingt. An manchen Stellen, etwa bei Sprach- und Integrationskursen, können wir sicherlich noch mehr tun, sie schneller anbieten und sie vor allem jedem anbieten.

Mohagheghi: Wir nehmen die, die kommen, mit offenen Armen auf. Zugleich müssen sie von Anfang an lernen, wo sie leben. Wir dürfen da keine falsche Bescheidenheit zeigen. Es kann nicht sein, dass ein Flüchtling in einer Unterkunft von einer Frau in der Kantine kein Essen annimmt. Dann bekommt er eben keins. Wir müssen uns selbst bewusst sein, welche offene Gesellschaft wir haben. Und auf die können wir doch stolz sein. Wir müssen sensibel für die Religion und Kultur der Geflüchteten sein, aber wir müssen nicht auf jede Kleinigkeit Rücksicht nehmen, an die diese Menschen noch nicht gewöhnt sind. Sie müssen sich daran gewöhnen.

Es scheint da bei einigen Flüchtlingen ein etwas anderes Verständnis von den Geschlechterrollen zu geben.

Mohagheghi: Ja, ich höre das öfter von Lehrerinnen, dass manche muslimische Jungen sie nicht respektieren. Aber eine Lehrerin muss doch in der Lage sein, sich gegen einen zwölfjährigen Bengel durchzusetzen, ohne gleich in den Verdacht zu kommen, gegen Islam und Muslime zu sein.

Frau Mohagheghi, Sie würden ein patriarchisches Familienbild mit dem Mann an der Spitze, der sagt, was zu tun ist, nicht akzeptieren?

Mohagheghi: So hat auch Muhammad nicht gelebt. Das ist nicht mein Glaube.

Darf man eine Burka in einem westlichen Land tolerieren? Wir erschrecken uns immer, wenn wir so eine Frau sehen.

Mohagheghi: Da bin ich mit mir selbst nicht ganz im Reinen. Der Glaube schreibt das nicht vor – und ich kann verstehen, wenn das als Provokation wahrgenommen wird. Aber ein Verbot? Auch das greift in menschliche Freiheiten ein.

Meister: Spannende Frage. Zumindest momentan ist die Burka kein Problem in unserer Gesellschaft, auch in Berlin-Neukölln noch nicht.

Aber ist die Burka nicht ganz eindeutig das Zeichen „Ich will hier nicht dazugehören“?

Mohagheghi: Genau das haben wir schon beim Kopftuch diskutiert. Das ist die Interpretation von außen. Es mag Frauen geben, die sich verpflichtet fühlen, Burka zu tragen, ohne dazu gezwungen zu werden.

Meister: Es kann sein, dass Frauen, die die Burka nicht mehr in der Öffentlichkeit tragen dürfen, Haus oder Wohnung dann gar nicht mehr verlassen würden. Wollen wir das? Ich glaube nicht, dass der soziale Friede durch das Tragen der Burka gefährdet ist. Deshalb würde ich das momentan nicht gesetzlich regeln.

Sie sagen deutlich momentan, Herr Meister.

Meister: Ja. Wie gesagt, wenn der soziale Friede in Gefahr geriete, müsste man vielleicht über Regeln reden.

Mohagheghi: Es ist auch eine Frage der Zahl. Oder des Ortes. Am Arbeitsplatz kann ich mir Burkas nicht vorstellen. Eine Frau, die sich entscheidet zu arbeiten, muss mit Kollegen und Kunden auch von Angesicht zu Angesicht reden.

Nirgends gehört der Islam so deutlich zu Deutschland wie in der Fußballnationalmannschaft. Was können wir da lernen?

Meister: Wunderbares Beispiel. Ich erlebe das auch bei meinem Sohn, der zu muslimischen Hochzeiten seiner Mannschaftskameraden geht. Und die muslimischen Freunde sind zur Taufe meines ersten Enkels gekommen. Schauen wir doch darauf, wie selbstverständlich und friedlich heute vieles schon geht!

Mohagheghi: Was wir in den vergangenen 35 Jahren erreicht haben, ist enorm. Ich habe vor zwei Wochen auf dem Katholikentag gesagt: „Ich fühle mich hier nicht mehr als Gast, sondern ich fühle mich zu Hause.“ Vor 30 Jahren wäre ein christlich-islamisches Zentrum auf dem Katholikentag doch noch undenkbar gewesen. Es ist nicht alles gut, aber es ist schon viel erreicht!

Frau Mohagheghi, es gibt den Begriff vom „Europäischen Islam“, für einen modernen, aufgeklärten Islam. Wäre das ein Weg?

Mohagheghi: Mit dem Begriff habe ich ein Problem. Was ist denn „Europäischer Islam“? Wer entscheidet, was dazugehört? Aber der Islam hat eine Chance in Europa. In vielen islamischen Ländern ist es nicht möglich, zu einer Theologie zurückzugehen, wo wir hinterfragen und forschen dürfen.

Meister: Das ist genau der springende Punkt: Religion geht nicht ohne Theologie. Religion muss hinterfragt werden.

Mohagheghi: Das ist genau das Problem für uns Muslime. Wir haben in den vergangenen zwei, drei Jahrhunderten unsere wissenschaftliche Theologie verloren. Es geht zu viel um Äußerlichkeiten. Es gibt tausende Bücher übers Fasten oder Beten, aber über Kernfragen der Theologie wie die Hingabe zu Gott, da gibt es wesentlich weniger Literatur. Es geht doch zum Beispiel beim Gebet darum, Kraft zu schöpfen, und nicht darum, bei Gott Punkte zu sammeln.

Meister: Ich erlebe übrigens bei vielen Muslimen eine große Neugier auf Martin Luther. Der hat die Kirche und ihre Lehrtradition vor 500 Jahren in Frage gestellt und damit die Tradition des Punktesammelns bei Gott radikal anders gedeutet.

Mohagheghi: Es ist langer Weg mit Widerständen und Erfolgen, den auch die Kirchen hinter sich haben. Wir Muslime in Deutschland müssen uns noch zusammenfinden. Es ist ein wichtiger Anfang, dass in Niedersachsen jetzt Imame und Religionslehrkräfte ausgebildet werden.


Anzeige
Bildergalerien Alle Galerien
Die Bahn verspricht, pünktlicher zu werden - schafft sie das?

City Click

"Märchenhafte Stimmung über dem Tiergarten" - so betitelte NP-Leserin Catharina Cordes ihr Foto. In der Tat: Ein märchenhaftes Bild.

zur Galerie

Schicken Sie uns Ihren City Click!

Haben Sie ein tolles Motiv fotografiert? Die Redaktion wählt mehrmals pro Woche die schönsten Leserfotos aus und veröffentlicht sie in der City Click Galerie.

Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok