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Meine Stadt Das war das Megakonzert von Eminem
Hannover Meine Stadt Das war das Megakonzert von Eminem
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12:55 11.07.2018
Eminem beim Konzert in Hannover. Quelle: Jeremy Deputat
Hannover

16 Jahre. Das ist eine verdammt lange Zeit. Man kann Königskinder zeugen. Man kann Welten untergehen sehen und den gesunden Menschenverstand. Man kann enorm viel Vorfreude aufbauen. „16 Jahre waren wir nicht in Deutschland – habt ihr uns so vermisst wie wir euch?“, fragt Eminem: „Dann macht so viel Krach, dass man euch noch hört in Fucking America.“

Und dann spielt er, der Weltstar des Raps, bei seinem einzigen Deutschlandkonzert auf Hannovers Messegelände als sechsten Song des Abends „White America“. Das ist eine seiner bösen Abrechnungen mit dem Land, aus dem er kommt, ohne das er nicht kann und das ohne ihn nicht kann: ihn, der noch den Zerrspiegel des Amerikanischen Traums mit Füßen in Splitter tritt. Denn es fühlt sich so leer an ohne ihn - „Without me“.

Plötzlich war er da, Ende der 90er, dieser käsebleiche Rap-Punk mit den blondierten Haaren, dem kaputten Alter Ego Slim Shady und dem unverwechselbaren Sprechgesang-Stil: nasal, unverschämt und vor allem blitzschnell, auch im Kopf. „My Name is“ verkündete er damals, verkündet er auch heute, und präsentierte sich im dazugehörigen Video gleichzeitig als galliger Schwiegermutter-Traum und als Präsident Bill Clinton – samt einer Praktikantin, die die Schnauze voll hat.

Da, wo die USA besonders bigott sind, hakt er ein, spuckt den Satten, den Reichen, den Etablierten die Ressentiments der Abgehängten vor die Füße: „Won't back down“, „Kill you“, „Just don't give a Fuck“, mal mit Kinderchor („Like Toy Soldiers“), mal mit Streichern („Square Dance“). Ein ganzes Orchester steht da auf der Bühne, Gitarre, Bass, Schlagzeug und der ganze Rest. Sind Frauenstimmen gefragt, singt die großartige Skylar Grey mit. Und auf der Bühne erstrahlt – dank Video und Scheinwerfern – die US-Diaspora in Regenbogenfarben.

Eminem bietet einen Best-of-Abend. Er trägt säuberlich gestutzten Vollbart, leichten Bauchansatz und blauen Traningsanzug. Vom aktuellen, ungeliebten, weil doch etwas weichgespülten „Revival“-Album verteilen sich gerade mal drei Songs in die zweite Konzerthälfte. Die Musiker, mit denen Eminem da zusammenarbeitete, Beyonce, Ed Sheeran & Co., hätte er früher wohl gedisst und nicht gefeaturet. „Framed“, „Walk on Water“ und „River“ sind zu hören, gut versteckt zwischen Hits wie dem elegischen „Stan“ und „Love the Way you lie“, oft verkürzt, immer frenetisch zu feiern. Er könne nicht gehen, scherzt er zwischendurch: „Ich möchte hier leben – in einem Trailer.“

Es hatte ja nicht gerade nach idealem Open-Air-Wetter ausgesehen. Regen und Schauer den ganzen Tag. Doch schon dem ersten Support, Royce da 5'9'', einem Eminem-Kumpel aus der Anfangszeit, hatte es nur noch leicht auf den rosa Blouson genieselt (Aufschrift: „Anti Social Social Club“). Bei 2Chainz kommt die Sonne raus, und die wuchtige Messe-Architektur, die Halle 27 hinter der mit LED-Schirmen gespickten Bühne, wirkt plötzlich urban. Die perfekte Kulisse für diese Metropolen-Musik. Für ein Konzert, das begann mit einem Vorfilm, in dem ein riesenhafter Eminem eine Skyline zerschlägt. Aber eine sehr fröhliche Ameise. Unter Hannovers gewaltigem Holzdach schrumpft sowieso jeder. Die Wut ist immer am stärksten, wenn sie von unten wächst. Zeit loszulegen.

Oder loszulassen: „Lose yourself“, diese Selbstbestimmung aus dem „8 Miles“-Film als einzige, triumphale Zugabe. Sich verlieren in der Musik, darin aufgehen, bei sich sein. Das wäre ein Anfang.

Stefan Gohlisch

Eminem war mit dem Flugzeug in Langenhagen gelandet, von dort soll er mit einem Helikopter auf das Expo-Gelände gebracht worden sein. Fotos von seinem Konzert darf nur der offizielle Tourfotograf machen.

credit@jeremydeputat

credit@jeremydeputat

Die Fotos

Fotos: Dröse, Franson, HeuselOffizielle Fotos vom Konzert: credit@jeremydeputat

Unsere Kollegin, Mirjana Cvjetkovic, hat vor dem Konzert einen ganz besonders zurechtgemachten Fan gefunden:

Und dann gibt es da eine Person bei Twitter, die Hilfe sucht. Wir geben das mal so weiter:

Sehen und sehen lassen

Wenn 75.000 Menschen auf einem Fleck zusammenkommen, wird es eng und kuschelig und auch unübersichtlich – selbst bei einem so weitläufiges Areal wie dem Messegelände.

Zwei sogenannte „Front of Stage“-Bereiche gibt es bei dem Eminem-Konzert, allein der erste, der wie ein Halbkreis vor der Bühne liegt, fasst 5000 Menschen, die für das Privileg, dort zu stehen, extra bezahlt haben. Als weiterer Ring folgt der zweite „FoS“-Bereich. Erst dahinter beginnen die regulären Stehplätze. Da ist man schon gut 100 Meter vom Geschehen entfernt.

Das weitgehend ebenerdige Areal ist gesäumt von Getränkeständen. Die Sicht ist an manchen Stellen – freundlich ausgedrückt – überschaubar, trotz großer LED-Wände im Bühnenbereich. Dafür dringt der Sound deutlich bis in die letzten Reihen. Wer hinter dem Hermesturm steht, schaut auf dessen Sockel, wo die Bühne sein sollte. Immerhin hängt dort ein weitere Bildschirm. gol

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