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Der Angeklagte vor Gericht.

Der Angeklagte vor Gericht.
 © (c) Tim Schaarschmidt

Hannover

Mann schickt Sohn zum Stehlen

Ein Vater schickt seinen Sohn in Hannover zum Stehlen – sein Auftritt vor Gericht ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten.

Hannover.  Marian V. (40) hat zwar die „Lehre des Lebens“ bestanden, aber seinen eigentlichen Beruf verfehlt. Der Vater von sechs Kindern wäre ein geborener Schauspieler. Bevorzugte Rolle: Kleinganove, selbstverständlich immer unschuldig. Gestern gab er sein Debüt bei Amtsrichterin Sabine Mzee. In 90 Minuten brillierte der Angeklagte. Wort- und gestenreich erklärte er: „Ich gestehe die Tat, aber es war keine Absicht.“

Die Tat: Am 5. August 2016 ließ Marian V. seinen Sohn Fernando (Name geändert, 6) bei Kaufland Lebensmittel stehlen. Zigaretten, Donuts und Lippenbalsam im Wert von 59,26 Euro. Der bullige Mann mit den kurz geschorenen Haaren hatte auch eine Erklärung, wie es zu der „Tat“ gekommen sei: „Das Kind dachte wohl, dass die Zigaretten Bonbons seien. Das Kind hat den Fehler gemacht.“ Die Tüte mit dem Diebesgut war so voll, dass der Junge sie kaum tragen konnte. Wie alt denn sein Sohn sei, wollte die Richterin wissen. Die Antwort: „Sechs, sieben Jahre.“ Dabei wendete Marian V. die Handflächen nach außen, als sei auch das Alter des Jungen Verhandlungssache.

Von der Tüte wollte der Angeklagte nichts bemerkt haben. „Ich schwöre bei Gott.“ Er sah dabei nach oben und reckte den Zeigefinger gen Himmel. Doch ein Video aus den Überwachungskameras zeigte Vater und Sohn bei der Arbeit. Gegen Ende der Verhandlung wurde der „Hauptdarsteller“ ungeduldig. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln meinte er: „Ich erkläre mich schuldig.“ Doch Marian V. ist kein Mann, der lange Trübsal bläst. Nach seiner Ausbildung gefragt, strahlte er mit ausgebreiteten Armen: „Die Lehre des Lebens hat mich dazu gebracht, jede Arbeit zu machen.“ Seine Familie lebt von seinem Minijob (450 Euro), 805 Euro Kindergeld, 800 Euro Aufstocker-Geld plus Miete vom Job-Center. Sicher tragen auch gelegentliche „Einkäufe“ zum Lebensunterhalt der Großfamilie bei. Marian V. ist einschlägig vorbestraft.

Richterin Mzee verurteilte den Angeklagten zu zwei Monaten Bewährungsstrafe und 100 Arbeitsstunden. „Das Urteil passt mir nicht, ich will Rechtsmittel einlegen“, so V. Der „Mime“ arbeitet an einer Fortsetzung in seiner Paraderolle.

Von Thomas Nagel


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