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Meine Stadt Man(n) muss nicht zum Täter werden
Hannover Meine Stadt Man(n) muss nicht zum Täter werden
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07:59 16.11.2017
Ab Donnerstag verteilt der Frauennotruf Hannover bunte und freche Citycards zum Thema „sexualisierte Gewalt“ gegen Frauen.

Tillmann Krüger ist Facharzt für Psychiatrie an der MHH. Der 45-Jährige leitet die sexualmedizinische Sprechstunde an der Hochschule und betreut die Präventionsambulanz „I can change“, die im Frühjahr eingerichtet wurde und bislang einmalig in Deutschland ist.

Was ist „I can change“?

Es ist eine Weiterentwicklung von unserem Präventionsangebot „Kein Täter werden“, das sich an Pädophile richtet. „I can change“ richtet sich an Menschen, die ihre sexuellen Impulse nicht mehr ausreichend kon­trollieren können. Das kann sich in exzessivem Konsum von Pornografie, aber auch in Ge­waltfantasien und sexuellen Übergriffen auf Frauen äußern. Wir wollen mit dem Angebot sexuelle Gewalt oder anderweitigen Schaden an anderen oder sich selbst verhindern. Dafür können sich die Betroffenen möglichst früh bei uns melden.

Richtet sich das Angebot nur an Männer?

Nicht ausschließlich. Aber meistens sind die betroffenen Personen Männer. Bei uns dürfen sich auch Frauen melden; bislang ist das aber nur selten geschehen. Bei den wenigen Frauen mit einer sogenannten Sexsucht steht oft auch ein Beziehungsproblem im Vordergrund, Männern imponiert zu­nächst meist starkes sexuelles Verlangen der Frauen.

In welcher Beziehung stehen in den meisten Fällen sexueller Gewalt Opfer und Täter?

Etwa zwei Drittel der Opfer stammen aus dem Nahfeld. Im vergangenen Jahr passierten 20 Prozent der Vergewaltigungen in Deutschland innerhalb der Ehe, 40 Prozent im Rahmen von Bekanntschaften. Die restlichen Täter waren Fremde oder entfernte Bekannte. Insgesamt wurden im Jahr 2016 knapp 8000 Vergewaltigungen angezeigt. Diese Zahl kann man wahrscheinlich mit 20 multiplizieren, um auf die tatsächliche Zahl der Vergewaltigungsfälle zu kommen.

Vermutlich 160 000 Vergewaltigungen in einem Jahr. Eine erschreckend hohe Zahl. Warum ist das Dunkelfeld so groß?

Scham spielt eine große Rolle. Ein sexueller Übergriff ist etwas anderes als ein Einbruch. Auch mit einer An­zeige läuft man Gefahr, die Polizei weit in den eigenen privaten Bereich zu lassen. Zudem hat eine Anzeige, insbesondere wenn der Täter der Ehemann ist, eine immense Tragweite für die  persönliche Zukunft. Dennoch ist es meist keine Lösung für Opfer, diese Taten unter den Teppich zu kehren.

Die Männer, die zu Ihnen kommen – sind das alles pornosüchtige, frauenverachtende Machtmenschen? Also Menschen, die sich verhalten wie US-Filmproduzent Harvey Weinstein?

Die Klientel ist sehr heterogen. Es gibt keine Stereotype. Das würde den Betroffenen auch nicht gerecht werden. Das Pro­blem geht durch alle Schichten. Wir betreuen Männer, die sonst psychisch gesund sind, andere sind depressiv, haben Persönlichkeitsstörungen, Störungen der Emotionsregulation oder Probleme mit Bindungen zu anderen Menschen. Einige demonstrieren mit Sex ihre Macht, andere verwenden es als Mittel, um Aggressionen abzubauen. Einige haben Gefallen daran, Menschen Schmerzen zuzufügen. Wieder andere haben keinerlei Unrechtsgefühl.

Wie läuft Ihre Arbeit ab?

Zunächst gibt es eine ausführliche Diagnostik. Im zweiten Schritt folgt eine Phase der Wissensvermittlung über Sexualität. Was bedeutet Sexualität, ab wann ist sie auffällig? Im Anschluss daran analysieren wir konkrete, problematische Situationen, bearbeiten emotionale Defizite und sehen uns Gedankenmuster an. Dabei fließen Elemente der Verhaltens- und Sexualtherapie ein. Leidet ein Patient unter einem starken sexuellen Drang oder entsprechenden Fantasien, können Medikamente sinnvoll sein. Die Betroffenen empfinden das oft als sehr entlastend, weil endlich Ruhe im Kopf ist.

Für wie wichtig halten Sie die „#MeToo“-Debatte?

Sie ist sehr wichtig. Sexuelle Gewalt gibt es so häufig, dass eine gesellschaftliche Debatte darüber unverzichtbar ist. Diese Debatte hilft sowohl Opfern als auch Tätern. Weil es auch zeigt, dass es noch immer zu wenige Behandlungsangebote für potenzielle Täter gibt – auch in Hannover. Dabei wäre das der beste Opferschutz – nämlich, dass es gar nicht zu Taten kommt. Zudem muss sich ganz generell das Bewusstsein von Männern wandeln: Sexualität ist keine Ware, und Frauen dürfen nicht einfach betatscht werden.

Entspricht es denn den Tatsachen, dass jede Firma ihren Weinstein hat?

Die Statistiken zeigen uns, dass das Problem überall präsent sein kann. Wir müssen alle genau hinschauen und sehr achtsam mit dieser Thematik umgehen.

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