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Melissa Pröhle

Melissa Pröhle
© rückerl

Adipositas

Magenverkleinerung in Hannover

Am 20. Mai ist europäischer Adipoitas-Tag. Mediziner fordern einen nationalen Aktionsplan gegen die Krankheit. In Hannover bietet etwa das Clementinenhaus Magenverkleinerungen an, wenn nicht mehr möglich ist, abzunehmen.

hannover. Ihre blauen Augen leuchten, für einen Moment sieht Melissa Pröhle richtig glücklich aus. „Nein, ich habe keine Angst vor der Operation“, sagt sie. „Ich freue mich darauf, weil ich eine Chance habe, mein Leben zu ändern und gesünder zu werden.“ Melissa Pröhle ist 31 Jahre jung, wiegt jetzt noch 124 Kilogramm bei einer Größe von 1,68 Meter – vor einigen Monaten waren es noch 132 Kilo. Was einen Bodymaßindex von 43 ausmacht und eine Hosengröße von 56/58. Pröhles Ziel: „Ungefähr 70 bis 80 Kilo auf die Waage bringen, Konfektionsgröße 40 haben – das ist mein Wohlfühlgewicht bei meiner Größe. Das hatte ich vor dem ersten Kind auch. Und es ist ein Ziel, das man sicher erreichen kann.“

Dieses Ziel ist für Melissa Pröhle greifbar nah, Ende Mai wird ihr im Clementinenhaus ein großer Teil des Magens entfernt, sie erhält einen sogenannten Schlauchmagen.

Dumm nur, dass die dreifache Mutter aus Nordrhein-Westfalen, im nahegelegenen Vlotho, stammt. Ihre Krankenkasse hat kein Okay vom dortigen Medizinischen Dienst (MDK) für eine Operation bekommen. Das heißt, die OP wird nicht bezahlt, obwohl ihre Krankenkasse dafür ist. Die Voraussetzungen für eine OP, Ernährungsberatung und -umstellung und auch sportliche Einheiten – so es eben geht mit 132 Kilogramm – hat Melissa Pröhle zuvor durchgezogen, aber dies sei nicht anerkannt worden.

„Adipositas ist eine Krankheit, deswegen ist es ja klar, dass sie das ohne Hilfe allein nicht kann“, sagt Clementinenhaus-Chirurgin Ricarda Flade-Kuthe. „Dann wird darauf herumgeritten, dass man nicht vernünftig Sport getrieben hat. Aber man kann sich doch vorstellen, dass die Gelenke bei dem Gewicht nicht mehr richtig mitmachen“, so die Ärztin, die Melissa Pröhle auf die OP vorbereitet. Denn im Clementinenhaus (List) wird Melissa Pröhle dennoch operiert. Und zwar umsonst. „Es geht darum, Folgekrankheiten zu vermeiden“, so Flade-Kuthe. „Wir hoffen, dass das MDK in Nordrhein-Westfalen doch noch ein Einsehen hat, wenn sie den Erfolg sieht.“

Markus Münch aus Wunstorf hat das Ganze schon hinter sich. „Im Dezember wog ich noch ungefähr 200 Kilogramm, am OP-Tag, dem 4. Januar, 194 Kilo.“ Jetzt ist der 39-jährige 1,84-Meter-Mann bei 133 Kilo, Markus Münch hat dank des Schlauchmagens also schon 61 Kilo abgespeckt, mindestens 33 will er noch. Aber bereits jetzt hat der Fahrlehrer ein völlig neues Lebensgefühl. „Ich musste vorher Blutdrucksenker und Entwässerungspillen nehmen, mein Blutdruck lag bei 200.“ Jetzt habe er einen durchschnittlichen Blutdruck von 120 bis 130, benötigt keine Medikamente mehr außer einer Vitaminspritze, die er alle drei Monate erhält. „Früher tat mir jeder Schritt weh, heute habe ich keine Rückenschmerzen mehr. Ich kann und will mich bewegen, kaufe mir jetzt ein Fahrrad, gehe mit meinem Sohn schwimmen und gern mit dem Hund spazieren.“

Fehlt ihm nichts? „Nein, ich bin begeistert. Ich habe auch kein Hungergefühl mehr, kein Magenknurren. Trotzdem koche ich gern frisch und gesund für mich, meine Freunde und meine Freundin, aber ich esse eben entsprechend weniger.“ Drei Mahlzeiten von höchstens 60 Gramm kann der Magen noch aufnehmen, das entspreche etwa einer Banane pro Mahlzeit. „Ich gehe gar nicht mehr in Restaurants, selbst ein Kinderteller wäre zu viel.“ Die Lebensqualität sei enorm gestiegen, „es ist wie ein zweites Leben“.

Auf genau dieses neue Leben hofft nun auch Melissa Pröhle. Die gelernte Bäckereifachverkäuferin hatte eine Umschulung als Betreuungskraft für Senioren absolviert und in dem Job sehr gern gearbeitet. Bis die Bandscheibenvorfälle kamen – und natürlich die Knieprobleme. Der Job aber bedeutet Anpacken, „das geht auf den Rücken, aber ich möchte das einfach weitermachen und gesundheitlich so fit sein, dass ich es stemmen kann“, sagt sie. Ihre Ernährung hat sie bereits umgestellt, was die Familie auch gern mitmacht. „Ich koche gesund für die Familie, esse das Gleiche – nur eben keine großen Portionen mehr.“ Sagt sie. Und freut sich drauf.

Chirurgin Ricarda Flade-Kluthe erklärt, welche Magen-OPs es gibt und wie sie wirken

Wo endet das Übergewicht und wann beginnt die Adipositas?

Man definiert das immer noch über den Bodymaßindex (BMI), das ist nicht so glücklich. Tatsächlich sollte man schauen, ob der Patient bereits Beschwerden oder schon Folgekrankheiten hat. Es gibt Leute, die einen BMI von über 40 haben und die noch keine Erkrankungen haben. Aber die Wahrscheinlichkeit, welche zu bekommen, ist sehr groß, wenn der BMI über 30 ist.

Kann eine Magen-OP zum Idealgewicht führen?

Das ist nicht unser Ziel. Es soll eine Situation herbeigeführt werden, in der man sich wieder wohlfühlt, wo man auf einem normalen Stuhl sitzen, in normalen Läden einkaufen, wieder seine Schuhe selbst zubinden kann.

Welche OP-Möglichkeiten gibt es?

Es gibt das Magenband, das in Deutschland relativ wenig gemacht wird. Das Magenband ist ein Fremdkörper, den ich um den Magen schließe und den ich unterschiedlich einstellen kann, damit ein Vormagen entsteht und ich damit eine Mengenbegrenzung habe. Bei dem Schlauchmagen nehme ich einen Teil vom Magen weg, habe keinen Fremdkörper und zumindest in den ersten Jahren hormonelle Effekte. Bestimmte Hormone, die mit dem Hungergefühl zu tun haben, sind niedriger. Der Magenbypass ist eine aufwendigere Operation, bei der man auch den Magen durchtrennt und zusätzlich den Dünndarm verlagert und eine längere Strecke aus dem Verdauungskreislauf ausschließt. Davon profitieren Patienten mit Diabetes Typ II meistens sehr schnell.

Welche Krankheiten können Sie möglicherweise mithilfe der OP bei Frau Pröhle verhindern?

Sie ist noch jung und hat bisher weder hohen Blutdruck noch Diabetes. Das hoffen wir nun durch die rechtzeitige OP zu verhindern. Sie wird keine schlimmeren Gelenkbeschwerden bekommen. Und wir beugen Schlimmerem vor: Adipositaspatienten bekommen häufiger bösartige Tumore als normalgewichtige Menschen.

Was kostet die OP?

Für eine Schlauchmagen-OP bekommen wir in der Regel um 7000 Euro.

Der Medizinische Dienst (MDK) in Nordrhein-Westfalen hat die OP von Frau Pröhle abgelehnt. Wäre ihr das in Niedersachsen auch passiert?

Vermutlich nicht. Wir haben hier kaum Probleme mit dem MDK, das läuft gut. Wir haben einen ganz guten Draht zu denen, haben dort auch einen Vortrag über das, was wir hier anbieten, gehalten.

Ist Adipositas als Krankheit anerkannt?

Leider nicht überall. Von der Weltgesundheitsorganisation ist es anerkannt, aber viele andere Organisationen oder Institutionen nennen es Fehlverhalten und keine Krankheit. Auch uns wird von einigen vorgeworfen, wir würden ein gesundes Organ operieren. Aber der Patient ist nicht gesund. Adipositas ist eine Krankheit, das ist nur noch nicht in allen Köpfen.

Von petra rückerl


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  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
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