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18:51 23.12.2009
Margot Käßmann hat einen Gastbeitrag zu Weihnachten für die Neue Presse geschrieben.
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Von Margot Käßmann

Es ist eine der meistzitierten Stellen aus der Bibel und sicherlich der Literatur überhaupt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“. Das sagen im Lukasevangelium die himmlischen Heerscharen, die den Hirten die Weihnachtsbotschaft verkünden.

Weihnachten und die Botschaft Frieden gehören seitdem ganz eng zusammen. Da geht es um zwischenmenschlichen Frieden, um Versöhnung, um die Sehnsucht nach einer Welt der Harmonie. Weihnachtliche Geschichten oder Filme leben deshalb von Versöhnungsszenen unter dem Christbaum. Und weihnachtliche Stimmung kann in der Tat wohl kaum aufkommen, solange Streit, Gewalt, Unfrieden und Hass herrschen.

Umso trauriger, dass dieser Friede offensichtlich nicht lange anhält. Viele Familien sind enttäuscht, wenn die erhoffte Harmonie nicht realisiert wird am 24. Dezember. Menschen werden bitter, weil es nicht so kommt, wie sie es sich wünschen, sei es privat, sei es beruflich. Und: Allein seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute gab es weltweit mehr als 230 Kriege – eine erschütternde Bilanz. Und unser Land ist wieder an einem beteiligt, denn was in Afghanistan passiert, können wir nicht beschönigen, dort herrscht Krieg und damit Unrecht und Gewalt.

Da es nun wieder Weihnachten ist und landauf, landab das „Friede auf Erden“ in den Gottesdiensten verkündet wird, müssen wir fragen, wo denn die Wirkung dieser Worte bleibt. Ich bin überzeugt, dass es mächtige Worte sind, die bei unzähligen Menschen bewirkt haben, dass sie tatsächlich Frieden geschaffen haben, wo es ihnen möglich war. Das kann im kleinen Familienkreis gewesen sein, unter Freunden, Kollegen, Nachbarn. Über den eigenen Schatten springen. Gegen das böse Gerede antreten. Dem anderen zur Seite stehen.

Manchmal geschieht das auch in großer Verantwortung vor einem ganzen Volk, wie das bei dem Theologen Dietrich Bonhoeffer der Fall war. Im Widerstand gegen die Nazi-Diktatur rief er zu Frieden auf und zahlte dafür mit seinem Leben. Am Westportal von Westminster Abbey in London steht eine Statue Bonhoeffers zusammen mit weiteren Märtyrern des 20. Jahrhunderts.

Auch wenn es diese zahllosen Beispiele von Friedenschaffenden gibt, bleiben eine Realität Gewalt und Krieg. Manchmal lässt uns das verzweifeln.

Aber uns kann trösten, wenn wir genau hinschauen, wie schon in der Weihnachtsgeschichte selbst dieser Kontrast sichtbar wird. Die himmlischen Heerscharen kommen und gehen wieder. Es bleibt das Kind in der Krippe, schwach und verletzlich. Gott kommt nicht als mächtiger Friedensbringer zu uns, und Gott setzt sich nicht mit Gewalt durch. Ganz im Gegenteil: „Er äußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering“ heißt es in einem Weihnachtslied. Gott hat den Mut zum Kleinen, Verletzbaren, zur Liebe und zum Vertrauen. All das, was nicht zur Verteidigungsstrategie taugt.

Der weihnachtliche Weg, Frieden zu schaffen, geht eine Art Umweg über das Verletzbare. Da mögen sich manche ein mächtiges göttliches Eingreifen, oder – besser gesagt – Durchgreifen wünschen. Das wird es nach christlichem Glauben auch geben, doch erst am Ende aller Zeiten! Dann werden, so sagt die Bibel, Not, Leid und Geschrei ein Ende haben und alle Tränen abgewischt sein. Die Weihnachtsgeschichte aber ermutigt bis dahin jeden und jede von uns, den Weg des Friedens für sich ganz persönlich im Zwiegespräch mit der Menschwerdung Gottes aufzunehmen. Auch da, wo wir nicht großartig oder durchsetzungsfähig sind, können wir etwas beitragen.

Springen wir über unseren Schatten! Machen wir es wie Gott, werden wir menschlich. Auch wenn uns das verletzbar macht, wenn das unsere Durchsetzungsfähigkeit berührt, wir vielleicht als Weichei erscheinen – es geht um viel. Denn die wichtigsten Dinge im Leben können wir nicht kaufen: Liebe, Vertrauen, Zuneigung, Geborgenheit, Gemeinschaft, Glück. Genau diese Gefühle aber machen uns Mut zum Frieden, Mut zu neuen Wegen.

Der weihnachtliche Weg, Frieden zu schaffen, hat immer die Verwundbarkeit als Grundlage. Das hätte für Afghanistan ganz konkret bedeutet, den zivilen Möglichkeiten absoluten Vorrang beim Aufbau von Frieden zu geben. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, haben die Kirchen 1948 weltweit erklärt. Daran will ich festhalten. Krieg und Gewalt dürfen niemals Normalität werden. Da lasse ich mich lieber als naiv belächeln. Naiv ist doch auch der Gedanke, dass Gott sich der Gewalt beugt und am Kreuz stirbt. Kaum ein Bild in der Weltgeschichte aber hat nachhaltiger gewirkt als dieser verletzbare, sterbende Mann am Kreuz. Weil wir glauben, dass er zeigt: die Verletzbarkeit, das Leiden, der Tod, sie haben nicht das letzte Wort, deshalb wird die Geburtsgeschichte des Jesus von Nazareth so interessant.

Mir macht diese alte Geschichte, die der Evangelist Lukas von der Geburt in Bethlehem erzählt, immer wieder Mut, gegen die scheinbare Logik der Gewalt anzutreten. Das bedeutet, im Kleinen – in der Familie, unter Kollegen und Freunden, im Alltag – auf Gewalt jeder Art zu verzichten. Und da geht es auch um verbale Gewalt, Erniedrigung, Mobbing. Und es bedeutet, die Kriege dieser Welt anzuprangern. Auch die Tatsache, dass Deutschland auf den unwürdigen dritten Platz der Rüstungsexporteure dieser Welt aufgerückt ist.

Das Kind in der Krippe, der Sohn Gottes, wird später in der Bergpredigt sagen: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen“ und „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen“. Da schreibt er fort, was die Engel sagen: Friede auf Erden.

Allen Leserinnen und Lesern der NP wünsche ich Mut zum Frieden in kleinen Schritten. Und ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachtstage 2009.

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