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© Caroline Seidel

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Der Von-der-Leyen-Effekt?

MHH-Ärzte unter Plagiatsverdacht

Besonders für Mediziner und Naturwissenschaftler scheint der „Dr.“ eine Pflicht zu sein. Dass Wissenschaftler aber die Mühe scheuen und lieber abschreiben, ist kein
Einzelfall. Die Internet-Plattform „Vroniplag Wiki“ hat an der MHH sechs Promotionen gefunden, die unter Plagiatsverdacht stehen. Auch an der TiHo und der
Leibniz-Uni sind Forscher aufgeflogen. Experten werfen auch Caritas-Chef Andreas Schubert vor, abgeschrieben zu haben.

Hannover. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) rühmt sich für ihre wissenschaftliche Erfolge. Ein Blick auf die Internet-Plattform „Vroniplag Wiki“ lässt Zweifel an der hervorragenden Wissenschaft aufkommen. Dort sind sechs Mediziner aufgeführt, die abgeschrieben haben sollen. So machte zum Beispiel ein Arzt 2011 seinen Doktor der Medizin. „Vroniplag Wiki“ fand auf 60 Prozent seiner Seiten Plagiate, also Fremdtextübernahmen, ohne dass sie als Zitate ausgewiesen wurden.

Dass die MHH häufiger als andere Universitäten in der Abschreibliste auftaucht, hat wohl mit der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zu tun. Ihre Doktorarbeit war 2015 unter Plagiatsverdacht geraten. Alle weiteren MHH-Verdachtsfälle wurden später von „Vroniplag Wiki“ untersucht.

Die „MHH-Kommission für Gute Wissenschaftliche Arbeit“ wies von der Leyen 32 Plagiate nach. Der Doktortitel wurde ihr aber nicht entzogen. Die Kommission kam im März zu der Übereinkunft, dass keine „Täuschungsabsicht“ vorgelegen habe.

In diesem Zusammenhang sagte MHH-Präsident Christopher Baum: „Ja, wir haben ein Problem in den medizinischen Promotionen.“ Zu den anderen Verdachtsfällen erklärte MHH-Sprecher Stefan Zorn, in fünf Fällen sei eine Hauptprüfung eingeleitet worden. Der sechste Fall befinde sich noch in der Vorprüfung. Wie im Fall von der Leyen leitete die „Kommission für Gute Wissenschaftliche Praxis“ die Hauptprüfung ein. Ergebnisse lägen noch nicht vor.

Auch zwei Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) tauchen im Internet auf. „Im Fall von 2012 haben wir eine Rüge ausgesprochen. Im Fall von 2014 hat der Senat noch keine Entscheidung getroffen“, so TiHo-Sprecherin Sonja von Brethorst.

An der Leibniz-Universität wurde einem Wissenschaftler der Doktor der Rechtswissenschaften entzogen. Er hatte laut „Vroniplag Wiki“ auf 45 Prozent der Seiten seiner Arbeit Plagiate produziert. „Eine Untersuchungskommission ist der Frage nachgegangen, ob wissenschaftliches Fehlverhalten vorgelegen hat“, sagte Uni-Sprecherin Mechthild Freiin von Münchhausen. Die Fakultät habe dann den Titel ab-
erkannt. Allerdings habe der Betroffene dagegen vor dem Verwaltungsgericht geklagt. Über die Klage sei noch nicht entschieden.

Die Liste von „Vroniplag Wiki“ nennt Namen von 171 Wissenschaftlern, die abgeschrieben haben sollen. Darunter sind auch bekannte Namen wie der von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). „Auf unserer Liste befinden sich vielleicht 15 Prominente. Der Rest ist in der Öffentlichkeit weit weniger bekannt“, so Jura-Professor Gerhard Dannemann von „Vroniplag Wiki“.

Der Fall Schubert

Die Taktik von Hütchenspielern ist es zu verwirren. Jura-Professor Gerhard Dannemann von „Vroniplag Wiki“ vergleicht das Vorgehen von Caritas-Chef Andreas Schubert in der Plagiatsaffäre mit einem „Hütchenspiel“. „Bisher war oder ist von vier verschiedenen Fassungen die Rede“, sagt Dannemann. „Vroniplag Wiki“ entlarvte die Doktorarbeit von Schubert als Plagiat: Auf 76 von 185 Seiten habe der Manager abgeschrieben.
Der Beschuldigte behauptet nun wiederum, dass es sich bei dem untersuchten Exemplar um eine „Frühversion“ handle (NP berichtete). Diese „Version“ hat der Autor in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) hinterlegen
lassen. Als die Plagiatsvorwürfe öffentlich wurden, ließ er sie sperren. Die „Frühversion“ in der DNB und das angeblich später abgegebene
Exemplar an der Comenius-Universität in Bratislava haben laut Dannemann ein identisches Inhaltsverzeichnis und identische Seitenzahlen. Aus Sicht des Jura-Professors belegt das, dass die „Frühversion“ in Wahrheit später abgegeben wurde.
Um seinen Doktor muss der Sozialpädagoge nicht bangen. Der Titel ist in der Slowakei unanfechtbar und wird auch in Deutschland anerkannt. Doch bemerkenswert ist, wie er den akademischen Grad erlangt hat.
An dem An-Institut Eipos der Technischen Universität (TU) Dresden habe er bis zur Zwischenprüfung Gebühren bezahlt, anschließend an die Comenius-Universität, so Schubert. „Eipos“ steht für „Europäisches Institut für postgraduales Graduiertenkolleg“. Hinter dem kryptischen Namen verbarg sich laut dem Sächsischen Wissenschaftsministerium ein kostenpflichtiges Betreuungsangebot für Promotionen an osteuropäischen Universitäten. Kosten der Doktorarbeit: mindestens 20 000 Euro. Nach einem Bericht im Oktober 2010 bei „Spiegel online“ über die dubiosen Promotionsvermittler habe die TU Dresden die Zusammenarbeit aufgekündigt, teilte ein Ministeriumssprecher mit.
Andreas Schubert gab seine Arbeit zum Thema „Krankenhausfinanzierung“ 2009 in Bratislava ab. Einen Promotionsvermittler habe er nicht gehabt, sagt er. Der NP liegt ein Schreiben vor, in dem ein damaliger Mitarbeiter von Eipos beschreibt, dass er Schubert von 2006 bis 2008 in „organisatorischen Fragen seines Promotionsverfahrens begleitet“ habe. „Danach“ habe er noch folgende Aufgaben für Schubert übernommen: „Druck und Binden der Arbeit, Versand der Dissertation, Vorbereitung des Antrags auf Verteidigung, terminliches Arrangement der Verteidigung.“ Dieser Mitarbeiter gründete nach dem Ausscheiden bei Eipos 2008 die Agentur Eurias. Auftrag der Agentur: Promotionsvermittlung. Nach NP-Informationen wechselte Schubert zu Eurias, weshalb er in den Eipos-Promotionslisten nicht auftaucht. Das Sächsische Wissenschaftsministerium rückt die gewerbliche Promotionsvermittlung in den Graubereich der Korruption, was die Anbieter selbstverständlich bestreiten.
Die NP hat dem Caritas-Manager vergangene Woche Fragen zu seiner Doktorarbeit gestellt. Die Mail blieb unbeantwortet, auch telefonisch war Schubert nicht erreichbar. Der Bitte um einen Rückruf auf dem Anrufbeantworter kam er nicht nach.
Für die TU Dresden ist die Sache noch nicht vom Tisch. Sie verlangt von Andreas Schubert, dass jeder Bezug zu der sächsischen Uni aus der Arbeit verschwindet. Laut „Vroniplag Wiki“ hat der Caritas-Manager auf dem Titelblatt seiner DNB-Fassung „Technische Universität Dresden“ stehen.
Als Betreuer taucht Professor Bernd Maelicke auf. Der Dozent sagt jedoch auf Anfrage zu Schuberts Arbeit: „Ich habe die Promotion nicht begutachtet. Ich habe bei Eipos Lehrveranstaltungen durchgeführt, möglicherweise bezieht sich Herr Schubert darauf.“

Im NP-Interview:

Professor Manuel Theisen ist bekannt für sein Engagement gegen Promo-tionsberatung und Kauf von akademischen Titeln. Die NP sprach mit dem Betriebswirtschaftler auch über die Affäre Schubert.

Bei Vroniplag Wiki stehen eine Reihe von rund 170 Wissenschaftler unter Plagiatsverdacht. Wie ist diese Zahl aus Ihrer Sicht zu bewerten?
Die Technik von Vroniplag ist verdienstvoll und ein erster Hinweisgeber für Plagiate, jeder Einzelfall muss aber überprüft werden. Dies hängt mit verschiedenen Zitationstechniken zusammen und auch den unterschiedlichen Gebräuchen in den verschiedenen Disziplinen, das lässt sich schlecht vereinfachen.

Ist der Plagiatsschwindel in Deutschland sehr beliebt?
Leider ja, das muss man eindeutig sagen. Die durchaus auch ökonomisch begründete „Titelsucht“ ist der Motor, das Plagiat die Hilfskrücke, um sich einen Titel mehr oder weniger zu erschleichen. Insoweit sind die vielzitierten Politiker-Fälle nur ein Anwendungsbereich.

Was versprechen sich Menschen davon, wenn sie sich einen Titel erschleichen?
Aus reiner Titelsucht bemühen sich die wenigsten um einen gekauften oder vermittelten Titel. Es stehen – schon wegen der überwiegend ja nicht geringen Kosten – meist handfeste ökonomische Motive im Vordergrund. Wer mehr zu sein scheint, kann aus seiner Sicht auch höhere Rechnungen schreiben. Daher dominieren als Abnehmer im Geschäft eindeutig Rechtsanwälte, Ärzte und das beratende Gewerbe – neben den Politikern.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen einem dreisten Plagiat und einem Titelkauf?
Der Zusammenhang ist nicht zwingend, aber meist gegeben. Da zunehmend nur gedrucktes Papier, also Urkunden aus der Karibik, nicht mehr große Anerkennung findet. Also muss eine konkrete Arbeit her, und wenn der eigene Geist nicht reicht, dann muss eben „Geld für Geist“ herhalten.

Den Fall des Caritas-Managers in Hannover habe ich Ihnen beschrieben. Wie bewerten Sie diese Angelegenheit?
So wie sich die Sachlage darstellt, könnte man von einem klassischen Fall sprechen: mehr offene Fragen als Antworten, warum in einer Fremdsprache promovieren beziehungsweise in Tschechien in deutscher Sprache promovieren, warum all diese Verrenkungen und Zahlungen, warum ist ein Vermittler eingeschaltet worden. Das Erscheinungsbild könnte man als klassisch bezeichnen, ist aber bei weitem kein Einzelfall. Dennoch: Die allgemeine Anerkennung des Titels in Deutschland setzt voraus, dass ein vergleichbares wissenschaftliches Verfahren samt Prüfung zugrunde liegt, ansonsten ist der Staatsanwaltschaft schnell dabei, wegen unberechtigter Titelführung auf Antrag zumindest zu ermitteln.


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