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Selbsthilfe: Peter Sandmann fegt das Laub der befallenen Kastanie zusammen. Foto: Behrens

Naturschutz

Lindener Rentner will Kastanien retten

Ein Drittel der an Hannovers Straßen stehenden Kastanien ist vermutlich an dem Bakterium Pseudomonas erkrankt. Ein Gegenmittel gibt es nicht. Besonders anfällig sind Bäume, die zuvor von der Miniermotte befallen wurden. Dagegen aber lässt sich etwas tun. Peter Sandmann aus Linden legt selbst Hand an und will Vorbild sein.

Hannover. Peter Sandmann (72) ist ein engagierter Mitbürger. Er hat schon die Vermüllung in seiner Nachbarschaft bekämpft, ist gegen Plastiktüten im Supermarkt zu Felde gezogen – und hat nun sein Herz für die Kastanien entdeckt. Speziell für das stattliche Exemplar an der Wachsbleiche, dicht am Deisterplatz. Schon von weitem hebt sich die massige Krone von den Nachbarstämmen ab – weil die Blätter lange vor der Zeit braun geworden sind.

Die Miniermotte hat sich hier breit gemacht. Ein Schädling, der zwar nicht den Baum direkt gefährdet, aber die Blätter, die vertrocknen, sich vom Rand her einrollen und schließlich abfallen. „Wenn es keine Blätter mehr gibt, setzen die Bäume auch keine Kastanien mehr an“, befürchtet Peter Sandmann.

Die Miniermotte legt ihre Eier auf den Blättern ab. Mit dem Laub fallen sie auf den Boden. Bleiben sie dort liegen, können sie sich entwickeln, und der Kreislauf beginnt von vorne. „Um das zu verhindern, muss man das Laub entsorgen“, weiß Sandmann. Das Grünflächenamt aber sei damit angesichts der Vielzahl an Straßenbäumen anscheinend überfordert, meint er. Deshalb hat er zur Selbsthilfe gegriffen. „Ich mach das und fertig“, sagt er. Mit einem Fächerbesen fegt er das heruntergefallene Laub zusammen, säuberlich in konzentrischen Kreisen um den Baum herum, später zu kleinen Häufchen. Sorgen macht er sich nur um die Entsorgung. „Ich hatte erst gedacht, das Laub in Papiertüten zum Restmüllcontainer zu bringen. Aber das ist doch eine ganze Menge und der Container weit weg.“

Den Vorwurf der Untätigkeit indes will die Stadt nicht auf sich sitzen lassen: „Das Laub der Kastanien wird regelmäßig gesondert gesammelt und entsorgt, um der Verbreitung von Miniermotten und Pilzen Einhalt zu gebieten – auch das Laub der betroffenen Kastanie am Deisterkreisel“, erklärt Sprecher Alexis Demos. Aber: „Das Engagement von Bürgern, die sich darüber hinaus engagieren und Kastanienlaub entfernen, ist sehr zu begrüßen und außerordentlich lobenswert.“ Wo sich die Miniermotte eingenistet hat, ist die Gefahr einer weiteren Erkrankung besonders groß: Pseudomonas, ein Bakterium, bedroht die Kastanien in vielen Städten. In Hamburg wird bereits vom großen Kastaniensterben gesprochen, und auch in Hannover zeigt etwa ein Drittel der an den Straßen stehenden Kastanien entsprechende Symptome. 1750 der mehr als 45 000 Straßenbäume in der Stadt sind Kastanien.

Und da sind die Bäume auf Privatgrundstücken, in öffentlichen Gärten oder etwa auf Friedhöfen noch nicht mitgerechnet. Von diesen 1750 Kastanien sind indes nur 40 von der Miniermotte befallen.

Pseudomonas aber ist Auslöser der sogenannten Komplexkrankheit. In der Rinde eines befallenen Baumes bilden sich Risse, in denen sich holzzerstörende Pilze einnisten. Die Bruchgefahr zwingt dann oftmals zu Fällungen. Ein Gegenmittel ist nicht bekannt.

Doch ob Pseudmonasbefall vorliegt oder eine andere Erkrankung, etwa durch die pilzähnlichen Mikroorganismen Phytophthora, ist nicht leicht festzustellen. Das erfordert aufwendige und kostspielige Laboruntersuchungen, für die die Stadt Hannover bislang keinen Anlass sieht – zumal eine solche Diagnose ohne Behandlungsmethode auch nichts bringen würde. Es gibt hier also keine Daten über die Anzahl konkreter Pseudomonas-Fälle. Aber verdächtige Bäume stehen unter Beobachtung.

Aktuell würden in der Straße Meersmannufer (Groß-Buchholz) einige junge Kastanien entsprechende Symptome aufweisen, so Demos. Zwei dieser Bäume sollen noch in diesem Winter gefällt werden. Seit dem 1. November 2015 mussten im Stadtgebiet 341 Straßenbäume gefällt werden, darunter jedoch nur sieben Kastanien. In Hamburg etwa wurden seit 2013 rund 200 Kastanien gefällt. In der Hansestadt sind allerdings laut NDR auch alle 7000 Kastanien von der Miniermotte befallen.

Für Peter Sandmann allemal
ein Grund, aktiv zu werden. „Ich fände es gut, wenn es noch andere Leute gäbe, die sich um die Kastanien kümmern würden“, wünscht er sich, dass sein Beispiel Schule macht, „wir brauchen jeden Baum.“

Andreas Krasselt

Motte gräbt das Wasser ab

Weit weniger gefährlich als Pseudomonas, aber dennoch ein lästiger Schädling ist die Miniermotte. Befallene Bäume werden geschwächt und so anfälliger für Erkrankungen.
Die Rosskastanienminiermotte ist ein fünf Millimeter kleiner Schmetterling. Sie wurde schon für das 19. Jahrhundert am natürlichen Standort der Rosskastanie in Griechenland nachgewiesen, hat sich aber erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts über Europa ausgebreitet.
Sie legt ihre Eier auf den Blättern ab. Die Larven fressen innerhalb der Blätter und trennen dabei die Oberhaut von dem darunter liegenden Gewebe und unterbrechen die Wasserversorgung. Das Blatt vertrocknet und rollt sich vom Rand her ein. Einzige Bekämpfungsmaßnahme ist laut Berliner Pflanzenschutzamt die Entfernung und sorgfältige Entsorgung des Laubes im Herbst.

Bakterium kommt aus Indien

Pseudomonaserkrankungen von Kastanien sind ein relativ neues Phänomen. Das Bakterium Pseudomonas syringae wurde zwar schon 1902 am Flieder entdeckt, an Rosskastanien in Deutschland aber erst 2007. In Mitteleuropa hat es sich über England und Holland verbreitet, nachdem es in den 70er Jahren in Indien nachgewiesen worden war.
Die Symptome können unterschiedlich sein und leicht mit anderen Baum-erkrankungen, wie etwa Phytophthora, verwechselt werden. Recht typisch ist ein rotbrauner bis schwarzer Ausfluss aus der Rinde, die an diesen Stellen abgestorben ist. In den dort entstandenen Rissen nisten sich Pilze ein, die das Holz zerstören. Auch die Versorgung der Wurzeln kann beeinträchtigt werden.
Ein Gegenmittel gibt es derzeit nicht. Aber es gibt Bäume, die sich nach einiger Zeit wieder erholen. Gefällt werden muss also erst, wenn die Verkehrssicherheit durch abgestorbenes Holz gefährdet ist, wozu regelmäßige Kontrollen nötig sind. In Hamburg mussten seit 2003 rund 200 Kastanien gefällt werden. Das dortige Institut für Baumpflege rät zudem davon ab, neue Kastanien zu pflanzen.


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