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© Frank Wilde

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Hannover

Landesmuseum: Kopflos zurück in die Heimat

Ein grauer Pappkarton. Noch ist er leer, aber die Beschriftung ist schon drauf: „Skelett in Rindenmulde“, Inventarnummer 5203 des Landesmuseums. Alexis von Poser, Kurator der Völkerkunde-Abteilung, bereitet eine lange Reise vor. 2011 hat die australische Regierung alle Museen der Welt darum gebeten, menschliche Überreste von Angehörigen der australischen Urbevölkerung zurückzugeben. Das Haus in Hannover ist derzeit das einzige staatliche Museum in Niedersachsen, das eine Rückgabe von „human remains“ aus Australien vorbereitet.

Hannover. „Es ist das Skelett einer jungen Frau, etwa 16 bis 21 Jahre alt“, sagt von Poser. Ein deutscher Minenbesitzer hatte das Skelett aus Australien mitgebracht und dem Museum 1908/1909 geschenkt. Gestorben war die Frau vermutlich erst ein paar Jahre vorher, um die Jahrhundertwende. Woran, ist nicht klar, Spuren von Gewalteinwirkung hätten sich an den Knochen aber nicht finden lassen.

„Im Rahmen der sogenannten Rassenforschung sind solche Überreste damals in viele Häuser gekommen“, sagt von Poser. Dahinter habe der Gedanke gestanden, die Welt ließe sich exakt vermessen: „Man dachte damals, man kann auch Menschen sortieren.“

Die Knochen aus Australien haben in Hannover immer im Depot gelegen, hat von Poser recherchiert: „Ausgestellt wurden die Überreste nie.“ Das Haus sei selbstverständlich zur Rückgabe bereit. „Der Minenbesitzer hat ein Tabu gebrochen, als er die Überreste mitgenommen hat. Sie hätten das Land nicht verlassen dürfen.“

Wie mit menschlichen Überresten in Museen umgegangen werden sollte, wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Dass man an ihnen forschen könne, sei unumstritten, solange es aus den Herkunftsländern keine Rückgabeforderungen gebe. Aber darf man sie auch ausstellen? „Die Nachfahren dieser Menschen kommen heute zu uns, als Besucher oder Kollegen, es ist nötig, sehr rücksichtsvoll mit den Überresten umzugehen“, sagt von Poser.

Aber es bleibt kompliziert. „Ich stelle in der Völkerkunde keine ‚human remains‘ aus“, sagt von Poser - und korrigiert sich dann: Komplette menschliche Körper oder Skelette wie das aus Australien kämen für ihn nicht in Frage. Anders sei es beispielsweise mit menschlichen Überresten aus Tibet: „Wir haben Stücke, in die Knochen eingearbeitet sind. Die würden wir zeigen, weil es auch in der tibetischen Kultur selbst überhaupt kein Problem ist.“

Die Frage, ob tote Menschen gezeigt werden, kann auch im selben Museum verschieden beantwortet werden, es ist auch eine Frage der wissenschaftlichen Fachrichtung. Eines der berühmtesten Stücke des Landesmuseums ist der „Rote Franz“. Jeder Grundschüler aus Hannover kennt die Moorleiche, das Museum hat sie auch schon sechs Jahre auf Weltreise geschickt, in Häuser in Europa, Kanada und den USA.

Bei einer 1700 bis 1800 Jahre alten Moorleiche sei es in der Archäologie völlig klar, dass sie ausgestellt werden könne, sagt Kuratorin Babette Ludowici. Angehörige, deren Gefühle verletzt werden könnten, gebe es da nicht mehr: „Soll ich die Emsländer fragen, ob sie einverstanden sind?“ Allerdings müsse, auch wenn der Rote Franz schon sehr lange tot sei, bei der Präsentation berücksichtigt werden, dass er ein Mensch sei: „Wir zeigen ihn würdevoll und nicht als reißerischen Hingucker.“ Viele Besucher würden sogar beim Personal nachfragen, weil sie die Moorleiche zunächst übersehen haben.

Was geschieht nun mit dem Skelett aus Australien? Wann es auf die Reise zurück gehen wird, steht noch nicht fest. Die Terminplanung sei noch nicht ganz klar, sagt von Poser. Ein Rätsel wird übrigens bleiben: Das Skelett lag mit einem falschen Schädel im Depot. Das hänge mit dem Bestattungsritus der Ureinwohner zusammen, so von Poser. Die Verstorbenen seien in Australien im Freien aufgebahrt worden. Nach der Verwesung hätten Angehörige dann häufig vorübergehend den Schädel der Toten zu sich geholt. In Hannover wurde möglicherweise ein Schädel aus der Rechtsmedizin dazugelegt, um das Skelett zu komplettieren. Er stammt von einer etwas älteren Frau aus Europa, mehr sei über den Kopf nicht bekannt, sagt von Poser: „Wir werden ihn im Depot behalten.“


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