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Meine Stadt Lan-Party für Eltern: Wenn Mama und Papa am PC zocken
Hannover Meine Stadt Lan-Party für Eltern: Wenn Mama und Papa am PC zocken
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00:20 11.11.2018
Sascha Meyer zeigt Doris Lohmann den Ego-Shooter Counter Strike. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Die Eltern haben sich um die Computer-Bildschirme versammelt. Dort läuft gerade das bei Jugendlichen beliebte Online-Spiel „Fortnite – Battle Royale“. Einige der Mütter und Väter sitzen an der Tastatur und wollen selbst eintauchen in die Comic-Welt, in der es darum geht, auch mit Einsatz von Waffengewalt als letzter der 99 Spieler zu überleben. „Die Gegner bevorzugen Ihr vorzeitiges Ableben“, erklärt Sascha Meyer vom Lan-Party-Organisator Game Sessions, „und da ist es bei einem auch schon passiert.“ Gelächter bei den Eltern, der erste Vater hat nach wenigen Sekunden mit seiner virtuellen Spielfigur das Zeitliche gesegnet.

„Die totale Reizüberflutung“

So geht es vielen Eltern, die am Mittwochabend in der Akademie des Sports die Videospiele ihrer Kinder austesten. „Wir haben heute fast alles wie auf einer richtigen Lan-Party. Nur die Pizza fehlt, dafür haben wir Gemüsestäbchen mit Quark“, sagt Andrea Urban. Sie ist die Leiterin der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen, die mit der Veranstaltung den Eltern die Welt ihrer Kinder nahebringen möchte. Nicht damit sie später mit dem erhobenen Zeigefinger nach Hause zurückkehren, sondern damit sie Gefahren und Risiken besser einschätzen können.

120 Eltern sind der Einladung gefolgt. Die Plätze an den Computern, der Nintendo Switch und der Virtual-Reality-Brille sind immer gefüllt. Dabei sollten die Eltern auch bewusst vermeintlich „blöde Fragen“ stellen. „Deswegen haben wir heute auch keine Jugendlichen eingeladen. Klugscheißer brauchen wir hier nicht“, sagt Urban und sorgt damit für Lacher im Publikum.

Jutta Höpken hat sich direkt an die Rechner mit dem klassischen Spielmodus von „Fort­nite“ gesetzt. Die 52-jährige Mutter hat einen zwölfjährigen Sohn, der derzeit viele Stunden mit dem Spiel verbringt. Dort erobert der Spieler eine Welt und muss sich unter anderem gegen Zombie-Wesen durchsetzen. „Das ist ganz schön anstrengend“, sagt Höpken mit dem Blick auf den Bildschirm, „die totale Reizüberflutung.“ Sie findet es erstaunlich, dass ihr Sohn sich darauf überhaupt konzentrieren könne. „Wenn er Vokabeln lernen soll, ist das nicht möglich“, bedauert sie.

Zeiten nicht vergleichbar

Höpken hat die Spielzeit ihres Sohnes auf täglich eine Stunde begrenzt. Sie beobachtet, dass er nach dem Spielen am Computer aggressiver ist als sonst: „Die Jungs schaukeln sich dabei gegenseitig hoch.“ Auch wenn in dem Spiel kein Blut fließe, mache das Auslöschen der Comic-Zombies etwas mit den Kindern, vermutet sie. Doch es sei nicht alles schlecht an den neuen Spielen. Die VR-Brille habe sie mit Begeisterung ausprobiert: „Es ist einfach klasse, wenn man damit über Paris fliegt.“

Norbert Rammert testet ein Lenkrad. Quelle: Frank Wilde

Doris Lohmann ist mit ihren 79 Jahren die älteste Teilnehmerin. Sie ist wegen ihrer Enkel hier. „Ich finde das wichtig“, sagt sie. Begeistert ist sie von dem Spiel „Counter-Strike“, einem Ego-Shooter, allerdings nicht. „Ich finde das richtig langweilig. Ich weiß nicht, was die Jugendlichen daran gut finden“, sagt sie.

Lohmann hat selbst noch den Zweiten Weltkrieg erlebt. Sie schrecke noch immer auf, wenn sie Sirenen hört. Wie findet sie es, dass teilweise schon Kinder Kriege an Computer oder Konsole nachspielen? „Die Zeiten sind nicht vergleichbar“, sagt die Seniorin. Als sie ein Kind war, hätten die Erwachsenen aber immer alles getan, damit sie von dem Gräuel des Krieges nichts mitbekommt: „Das ist heute nicht mehr so. Die Erwachsenen schützen die Kinder zu wenig.“ Sehr problematisch findet Doris Lohmann auch, dass es etwa beim Spiel „Grand Theft Auto“ (GTA) Folterszenen gibt: „Da ist bei mir eine Grenze erreicht. So was sollte es nicht geben.“

Angelika und Rolf Heyerhorst testen die VR-Brille. Quelle: Frank Wilde

Niels Respondek dagegen ist mit Computerspielen aufgewachsen. Der zweifache Vater ärgert sich, als während des Gesprächs sein Charakter in der virtuellen Welt stirbt. „Ich spiele selbst auch noch. Als Vater komme ich allerdings nur noch selten dazu“, erzählt der 33-Jährige. Er findet es spannend, wie sich die Spielindus­trie entwickelt hat: „Das macht auch mir Spaß.“

Seinen Kindern wird er Spiele am Smartphone oder Computer nicht verbieten, nur weil dort Gefahren lauern. „Wir verbieten ihnen ja auch nicht, sich im Straßenverkehr fortzubewegen. Es ist wichtig, dass die Eltern die Kinder richtig darauf vorbereiten“, erzählt er. Er wünscht sich etwa, dass Smartphones Teil des Schulunterrichts werden.

Schüler oft müde

Helene Essenheimer ist Lehrerin. Die 34-Jährige glaubt, dass Computerspiele in der Schule helfen können. „Im Englischunterricht merke ich, dass Schüler, die viele Videospiele spielen, sicherer mit der Sprache umgehen“, sagt sie. Ihr gefällt allerdings nicht, dass es einige ihrer Schüler offenbar übertreiben. „Die sind morgens in der Schule müde, weil sie die ganze Nacht durchgespielt ha­ben“, erzählt sie.

Das wird die eine oder andere Mutter vielleicht auch nicht mehr gewundert haben, als sie am Mittwoch bis 22.30 Uhr versuchte, bei „Fortnite“ länger zu überleben als beim ersten Mal.

Ab wann ist mein Kind süchtig?

FSJ-Leiterin Andrea Urban erklärt den Eltern die Computerspiele. Quelle: Frank Wilde

Computerspiele wie „Fifa“ oder „Minecraft“ ge­hören zur Freizeit vieler Kinder dazu. Bei den über 13-Jährigen tauchen bereits 83 Prozent der Jugendlichen fast täglich in die digitale Welt ab, die Spiele-Industrie macht Milliardenumsätze. Doch woran erkenne ich, dass mein Kind süchtig ist? Dass der Sohn oder die Tochter über mehrere Monate zu viel spielt, „reicht allein nicht aus“, sagt Andrea Urban, Leiterin der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (LJS).

Zur Sucht gehörten etwa Kon­trollverlust, Aggressivität und die Vernachlässigung von Freunden und der Schule. Dass sich die Kinder hin und wieder in virtuelle Welten verabschieden, sei indes völlig normal. „Das haben wir früher auch gemacht, nur anders. Kinder brauchen Helden, und die finden sie in Computerspielen“, sagt Eltern-Medien-Trainer Reinhold Gravelmann.

Eva Hanel empfiehlt den Eltern, dennoch Grenzen zu setzen, denn die Kinder könnten diese selbst nicht ziehen. „Setzen Sie Zeitlimits, das ist technisch möglich“, sagt die Medienreferentin der LJS. Auch In-Game-Käufe sollten ausgestellt oder begrenzt werden, damit es am Monatsende keine bösen Überraschungen gibt.

Gravelmann schlägt Eltern zudem vor, sich mit den Spielen ihrer Kinder auseinanderzusetzen. Verbote seien nicht der richtige Weg. „Versuchen Sie, Ihr Kind zu verstehen. Spielen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, wenn Ihnen diese Welten fremd sind“, sagt er. Das helfe auch dabei, zu erkennen, ob das Spiel für das eigene Kind geeignet ist, erklärt Hanel. „Bei vielen Online-Spielen ist die Altersbeschränkung leicht auszutricksen“, warnt sie. So gebe es Grundschüler, die berichteten, dass sie bereits Spiele für 16-Jährige ausprobiert hätten.

Eva Hanel und Jutta Höpken testen das Spiel Fortnite. Quelle: Frank Wilde

Wo gibt es Hilfe?

Wo können sich Eltern informieren, die mehr über die Spiele ihrer Kinder erfahren wollen? Die Internetportale „www.schau-hin.info“ oder „www.klicksafe.de“ zeigen, wie Eltern Einstellungen an der Spielkonsole vornehmen und die Spielzeit ihrer Kinder beschränken können. Zudem erfahren Eltern dort auch Details zu Spielen, deren Altersbeschränkungen und versteckten Kosten.

„Geben Sie Ihrem Kind Hinweise auf pädagogisch wertvolle und dennoch interessante Spiele. Lassen Sie Ihrem Kind dabei aber die Entscheidungsspielräume“, empfiehlt zudem Eltern-Medien-Trainer Reinhold Gravelmann. Besonders hilfreich seien dafür die Seite „www.spieleratgeber-nrw.de“ oder die Datenbank für Spiele-Apps des Deutschen Jugendinstitutes: „www.djj.de“.

Von Sascha Priesemann

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