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Meine Stadt Kuppel des Anzeiger-Hochhauses wird saniert
Hannover Meine Stadt Kuppel des Anzeiger-Hochhauses wird saniert
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00:20 05.03.2018
Runde Sache: Die Kuppel des Anzeigerhochhauses wird nach rund 90 Jahren erneuert. Quelle: Fotos: Dröse
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Hannover

 Neu in Schale wirft sich das Anzeiger-Hochhaus. Oder besser gesagt: Eine neue Schale erhält die charakteristische Dachkuppel des historischen Hochhauses am Steintor. Nach rund 90 Jahren ist die Kupferkappe „altersschwach“ geworden und muss ersetzt werden – in einem „wahnsinnig aufwendigen“ Verfahren, wie Jörg Kairies sagt. Der Architekt der Madsack Mediengruppe ist mit dem anspruchsvollen Projekt betreut, das bis etwa Ende 2019 abgeschlossen sein soll.

Es ist nicht nur das Wahrzeichen der Madsack Mediengruppe, auch das Magazin „Der Spiegel“ wurde hier gegründet, ebenso der „Stern“. Das Gebäude selbst trotzte als eines von wenigen Innenstadtgebäude den 88 Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg – doch spurlos ging die Zeit an dem ältesten Hochhaus Hannovers leider nicht vorbei. Vor allem nicht an der dünnen Kuppel. Dünn meint dabei: erstaunlich dünn. Ein Hühnerei hätte im Vergleich zu seinem Volumen eine dickere Außenhaut, veranschaulicht der Architekt die Dimensionen beim Besuch auf der Kuppel. „Nur 0,7 Millimeter dick ist das Kupfer“, sagt Kairies und klopft auf eine Platte. Darunter verbirgt sich – gleich einem Reifrock – ein Flachstahlgeflecht, das wiederum von außen mit Beton und von innen mit Kalkmörtel bespritzt wurde. Beide mineralische Schichten waren durch Torfdämmplatten getrennt. Nach der Entfernung aller raumseitigen Schichten tritt die atemberaubend schmale Wandstärke zutage: Nur insgesamt sechs Zentimeter Beton machen die Kuppelkonstruktion aus. Das geringe Gewicht entlastet das Backsteingebäude darunter. Ein einmaliges Konstrukt: Die innovative Bauweise haben sich die Firmen Zeiss und Dywidag 1925 sogar patentieren lassen.

Bombensplitter und Hagel haben die Kuppel verbeult

Architekt Kairies bewegt sich im obersten Geschoss des altehrwürdigen Hochhauses inzwischen auf bekanntem Terrain. Oft genug war er hier, um die anspruchsvolle Arbeit vorzubereiten. Für alle anderen Besucher gilt: Selten kommt man der Kuppel so nah. So nah, dass auch die vielen kleinen Macken und Dellen, etwa durch Hagelschlag, sichtbar sind. Heftigeren Einschlag gab es bei der Bombardierung Hannovers im Zweiten Weltkrieg. Etwa fünfzehn Bombensplitter hat die Kuppel damals abbekommen. Die Einschlagstellen wurden mit kleinen Kupferplatten geflickt – diese sind aber mit bloßem Auge auch schon vom Erdboden aus zu erkennen.

Fotos: Dröse

Die Kupferhülle selbst würde noch deutlich länger halten. Wenn sie denn noch Halt hätte. „Die sich lösenden Dübel sind das Problem“, erklärt Kairies. Er meint die ersten in Deutschland industriell gefertigten Dübel: mit Hanf umwickelte Metalldorne in einer Blechhülse, die die dünne Kupferhaut an der Betonkuppel befestigen. Etliche von ihnen haben sich im Laufe der Jahrzehnte witterungsbedingt oder durch Materialermüdung gelockert, so der Madsack-Architekt. Es muss also etwas passieren. Und es passiert bereits: Passanten haben längst entdeckt, dass außen am 51 Meter hohen Backsteinhaus ein Baugerüst emporwächst. Nächste Woche kommen dafür riesige Kräne zum Einsatz Bis April soll das Gerüst auch die Kuppel bedecken – übrigens eines der kompliziertesten Gerüstbauvorhaben bundesweit.

Sanierung auch im Inneren des Anzeiger-Hochhauses

Im Innern des Gebäudes sind die Arbeiten weitestgehend unbemerkt noch weiter fortgeschritten: Das alte Kino unterhalb der Kuppel wurde entkernt, die Zwischendecke abgerissen, erklärt Kairies, während er eine schwere Eisentür nach innen aufwuchtet. Es geht „unter die Haube“. Der enorme Hohlraum ist komplett mit einem Baugerüst gefüllt. „Ganze acht Wochen hat das gedauert“, sagt der Architekt. „Für den Transport der Gerüstteile waren Türen und Fahrstühle im Gebäudeinneren nicht groß genug.“ Stattdessen musste das gesamte Innengerüst von außen über die schmalen Fenster des achten Geschosses in die Kuppel gehoben werden. Stück für Stück. Kairies ist sich des besonderen Anspruchs der Aufgabe bereits bewusst: „Das Gebäude ist etwas Besonderes – und braucht deshalb auch besondere Lösungen.“

Abtragen mit größer Vorsicht

Höhepunkt der architektonischen Herkulesarbeit wird aber der Austausch der Kuppel sein: Nachdem sie komplett eingerüstet worden ist, voraussichtlich im April, wird die Kupferhülle abmontiert. Hier ist äußerste Vorsicht geboten, damit nicht zu viel Gewicht auf dem Gerüst lastet. „Fünf schlanke Dachdecker und ein Akkuschrauber – mehr geht nicht“, sagt Kairies mit einem Augenzwinkern. Auch keine Schneelast, weshalb das Dach des Kuppel-Gerüsts beheizt werden muss. Etwa Ende Juni soll dann die Außenfläche der Betonkuppel saniert werden, bevor die sie eine Art „Bauch-weg-Gürtel“ erhält: Edelstahlstäbe umspannen das untere Drittel – für mehr Stabilität.

Ende 2018 geht es dann wiederum innen weiter. „Stück für Stück“ ist auch hier das Stichwort. Die Kuppelinnenfläche wird vom dortigen Gerüst aus in einem so genannten Pilgerschrittverfahren saniert. Dabei wird in einem festgelegten Schema schadhafter Beton per Sandstrahler entfernt und sofort wieder mit Reparaturbeton aufgespritzt, so dass immer genügend neue und alte Teilflächen gemeinsam die Tragfähigkeit gewährleisten. Technologisch sei das Verfahren nicht besonders schwierig, dafür logistisch um so mehr, so Kairies. Das Strahlgut und entfernter Altbeton müssen quasi in Echtzeit beseitigt werden, um die Geschossdecke, auf der das 30 Tonnen schwere Innengerüst ruht, nicht zu überlasten.

Neue Kupferplatten ab 2019

Nach dieser etwa ein halbes Jahr dauernden Betonsanierung im Inneren bringen die Arbeiter außen sechs bis acht Zentimeter breite Hölzer wie Meridiane an der Kuppel an, auf die wiederum eine druckimprägnierte Bretterschalung geschraubt wird. Auf dieser Holzschalung werden anschließend die neuen Kupferplatten geschraubt. „Das trägt minimal auf – insgesamt etwa zehn Zentimeter nach außen“, erklärt der Architekt.

Apropos neue Kupferplatten. Diese, betont Kairies, sehen eben nicht neu aus, sondern kommen bereits patiniert in Hannover an. „Ein Hersteller lässt in Finnland die dünnen Bleche vorbewittern, um genau den jetzigen grünen Farbton zu treffen“, so der Projektleiter. „Damit verhindern wir, dass die Kuppel jahrzehntelang im bräunlichen Kupfterton daherkommt.“

Und auch unter der Kuppel wird dann vieles neu werden: Könnte sein, dass wieder ein Kino einzieht, allerdings bleibt das Gewölbe innen offen, um für Projektion und Lichtgestaltung nutzbar zu sein.

Bis dahin ist es aber noch einiges zu tun. „Aber der Anfang ist gemacht“, stellt Kairies fest. „90 Jahre hat die Kuppel gehalten. Wir werden dafür sorgen, dass sie noch weitere 90 Jahre hält“, sagt der Architekt und lächelt zuversichtlich. „Mindestens.“

Von Simon Polreich

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