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Enttäuscht und wütend: Esengül Türk kann die Kündigungdurch ihren Vermieter nicht verstehen – sie will ihren Kiosk nicht aufgeben. In der Hand hält sie Listen, auf denen 1000 Unterstützer unterschrieben haben.

Enttäuscht und wütend: Esengül Türk kann die Kündigungdurch ihren Vermieter nicht verstehen – sie will ihren Kiosk nicht aufgeben. In der Hand hält sie Listen, auf denen 1000 Unterstützer unterschrieben haben.© Fotos: Behrens

Protest

Kult-Kiosk in Linden muss weichen

Es ist wohl nicht nur ein Kiosk. Zumindest für viele der Lindener hat die Trinkhalle von Esengül Türk an der Limmerstraße eine viel größere Bedeutung. Es ist ein Treffpunkt, der Ort für ein Feierabendbier oder das letzte Getränk, das Ende doch zu viel war. Nun muss der Kiosk weichen, weil sich Rewe vergrößert. Es gibt Protest.

Hannover.  Der Begriff der Gentrifizierung ist eng mit Hannovers einstigem Arbeiterstadtteil Linden verbunden. Als Anfang 2013 die Bio-Supermarktkette „Denn’s“ eine Filiale auf der Limmerstraße eröffnete, hatte es zuvor massive Proteste im Viertel gegeben. Auch danach flogen immer wieder Steine und Farbbeutel auf die Scheiben des Biomarktes. Jetzt gibt es einen neuen Fall. Wieder Linden. Wieder Limmerstraße. Die Entrüstung im Viertel schlägt ähnlich hohe Wellen wie vor vier Jahren.

Der Kiosk von Esengül Türk (37) neben der ehemaligen Rossmann-Filiale muss schließen, weil der Rewe-Supermarkt seinen Laden erweitern will. Erst vor fünf Jahren übernahm die 37-Jährige mit ihrem Mann den Kult-Kiosk, den es bereits seit über 30 Jahren an der Limmerstraße gibt. Morgen Abend muss der Kiosk geräumt werden: Zu Ende Mai hatte der Vermieter den Türks gekündigt. Esengül Türk erinnert sich noch genau, als sie vor wenigen Wochen von der Kündigung erfuhr: „Es war der 27. Februar. Mich rief die Sekretärin des Vermieters an, um mir die Nachricht zu überbringen. Ich dachte erst, das wäre ein Scherz.“ Tagelang habe sie nach diesem dramatischen Anruf nicht schlafen können.

Eine Institution

Eine Institution: Die Trinkhalle an der Limmerstraße.

Auch gestern ist der Kiosk-Chefin, die täglich 14 Stunden im Laden steht, der Schock noch anzumerken. „Ich kann es noch immer nicht fassen.“ Natürlich könne ein Mietvertrag von beiden Seiten gekündigt werden. Das ist Esengül Türk, die in Linden auch als Gül bekannt ist, bewusst. Ihr seien aber andere Zusagen gemacht worden, berichtet sie im Gespräch mit der NP: „Unser Vermieter hat mir gegenüber immer versichert, dass er den Kiosk im Gebäude behalten möchte. Darauf habe ich mich blind verlassen.“ Denn bereits in der Vergangenheit habe die Drogeriekette Rossmann, die bis vor kurzem eine Filiale neben dem Kiosk betrieben hatte, Interesse an Türks Kiosk be­kundet: „Aber unser Vermieter hat das immer abgelehnt.“ Bis heute hat der Vermieter auch ein persönliches Gespräch mit der Familie abgelehnt: „Das ist doch einfach nur unmenschlich und furchtbar anonym. Ich will, dass mir dieser Mensch direkt ins Gesicht sieht, damit er nicht vergisst, wessen Leben er mit dieser Kündigung zerstört.“

Wird erweitert

Wird erweitert: Weil sich der Rewe-Markt vergrößert muss der Kiosk weichen.

Esengül Türk ist verzweifelt. Weiß sie, wie es nach dem Aus weitergeht? „Nein. Der Kiosk ist mein Leben. Ich brauche ihn. Ich lebe von dem Geschäft, bezahle davon Miete und Essen. Wenn ich schließen muss, dann rutsche ich in Hartz IV ab.“ Kampflos will Gül nicht aufgeben. Fürs Erste hat sie Unterschriftenlisten in ihrem Laden, der nicht nur bei jungen Partygängern äußerst beliebt ist, ausgelegt. 1000 Unterschriften hat sie schon. „Wir erleben eine starke Solidarität hier in Linden“, so die 37-Jährige. Von Umzugsstimmung ist im Kiosk am Montag nichts zu spüren. Die Regale, die bis unter die Decke gehen, sind prall gefüllt. Zigaretten, Süßigkeiten, Spirituosen, Sammelbilder. Das Sortiment ist groß. Und ständig wird nachgelegt.

Wann packen Sie die Umzugskisten? Esengül Türk antwortet, ohne zu zögern: „Gar nicht! Wenn ich meinen Kiosk verlassen soll, dann muss mich die Polizei hier schon rausholen. Freiwillig räume ich nicht das Feld.“

Von Britta Lüers

Hannover

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