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Meine Stadt Knochen eines Sauriers gehören einer unbekannter Art
Hannover Meine Stadt Knochen eines Sauriers gehören einer unbekannter Art
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00:17 02.09.2017
VISUALISIERUNG: So dürfte der Lagenanectes richterae asugesehen haben. Der Hals länger als der Körper, der Schwanz kurz, und die Füße haben sich zu paddelartigen Flossen zurückgebildet.   Quelle: Zeichnung: Knüppe
Hannover

 Es ist auch für Annette Richter nicht alltäglich, Namenspatronin einer neuen Saurierart zu werden. Doch wurde der „Richter’sche Leineschwimmer“, wie die wissenschaftliche Bezeichnung des Lagenanectes richterae locker übersetzt heißt, nach der Leiterin der Naturkundeabteilung des Landesmuseums benannt. Womit die Paläontologen Sven Sachs und Jahn Hornung das unermüdliche Ringen ihrer Kollegin um die Neubewertung musealer Schätze würdigten.

Für das Landesmuseum ist es die „Woche der Meeressaurier“, wie Museumschefin Prof. Katja Lembke betonte. Eine Sensation jagt die nächste. Doch mit dem Lagenanectes haben die Forscher nun nach der Entdeckung der Schwangerschaft des Ichthyosauriers und der Neudatierung der Lebenszeit des „Wiedenroth’schen Wunderdrachens“ (NP berichtete) den wohl spektakulärsten Coup gelandet. Der Fund ist der weltweit einzige dieser Art, die zuvor noch nie hatte beschrieben werden können.

Dabei schlummerten die Knochenreste bereits seit etwa 1990 in der Sammlung des Landesmuseums, als Dauerleihgabe der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Entdeckt worden waren sie 1964 in der Sarstedter Tongrube Moorberg.

„Als ich meine Stelle vor mehr als 21 Jahren antrat, hab ich gleich gedacht, dass man die Stücke unserer Sammlung neu erschließen müsste“, so Annette Richter. Doch als Spezialistin für Landwirbeltiere wollte sie nicht auf fremdem Terrain herumdoktern. „Ich sagte mir, Schuster bleib bei deinen Leisten. Ich kenne aber viele Paläontologen, die sich mit Meeressauriern auskennen, die habe ich genervt.“

In der Forschung steckte viel Arbeit und Fleiß – doch vor allem der wissenschaftliche Fortschritt machte neue Erkenntnisse möglich. „Wir konnten heute auf große Datenmengen zurückgreifen, um Merkmale miteinander zu vergleichen“, erklärt Studienleiter Sven Sachs vom Naturkunde-Museum Bielefeld. So konnten die Forscher Ähnlichkeiten erkennen, aber auch Abweichungen, die diesen Fund zu etwas Einzigartigem machen.

Erhalten sind große Teile des Schädels, der Wirbelsäule und der Gliedmaßen. Obwohl der Hals nur unvollständig ist, lassen Vergleiche mit verwandten Arten vermuten, dass er etwa 40 bis 50 Wirbel gehabt haben dürfte. Der „Leineschwimmer“ gehörte zur Gruppe der Plesiosaurier und der Familie der Elasmosauriden, Schwimmsaurier mit extrem langen Hälsen. „Die waren signifikant größer als der Restkörper“, so Sachs. Die Anzahl der Zähne in einem bestimmten Kieferabschnitt weist ihn als einen frühen Vertreter aus, der etwa vor 132 Millionen Jahren lebte.

„Wir haben aber anatomische Merkmale gefunden, die anders sind, als bei allen anderen Vertretern der Gruppe“, erklärte der Forscher. Insbesondere die seitlich am Oberkiefer ansetzenden Zähne würden ihn als eigene, neue Art ausweisen. Da sich diese Besonderheit symmetrisch an beiden Seiten zeige, könne es keine unnatürliche Verformung sein.

Eine solche fanden die Wissenschaftler am Übergang vom Schädel zum Hals. „Möglicherweise Folgen einer Entzündung“, sagte Sachs. Möglicherweise auch die Todesursache des Schwimmsauriers, der übrigens ein Lungenatmer war.

An der Oberseite des Schädels entdeckten die Forscher ein zweites Merkmal für die Einzigartigkeit: kleine Gruben, in denen sich vermutlich Elektrorezeptoren befunden hatten. Mit denen konnte der acht Meter lange Lagenanectes möglicherweise Beutefische aufspüren. „Er stand in seiner Lebenswelt sicher an der Spitze der Nahrungskette.“

Die Forschung an dem Exemplar geht weiter. An der Leibniz-Uni wurde mit 3-D-Drucker eine Kopie des Oberkiefers angefertigt. Paläo-Künstler Joschua Knüppe zeigt in seinen Bildern, wie der „Leineschwimmer“ ausgesehen haben dürfte. Und auch Tiermediziner der TiHo Hannover sollen den Fund noch einmal auf weitere Erkrankungen überprüfen.

Von Andreas Krasselt

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