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Meine Stadt Amtsgericht: Immer auf der Wacht
Hannover Meine Stadt Amtsgericht: Immer auf der Wacht
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00:20 08.03.2018
Alles im Blick: Thomas P., Leiter der Haftstation im Keller, vor einem großen Flachbildschirm, der Bilder von Überwachungskameras zeigt.  Quelle: Fotos: Wilde
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Hannover

 6.30 Uhr. Amtsgericht. Viele Büros sind hell erleuchtet, aber für die Öffentlichkeit ist das Justizgebäude am Volgersweg noch geschlossen. Doch in der Hauptwachtmeisterei im Erdgeschoss herrscht längst Hochbetrieb.

Dort erreicht der übliche Brief-Tsunami die zentrale Posteingangsstelle: Hier gehen täglich mehr als 20 000 Blatt ein. In gelben Kunststoffkisten mit der schwarzen Aufschrift „Deutsche Post“. In großen mausgrauen Gitterboxen. In bunten kleinen Körben, einzeln. Zu kleinen Stapeln gebunden. Dazu Pakete, Päckchen, Großumschläge.

Ritsch-ratsch, ritsch-ratsch – Geräusche von Posteingangsstempeln mischen sich ins Stimmengewirr von Uniformierten und Zivilbeschäftigten. „Hier schlägt das Herz des Amtsgerichts“, stellt Justizwachtmeister Kamil B. (31) klar. Der gelernte Koch und Einzelhandelskaufmann ist seit fünf Jahren am Amtsgericht beschäftigt. Davor arbeitete er in der JVA Celle.

B. ist Beamter, trägt blaue Uniform und – grüne Fingerhüte. Die kleinen, genoppten Gummis an Daumen und Zeigefinger sind unentbehrliche Helfer beim Sortieren staubtrockener Papiermassen.

Ritsch-ratsch. B. drückt der Nachtpost seinen (Eingangs-)Stempel auf. Das sind Sendungen, die am Haupteingang eingeworfen werden, wenn das Gericht geschlossen hat. Der dortige Briefkasten ist mit einer Automatik ausgestattet, die die Post vom Vorabend von der des aktuellen Tages trennt. „Der Eingangsstempel mit Datum ist sehr wichtig – bei Gericht müssen Fristen immer beachtet werden“, erläutert B. und blickt aus dem Fenster zum Hof.

In der Morgendämmerung trifft dort ein grauer VW-Bus mit getönten Scheiben ein – der erste Transport des Tages. Die Passagiere sind Gefangene aus der JVA Hannover. Die gefesselten Fahrgäste haben Gerichtstermine. Per Funk wird den Wachtmeistern mitgeteilt, wer wann welchen Häftling in welchen Saal zu führen hat.

Im Posteingang ist derweil Detektivarbeit angesagt. Eine niedersächsische Staatsanwaltschaft schickt einen Laptop. Ohne Anschreiben. Ohne Adressaten. B. hat aber schon einen Verdacht. „Ich habe mal die EDV angemailt“, erklärt er und fügt hinzu: „Man kann stolz darauf sein, das Amtsgericht am Laufen zu halten.“

Auch der umfangreiche Posteingang für Landgericht und Staatsanwaltschaft werde hier erledigt. Im Ausgang übrigens fallen täglich rund 25 000 Euro Portokosten an. Inzwischen liest sich der 31-Jährige durch Schreiben ohne Aktenzeichen: „Was nicht zuzuordnen ist, geht mit einer entsprechenden Mitteilung an den Absender zurück. Aber zu 99 Prozent finden wir das raus“, sagt B. nicht ohne Stolz.

Kurz nach neun. Jetzt hat die Justizbehörde geöffnet. An der Einlasskontrolle im Foyer wird jeder Besucher gemustert – und gegebenenfalls überprüft. Jens-Hendrik N. (46), gelernter Fleischer, arbeitet seit 19 Jahren im Amtsgericht. Er steht an der sogenannten Torsonde, mit der Verdächtige auf metallische Gegenstände untersucht werden können. Durch eine schwere Metalltür im Erdgeschoss führt eine Treppe zum Gewahrsam im Keller. Justizwachtmeister Thomas P. (52) leitet die Haftstation und ist bereits ein Vierteljahrhundert am Amtsgericht: „Wir haben hier alles – vom Fahrraddieb bis zum Mörder.“ 14 schmucklose Zellen gibt es, jährlich rund 2800 Gefangene werden stundenweise in den circa zwölf Quadratmeter großen Räumen eingesperrt. Niemand bleibt über Nacht.

In der Haftstation ist heute auch Matthias B. (52) eingesetzt. Der 1,93 Meter große gelernte Maler und Lackierer hatte sich vor 18 Jahren am Amtsgericht beworben – als Hausmeister im Angestelltenverhältnis. „Im Bewerbungsgespräch fragte man mich mit Blick auf meine Größe und Statur, ob ich nicht Interesse an einer Stelle als Justizwachtmeister hätte.“ B. hatte. Wurde Beamter, trägt seit fast zwei Jahrzehnten die blaue Uniform mit der weißen Aufschrift „Justiz“.

Gefangenen-Vorführung und Bewachung beim Prozess, Post, Kontrolle, Aktentransporte: „Als Justizwachtmeister muss man sehr flexibel sein“, sagt Kamil B. und betont: „Wir produzieren Sicherheit – das ist das A und O, unsere Hauptaufgabe.“

„Es ist halt kein alltäglicher Beruf“, ergänzt Jörg G. Der 46-jährige gelernte Stahlbauschlosser ist seit 27 Jahren am Amtsgericht, leitet die Wachtmeisterei: „Man muss sich in unserem Beruf durchsetzen können, schließlich hat man auch mit schwierigen Menschen zu tun.“ Kamil B. fügt hinzu: „Wir werden von Gefangenen beleidigt, beschimpft, bespuckt. Manche wehren sich dagegen, gefesselt zu werden, manche randalieren in den Zellen.“ Die Respektlosigkeit gegenüber den Beamten werde immer schlimmer. Der 31-Jährige weiter: „Häftlinge sind nicht ohne Grund gefesselt.“ Sie werden stets von zwei Wachtmeistern begleitet – zur Eigensicherung. Apropos Sicherheit. Wachsam sind Kamil B. und seine 38 Kollegen zu jeder Zeit: „Wenn es brenzlig wird, sind wir die Ersten, die gerufen werden. Wachtmeister erreichen jeden Ort im Amtsgericht in wenigen Sekunden.“

Von Andreas Körlin

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