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Symbolfoto: Ein Mann schläft auf einer Bank am Weißekreuzplatz in der List.

Symbolfoto: Ein Mann schläft auf einer Bank am Weißekreuzplatz in der List.© Behrens

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Hannover

Im Suff schlägt er zu - ein Trinker vom Weißekreuzplatz

Die Säufer vom Raschplatz – in der Gruppe meistens anonym. Aber vor Gericht ist von Einzelnen manchmal mehr über Vita, Verelendung und Gefahr zu erfahren.

Hannover. Jeder Schluck ein Schritt mehr zum Vergessen. Wenn Maik mal über sich nachdächte, würde ihn ein Meer von meist traurigen und deprimierenden Erinnerungen überfluten. Zugang aber hat er nur zu ein paar Inseln, und das ist schmerzhaft genug. Voller Pein vor allem für die Menschen, mit denen er sich im Suff auseinandersetzt. 18 Vorstrafen im Leben des 37-Jährigen zeugen von einem Leben voller Aggression und Kontrollverlust.

Gerade erst stand Maik deswegen wieder vor Gericht. Am Weißekreuzplatz hatte er sich im September 2016 über eine Obdachlose aufgeregt. Die lag da einfach betrunken rum und schien deshalb noch viel weniger wert als er mit seinen wahrscheinlich mehr als zwei Promille. Maik öffnete seine Hose und pinkelte ihr ins Gesicht. Als ihn die Frau beschimpfte, schlug er sie.

Der Vorfall ist der Polizei bekannt. Opfer und Zeugen ließen sich für die Gerichtsverhandlung nicht auftreiben. Ohnehin stellt das Urinieren auf einen Menschen strafrechtlich nur eine tätliche Beleidigung dar. Ganz schnell abgehakt also diese Anklage vom Schöffengericht, wie auch das Anspucken eines Mannes im Hauptbahnhof. Es gab dramatischere Fälle in Maiks Leben.

„Er ist ein herzensguter Mensch – solange er keinen Alkohol getrunken hat“, sagt seine ehemalige Lebensgefährtin. Sie selbst hat gerade zehn Wochen Alkoholtherapie hinter sich; das gemeinsame Kind lebt bei Pflegeeltern. „Ich bin auf dem besten Wege, für meinen Sohn derselbe beschissene betrunkene und gewalttätige Vater zu werden wie der, den ich hatte“, sagt Maik. Fast sah es so aus, als rinne eine Träne die Wange runter in seinen von einem Gummiband gehaltenen Ziegenbart.

Der Vater des seit Monaten arbeitslosen Mannes mit dem Stoppelschnitt war angeblich Zuhälter und Dealer. Er hat die Mutter verlassen, als Maik zwei Jahre alt war, nahm den Jungen später auf und hatte nichts dagegen, wenn dieser sich schon als Teenager betrank. Maik schaffte immerhin den Realschulabschluss, arbeitete in einer Drückerkolonne, zapfte Bier, schuftete im Akkord am Fließband. „Fliesen legen kann ich auch“, erzählt er.

Der Liebe zur Frau wegen, die er später verprügelte, ist Maik in Hannover gelandet. 15. Stock in einem Stadtteil, der als soziales Ghetto gilt. An einem warmen Sommerabend im August 2016 war der Aufzug kaputt und der Vater des Kleinkindes so besoffen, dass er voller Wut wegen der schier endlosen Torkelei im Treppenhaus nicht nur zulangte, sondern trat – ins Gesicht seiner ebenfalls betrunkenen Freundin. Deren Nase brach, das Jochbein ebenfalls. Eine Titanplatte unter dem linken Auge wird sie zeit ihres Lebens an den dramatischsten Tag ihrer Beziehung erinnern.

„Viel Glück“, wünschte die 28-Jährige trotzdem dem Vater ihres Kindes. Maik hatte zuvor versichert, er liebe sie immer noch. Sie hat ihn auch im Knast besucht. Dort sitzt er seit Oktober 2016, weil er und sein Kumpel nach einem Streit auf der Raschplatzhochstraße einen Schwarzafrikaner zu Boden gestreckt und getreten hatten. Maik gegen den Kopf seines Opfers, der Kumpel gegen dessen Bauch. Beobachtet, vielleicht sogar angefeuert von den Säufern am Raschplatz, denen nur die Flasche Halt gibt und die fast eine Familie für sie geworden waren. Einer gab der Polizei trotzdem den Hinweis, wer denn die Übeltäter seien.

Ein Taxifahrer hatte den Angriff beobachtet und „110“ gewählt. Nie werde er das Gesicht des Täters mit dem Tattoo und dem Ohrring vergessen, gab er in jener Nacht zu Protokoll. Doch im Saal 2145 erkannte er den Mann mit dem Ziegenbart und den daneben nicht wieder.

Das Gericht musste sich auf die Polizeiprotokolle und die wenigen Erinnerungsinseln stützen. Die beiden Angeklagten versicherten, es tue ihnen leid. Maik sprach sogar von Scham. Er wolle sein Leben in den Griff bekommen, sein Kind wiedersehen. „Kein Alkohol mehr“, versprach der Kumpel, verurteilt dann zu sechs Monaten auf Bewährung. Maik muss zwei Jahre und drei Monate sitzen – im Maßregelvollzug. Heißt Alkoholentzug. „Für ihn eine große und vielleicht die letzte Chance“, so sein Rechtsanwalt Dirk Schoenian.


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