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Wieder gesund

Ihnen rettete Organspende das Leben

Organspenden retten Leben. Nach dem Göttinger
 Skandal brachen die Spenderzahlen ein – langsam erholen sie sich. Wer die Geschichten von Meike Klüwer und Moses liest, weiß, warum das für viele so überlebenswichtig ist.

Hannover. Zum „Tag der Organspende“ stellt die NP die Geschichten der beiden vor, die dank anderer Menschen leben.

Der Traum vom Atmen wird endlich wahr

Fünf Monate hatte Meike Klüwer (25) gewartet. Auf diesen einen Anruf, der ihr Leben rettet. „Und dann hat am Ende gar keiner bei mir angerufen, sondern die Ärzte standen einfach an meinem Bett“, erzählt die 25-Jährige. Sie grinst – und sie atmet. Frei. Kein Rasseln oder Röcheln, keine Hustenanfälle.

Als die NP Meike Klüwer vor einem Jahr zum ersten Mal traf, war das anders. Zerbrechlich wirkte sie damals, wog nur noch 40 Kilo. Die Mukoviszidose hatte ihren Körper vollkommen ausgezehrt. Gustav,
 so nannte sie ihren mächtigen Sauerstofftank, mit dem sie über einen dünnen Zwölf-Meter-Schlauch ständig verbunden war, war ihr ständiger Begleiter: „Gustav habe ich den Laufpass gegeben.“

Sie hatte nie die Hoffnung verloren, dass sie irgendwann doch gerettet werden würde. Dass jemand stirbt und sie endlich die passende Lunge bekommt: „Was blieb mir auch für eine andere Option? Mein Tod als Plan B gefiel mir auf jeden Fall nicht.“ Vier Tage, bevor die Ärzte an ihrem Bett standen, hatte die Todkranke zum Telefon gegriffen: „Mein Schwager rief den Notarzt, weil ich überhaupt keine Luft mehr bekam.“ Einkaufen, essen, normal leben – „das gab es nicht mehr für mich. Nach fünf Bissen war ich jedes Mal aus der Puste.“ In der Medizinischen Hochschule (MHH) schlossen die Ärzte die junge Frau an das Ecmo. In Fachkreisen gilt es als „letzte Therapiemöglichkeit“. Danach kommt nur noch ein Spenderorgan oder der Tod. Das Gerät, das einer Herz-Lungen-Maschine gleicht, übernahm ihre Atmung: „Ohne wäre ich sofort erstickt.“ Dachten Sie an den Tod? „Nein, über das Sterben habe ich nie nachgedacht. Ich wollte einfach nur Luft bekommen. Das war mein einziger Gedanke.“

Und dann kam der 23. Juli 2015. Einen Tag zuvor war sie auf die Intensivstation gekommen. Ihr Leben war in akuter Gefahr. „Haben Sie es schon gehört?“, fragte mich ein Arzt. Klüwer wusste von nichts. „Wir haben eine neue Lunge für Sie“, klärte der Arzt sie auf. Die Mediziner hatten Meike Klüwer zuvor auf der Liste der Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, hochsetzen lassen. Was ging ihr durch den Kopf? „Luft. Ich brauche Luft. Mehr nicht.“
Die 25-Jährige blieb ruhig, „meine Eltern nicht, die waren völlig von der Rolle“. Klüwer schickte alle weg: „Ich wollte nochmal schlafen.“ Als das Spenderorgan in der MHH eintraf, wurde sie aus dem Schlaf gerissen. „Ich war noch total verschlafen, als ich auf dem OP-Tisch lag“, erinnert sie sich. Sieben Stunden lang pflanzten die Ärzte die neue Lunge ein. Alles lief gut. Dann wachte sie auf. Was sie dabei fühlte, wird Meike Klüwer nie vergessen: „Ich kann atmen. Ich kann atmen.“ Immer wieder habe sie diesen Satz gesagt und tief Luft geholt: „Das kannte ich gar nicht mehr. Und ich merkte sofort, dass jetzt alles gut wird. Es ist wirklich wie ein neues Leben für mich.“ Zwei Tage, nachdem sie aus der Reha-Klinik gekommen war, kaufte sie sich ein Fahrrad: „Das hätte ich früher nie gekonnt. Heute lege ich jede Strecke mit dem Rad zurück.“

Elf Monate sind seitdem vergangen. Zurückgeblieben sind zwei kleine Narben unter ihrer Brust. „Sieht aus, als hätte ich eine Brust-OP gehabt“, sagt die junge Frau und lacht. Sie wirkt unbeschwerter als beim ersten Treffen. Wen wunderts: „Ich bin einfach nur dankbar und glücklich, dass ich die Chance bekommen habe, weiterzuleben. Sonst wäre ich jetzt tot!“

Eine neue Niere – pünktlich zu Weihnachten

Wie neugeboren klettert
der kleine Moses auf dem Spielplatz herum. „Guck mal, Mama“, ruft er und winkt. Katharina Lücke winkt ihrem Sohn zurück. Die ganze Zeit über wirkt sie sehr erleichtert und unbesorgt. Das Schlimmste haben sie ja schon hinter sich. Moses’ Niere hatte 2012 versagt, da war er zwei Jahre alt. Seit Dezember 2015 hat er eine transplantierte neue.

„Zuerst war es nur Übelkeit. Im Krankenhaus haben sie dann einen alarmierenden Bluthochdruck festgestellt und uns mit einem Hubschrauber nach Hannover gebracht“, erzählt die Kasselerin. An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gibt es ein Nierenzentrum speziell für Kinder. Lars Pape wurde der behandelnde Arzt von Moses: „Er hat sich wirklich sehr tapfer gehalten und kam oft gut gekleidet, mit Hemd, in die Klinik“, erinnert er sich.

Ab 2014 bekam Moses eine Dialyse.
 Dabei wird ein Teil der Nierenfunktion
medizinisch ersetzt. Ostern 2015 wurde dann eine passende Niere gefunden und eingesetzt. Leider stieß Moses’ Körper das Organ ab. „Wir wollten aber nicht aufgeben“, sagt Lücke. „Der Osterhase hat mir eine falsche Niere gebracht, aber das Christkind wird mir eine richtige schenken“, sagte Moses damals. Er sollte recht behalten. Am 8. Dezember gab es die zweite Transplantation – und am 23. Dezember konnte Familie Lücke nach Hause gehen.

„Ich habe der Familie des Spenders einen anonymen Brief geschrieben. Ihr gleichaltriger Sohn war verstorben, und ich habe versucht, ihnen mit der Geschichte ein wenig Trost zu spenden“, erzählt die 36-Jährige gerührt. Eine Antwort gab es auch, in der sich die Eltern bedankten und viel Glück wünschten.

Geholfen hat ihnen in all der Zeit auch die Selbsthilfegruppe nierenkranker Kinder und Jugendliche. Ihr Vorsitzender ist Clemens Brauner: „Ich habe Frau Lücke auf dem Flur getroffen, und sie war sofort begeistert von unserem Konzept.“ Es gibt ein Elterncafé, Musiktherapie mit den Kindern und ein Seminar für Geschwister. Für die ist eine solche Krankheit in der Familie vor allem deswegen belastend, weil ihnen viel von der Aufmerksamkeit genommen wird. Brauner: „In dem Seminar können sie von ihren Problemen und der Krankheit ihrer Geschwister erzählen und werden dabei psychologisch betreut.“ Auch eine zweiwöchige Freizeit haben Lücke und ihr Sohn besuchen können. „Da konnten wir uns echt entspannen. Die anderen Eltern verstehen einen natürlich sehr gut, und auch die Kinder können gut Freunde finden“, schwärmt sie.

Das Leben für Dialysepatienten ist nicht leicht. Man muss seine gesamte Ernährung umstellen, und auch körperlich ist man sehr schwach. „Eine Transplantation ist die beste langfristige Lösung. Vor allem Kinder können als Dialysepatienten kein normales Leben führen und haben es später sehr schwer im Leben, selbst wenn sie ein Transplantat bekommen“, erläutert Pape das Problem.

Das Leben mit einer transplantierten Niere ist eine lebenslange Aufgabe. Regelmäßig muss man zu Kontrollen, und das Risiko einer erneuten Transplantation bleibt bestehen. Spender werden deswegen immer gebraucht. Dank ihnen kann Moses dieses Jahr schon eingeschult werden und hoffentlich ein normales Leben führen.

Zur Info: Aktuell warten nach Angaben der Deutschen Stiftung Organstiftung (DSO) rund 10 200 Patienten in Deutschland auf eine Organtransplantation. Zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr standen noch 10 500 Todkranke auf der Liste. Die Zahl, die dem gegenübersteht, ist ernüchternd: Im vergangenen Jahr wurden lediglich 3083 Organe transplantiert. Insgesamt waren es dabei in Deutschland 877 Menschen, deren Organe postmortal gespendet wurden. Davon kamen allein 113 Spender aus der Region Nord, zu der neben Niedersachsen auch Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein zählen – mit insgesamt 611 transplantierten Organen.

Bis Ende April dieses Jahres sind bislang 1003 Organe transplantiert worden, davon allein 216 in der Region Nord. Die Trendwende, nachdem die Spenderzahlen nach dem Göttinger Organspendeskandal in den Jahren 2012 und 2013 massiv eingebrochen waren, scheint sich also langsam fortzusetzen.
Wie jedes Jahr wird heute, am ersten Sonnabend im Juni, der „Tag der Organspende“ gefeiert,
um auf dieses Thema hinzuweisen. Die zentrale Veranstaltung findet diesmal in München statt. Das Motto: „Richtig. Wichtig. Lebenswichtig.“

von Britta Lüers und Jan Heemann


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