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Meine Stadt Letzte Station für sterbende Menschen
Hannover Meine Stadt Letzte Station für sterbende Menschen
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11:06 22.11.2018
Gute letzte Stunden: Christine Zech (78) war Bewohnerin des Hospizes und hatte noch gute Zeiten mit ihrem Freund und Nachbarn Niels Reck (36). Ihr war wichtig, dass die Leute erfahren, dass dies ein guter und wertvoller Ort ist. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Christine Zech strahlt und spricht, als wäre sie gerade im Urlaubsparadies angekommen. „Es ist einfach toll, spitzenmäßig, ein Viersternehotel ist nichts dagegen.“ Jetzt, wo sie ihre Perücke und ihre Ohrringe trägt, dezent geschminkt ist und eingehakt am Arm ihres Besuchers und guten Freundes Niels Reck (36) geht, ginge es ihr wieder richtig gut, sagt die 78-Jährige. Und kommt aus dem Schwärmen über diesen Ort nicht mehr heraus. „Die Seele hier ist das Personal, alle sind einmalig und so zugewandt, laufend werde ich gefragt, wie es mir geht und ob ich Schmerzmittel benötige.“

Schwerstkranke Sterbende können oft nicht daheim den letzten Weg gehen. Eine Reportage aus dem Hospiz als letzte Station.

Christine Zech* wird sterben. Denn die schwer krebskranke Frau ist im Hospiz. Letzte Station für die Bewohner, wie hier die Patienten genannt werden. Gesund wird hier keiner mehr. Das wissen die Bewohner, das weiß das Personal. Und eigentlich wissen es auch die Angehörigen - auch wenn manchen von ihnen dieses Wissen am schwersten von allen fällt.

„Es ist so schön hier, ich muss doch nicht gleich sterben?“

An dem Tag, als Christine Zech eingezogen ist, findet sie schnell Gefallen an ihrem letzten Domizil. Und nimmt es nun mit dem Sterben nicht mehr so genau. „Es ist so schön hier, ich muss doch nicht gleich sterben?“, fragte sie beim Einzug lächelnd Leiterin Gabriele Kahl (50). Die freut sich, dass so viel Freude und auch Lebenswillen in der zarten Person stecken. „Nein, das müssen Sie nicht“, hat sie gesagt - und begrüßt jede gute Minute, die Christine Zech noch haben wird.

Info

Das Diakovere Uhlhorn Hospiz gibt es nun bereits seit 18 Jahren. Acht große Zimmer mit Bett, Tisch und Stühlen sowie einem Sofa und einem Badezimmer, mit Terrasse und Blick in den Wald stehen zur Verfügung. 18 Hauptamtliche Pflegekräfte und 23 Ehrenamtliche arbeiten hier, eine Leiterin und eine Stellvertreterin und zwei fest angestellte Reinigungskräfte. es gibt eine Sozialarbeiterin und Diakonin, die drei Mal wöchentlich im Hause ist, neben der Korrespondenz mit den Krankenkassen auch die Ehrenamtlichen begleitet und die Seelsorge übernimmt. Die Pflegekräfte arbeiten in drei Schichten.

Um hier seine letzte Station zu verbringen, brauchen Patienten eine Hospiz-Verordnung von Haus- oder Facharzt, die besagt, dass eine lebensverkürzende Krankheit vorliegt. Ärzte sprechen auch von „austherapiert“. Die meisten Bewohner hier sind unheilbar krebskrank, einige leiden unter ALS (die Krankheit, an der Stephen Hawkings litt und verstarb). Liegt eine Hospiz-Verordnung vor, zahlen die Krankenkassen 95 Prozent der Kosten, der Rest wird durch Spenden getragen.

Die Bewohnerin hat recht. Die gute Seele des Uhlhorn Hospizes ist das Personal. Das liegt daran, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tatsächlich dem Menschen zugewandt sind, dass ihnen die Arbeit mit den Todkranken nicht nur wichtig ist, sondern ihnen auch viel gibt - „man bekommt sehr viel zurück“, sagt etwa Schwester Birgit Birkenfeldt (54). Dennoch: Ein krankhaftes Helfersyndrom hat hier niemand.

Schwestern und Pfleger haben Zeit für Bewohner

Es liegt aber sicher auch daran, dass sich diese Pfleger und Schwestern Zeit für ihre Bewohner nehmen können. Nicht wie in anderen pflegerischen Berufen nach Minuten bezahlt werden, keinen abenteuerlichen Personalschlüssel haben, der nicht einmal mehr ein Gespräch oder ein Händchenhalten für die Patienten zulässt, geschweige denn ein offenes Ohren für deren Sorgen - und wenn, dann geht es auf Kosten anderer oder der eigenen Zeit. Die Brutalität des Zeitdrucks im wirtschaftlich orientierten Gesundheitswesen ist in diesem Hospiz nicht angekommen. Und das tut allen gut. Schwesternschülerin Anja Heller: „Es wäre schön, wenn solche Verhältnisse überall im Pflegebereich herrschten.“

Dass man in diesem Hospiz einen guten letzten Weg haben kann, ist das eine. Wie man stirbt, entscheidet aber jeder Bewohner selbst. „Die einen wollen allein sein, andere noch viel reden – nicht nur über den Tod“, erzählt Gabriele Kahl. „Manche geraten noch in krisenhafte Situationen und brauchen besondere Zuwendung.“ Und auch die eigene Katze oder der treue Hund darf noch mit aufs Zimmer, ans Bett. „Wobei wir auch schon die zwei Katzen einer Bewohnerin hier hatten, das war dann zu viel, weil eine immer ausgebüxt ist.“

NP-Interview

Die Leiterin des Uhlhorn Hospizes, Gabriele Kahl, im NP-Interview.

Wer sind die Bewohner?

Überwiegend sind es Frauen, das liegt daran, dass sie längere Überlebenschancen als Männer haben. Wenn es noch Männer gibt, sind diese in der häuslichen Versorgung oft überfordert, während Frauen ihre Männer pflegen. Es sind auch viele Alleinstehende hier oder Alleinlebende, wenn das Familiensystem am bröckeln ist. 67 Jahre ist das Durchschnittsalter. Unsere jüngste Person war 15 Jahre - da gab es das Kinderhospiz in Syke noch nicht. Die Älteste war 99 Jahre, die konnte aber wieder heim und ihren 100. dort im Familienkreis begehen. Die kürzeste Zeit eines Bewohners waren 40 Minuten, die längste ein halbes Jahr. Die Verweildauer hat sich geändert, früher waren es 28 Tage, heute 21 Tage. Das liegt daran, dass die Todkranken mithilfe der ambulanten Palliativbetreuung länger daheim bleiben.

Sind die Bewohner auch wütend und manchmal aggressiv?

Es gibt auch wütende Bewohner, aber eher sind es die Angehörigen, die oft nicht verstehen, dass man nicht heilen kann. Das sind Grenzsituationen, da kommt man auch emotional an die Grenzen. Im Team haben wir viele kritische Situationen zusammen gemeistert, wenn Angehörige etwa alkoholisiert auftreten, deswegen ist es gut, wenn man zu zweit im Nachtdienst ist. Wir hatten auch schon die Situation, dass der Angehörige einen Notarzt rief, als seine Frau hier im Sterben lag. Da benötigt man Chaos-Kompetenz.

Ist Ihnen und Ihrem Team eigentlich auch oft zum weinen, wenn jemand stirbt?

Ja, es wird auch viel getrauert hier, einmal alle vier Wochen haben wir Supervision, da es gibt immer Raum für Fallbesprechungen. Wenn ich gar nicht mehr mitleide, dann bin ich hier falsch. Aus diesen 18 Jahren kann ich mich an viele erinnern. Das ist uns allen wichtig, 120 – 130 Verstorbene haben wir im Jahr, trotzdem zählt der Einzelne. Jeder geht anders.

Wie wird man Bewohnerin?

Die Aufnahme richtet sich nach dem Krankheitsbild, das muss in absehbarer Zeit zum Tode führen. Der Hausarzt oder Facharzt stellt eine entsprechende Hospiz-Verordnung aus.

Also wenn man austherapiert ist?

Ich mag dieses Wort nicht so. Wir machen noch ganz viel an Therapie, zum Beispiel Klangschalentherapie, das beruhigt die Leute. Aromatherapie, komplementäre Pflege, zusammen mit Hausärzten und Fachärzten, die hierher kommen. Wir haben aus gutem Grund Fachpersonal, das sich in spezieller Schmerztherapie auskennt. Die Palliativ-Care-Ausbildung bieten wir für Pflegekräfte hier auch an.

Was kostet ein Platz?

Der Tagessatz liegt seit dem 1. Januar bei 432,60 Euro. 95 Prozent zahlen die Kassen, die restlichen fünf Prozent kommen aus Spenden.

Wie rekrutieren sie Spenden?

Angehörige zeigen sich oft im Nachhinein dankbar und rufen zu Spenden statt Blumen oder Kränzen auf. Es gibt auch Erbschaften von Angehörigen und Stiftungen, die Projekte unterstützen. Vor Jahren hat der alte Herr Sennheiser mal eine Million Euro gespendet, als wir ziemlich defizitär waren, da habe ich am Telefon geweint.

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In den Übergabekonferenzen des Teams, die Wichtigste ist täglich um 13.30 Uhr, wird alles angesprochen, was für die Bewohner, die Pflegenden und möglicherweise auch die Angehörigen wichtig ist. „Der Herr U. mochte früher sehr gern Lachsbrötchen, jetzt bringt sein Sohn ihm zu jedem Besuch eines mit und er mag es nicht mehr essen, traut sich aber nicht, es seinem Sohn zu sagen“, berichtet an diesem Tag Krankenschwester Bettina Schuster. Die Frauen und Männer am Tisch sind sich einig, dass hier mal ein ernstes Wort mit dem Angehörigen gesprochen werden muss. „Die Dinge verändern sich, gerade in dieser Zeit noch einmal“, weiß Schwester Birgit Nölke, die seit der Hospiz-Gründung vor 18 Jahren dabei ist. Schwester Bettina erzählt von Frau B., die noch einen Überraschungsbesuch von ihrem Sohn hatte, nachdem sie diesem klar gemacht habe, dass vier Wochen Besuchspause doch etwas zu lang wären. „Sie hat sich unglaublich gefreut und ich glaube, jetzt kann sie auch gehen“, sagt die erfahrene Krankenschwester.

Lachsbrötchen, Currywurst oder Eierlikör – alles erlaubt

Für die Bewohner gilt: Ob Lachsbrötchen oder etwas Süßes, ob den Eierlikör als Schlaftrunk oder einen guten Rotwein, ob nur noch ein Süppchen oder gar Currywurst mit Pommes – erlaubt ist, was mundet. Aber es gibt auch darüber hinaus Therapie – nicht zum Überleben, aber zum guten Leben bis zum nahen Tod. Nicht alle vertragen die Schmerzmittel und die Ängste, viele leiden trotz des Morphiums auch unter Schmerzen oder unter Luftnot, unter Juckreiz oder Verstopfung – bedingt durch Krankheit und Liegen. Hier lindern die Pflegenden so manches Problem mit Aromatherapie, angeboten wird auch Klangschalentherapie, es gibt Thymian-Auflagen und Quark-Wickel – „Hauptsache, es schafft Erleichterung“, sagt Gabriele Kahl.

* Frau Zech ist am 15. November gestorben.

Sie arbeiten im Uhlhorn-Hospiz:

Von Petra Rückerl

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