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Meine Stadt Heute ist Weltputzfrauentag
Hannover Meine Stadt Heute ist Weltputzfrauentag
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10:57 08.11.2011
Gesine Schulz ist Schriftstellerin und Initiatorin des "Tags der Putzfrau". Quelle: Hartmann
Hannover

VON INKEN HÄGERMANN

HANNOVER. Alles fing vor mehr als 25 Jahren mit einem Gefallen an. Annemarie P. (Name geändert) sprang für eine Freundin ein, die eine Reise gebucht hatte, aber keinen Urlaub bekam. Die Freundin brauchte eine Vertretung für ihre Putzstelle in der Chefetage eines Finanzinstituts. „Willst du nicht?“, fragte sie Annemarie P., und die sagte ja. „Ich konnte das Geld gut gebrauchen“, erinnert sie sich.

Annemarie P. war Mitte der 80er Jahre schon seit einigen Jahren Witwe, sie versuchte aus eigener Kraft, ihre Familie über Wasser zu halten: Allein zog sie ihre Tochter groß und führte den Laden ihres verstorbenen Mannes weiter. Viel Arbeit, wenig Einkommen: Die Umsätze sanken stetig, eine Finanzspritze kam gelegen. Zwei Wochen stand sie jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe auf und putzte eineinhalb Stunden, bevor das Kind in die Schule musste und der Laden aufgeschlossen wurde.
Als die Vertretungszeit vorbei war, blieb sie. „Die Arbeit war recht angenehm, das Team gut, und man wollte nicht mehr auf mich verzichten“, sagt die gelernte Restaurantfachfrau mit einem feinen Lächeln und ein wenig Stolz in der Stimme.
Heute ist Annemarie P. eine sehr gepflegte Dame mit feinen Perlenohrsteckern und elegant manikürten Fingernägeln. Man sieht ihr nicht an, dass sie schon Mitte siebzig ist und immer noch die Chefetage reinigt. Ihre Augen sind intelligent und wach, die Bewegungen schnell und geschmeidig.

Nach einigen Jahren gab P. den Laden auf und arbeitete stattdessen mehr als Reinigungskraft. Bis heute putzt sie dreieinhalb Stunden täglich, offiziell natürlich. Mit den 500 bis 600 Euro im Monat stockt sie die kleine Rente und ihre Witwenrente auf. „Ich mache das, um einen gewissen Lebensstandard zu halten. Ich kann mir dadurch einige Annehmlichkeiten leisten, die sonst nicht drin wären“, sagt sie. Obwohl mehr denn je für den ganz normalen Lebensunterhalt draufgeht: „Früher konnte ich immer noch mal was beiseitelegen für meine zwei Enkel, aber das geht nicht mehr. Was sind denn heute noch 100 Euro wert?“, klagt sie.

Jeden Morgen steht Annemarie P. um halb vier auf, ab fünf Uhr reinigt sie im Team mit einer langjährigen Kollegin die Büros der Chefs, Konferenz- und Veranstaltungsräume. Sorgfältig saugt sie die teuren Teppiche, wischt Staub, leert Papierkörbe, putzt die WCs, „alles, was anfällt, eben“. Und alles muss natürlich „tipptopp“ sein, nachdem Annemarie P. da war, auch die Fußleisten oder Fensterbretter, sie hat da ihren eigenen Ehrgeiz.
Das Wort Putzfrau mag sie nicht, sie nennt sich Reinigungskraft. „Auch meine Vorgesetzte wollte den Begriff Putzfrau nie hören, der klingt so abwertend“, erzählt Annemarie P. Die Angst, dass jemand auf sie herabschauen könnte, ist auch der Grund dafür, dass sie ihre Nebentätigkeit bis heute fast geheim hält.

Nur ihre Familie und eine enge Freundin wissen, dass sie putzen geht, der große Bekanntenkreis hat keine Ahnung. „Anfangs wollte ich das nicht erzählen, weil mich sehr viele Leute kannten und mein verstorbener Mann und ich einen hohen Lebensstandard hatten“, erzählt Annemarie P., „ich wollte nicht anders bewertet werden. Ich habe das damals so für mich entschieden, und es jetzt zu erzählen, wäre auch albern.“
Die Frau mit den feinen Lachfältchen im Gesicht ist heute im Reinen mit sich und ihrer Arbeit. Fast schwärmend berichtet sie über die tolle Atmosphäre in ihrer Mannschaft, den Teamgeist, ihre „menschlich vorbildliche“ Vorgesetzte. In dem Finanzinstitut, in dem sie reinigt, sei sie „immer sehr respektvoll und freundlich“ behandelt worden. Herablassend sei niemand gewesen, im Gegenteil: In den mehr als 25 Jahren habe sich ein „sehr gutes Verhältnis“ zu den dortigen Kollegen entwickelt.

Doch vor einiger Zeit übernahm eine neue Firma den Auftrag zur Reinigung der Büros und damit auch die Reinigungskräfte. „Diese Firma gefällt mir nicht so sehr“, formuliert P. vorsichtig, „die Atmosphäre ist schlechter geworden.“ Und die Arbeit hat sich fast verdoppelt: In ihrem Team sind jetzt nicht mehr drei, sondern nur noch zwei Personen, dafür muss eine zusätzliche Abteilung gesäubert werden. „Wir können das Programm nur schaffen, weil wir sehr gut eingespielt und erfahren sind“, sagt Annemarie P.
Aber die festen Teams von früher lösen sich zunehmend auf, dauernd kommen neue Kräfte. „Wenn man denen sagt, dass sie auch mal über die Fußleisten wischen müssen, sind die ganz erstaunt“, sagt P. und schüttelt den Kopf. Neulich sei sogar eine junge Kollegin da gewesen, die erklärte, Toilettenputzen sei „nicht so ihr Ding“. Annemarie P. jedenfalls fühlt sich noch lange nicht zu alt für ihre Arbeit: „Ich habe beschlossen, solange ich das körperlich und geistig wuppen kann, mache ich weiter.“ Denn nur wegen des Extrageldes steht sie nicht jeden Morgen auf: „Der Job hält mich auf Trab: Ich habe eine Aufgabe und werde gefordert. Ich kann es mir nur schlecht vorstellen, nicht mehr zu arbeiten.“

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