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Manfred Dust.© Heusel

Linden

Hannovers "Doppelkorn"-Bäckereien vor dem Aus

Die beliebte "Doppelkorn"-Bäckerei steht vor dem Aus: Der neue Besitzer taucht ab, Löhne stehen aus, Lieferanten holen Mehl und Getreide ab: „Wie im Krimi.“

Hannover. Wenn es so kommt, wie es zunächst schien, dann werden Liebhaber von Dinkelsaftbrötchen in die Röhre schauen. Die neun Doppelkorn-Filialen werden vermutlich geschlossen sein – Genaues aber weiß man nicht. Angestellte, Lieferanten und frühere Chefs sind absolut ratlos.

Am Montag wurden die Läden schon einmal, aber erst um 16 Uhr geschlossen und die Angestellten zur Be­triebsversammlung um 17 Uhr gebeten. Da hieß es, der neue Chef Manuel Pietrusky (34) habe die Produktion und neun Läden der Vollkornbäckerei an einen englischen Investor verkauft. Der be­kannte Name Doppelkorn werde ausgetauscht, die Lä­den würden künftig „bio-active“ heißen. Und Manuel Pietrusky? Nicht anwesend. „Der ist schon seit vier Wo­chen verschwunden“, be­richtet ein Mitarbeiter.

Erst zum 1. März hatte der langjährige Vorbesitzer Manfred Dust an den Schuhladenbesitzer Pietrusky verkauft, um mit 68 Jahren in die verdiente Rente zu ge­hen. Pietrusky erzählte der NP, was er alles vorhabe, wo er modernisieren wolle, wie er die Mitarbeiterführung künftig verstehe. Die flachen Hierarchien wolle er abschaffen, mit Bioläden expandieren. „Mir sagte er, dies sei sein Lebenswerk“, so Dust.

„Der kann nichts aushalten und nicht abwarten“, erklärt dagegen eine frühere Mitarbeiterin über den jungen Boss. „Mal hat er Getränkepreise runtergesetzt, dann wieder hochgesetzt. Er wollte immer sofort Ergebnisse haben“, so die 36-Jährige, „das funktioniert im Einzelhandel aber so nicht.“ Es habe keine Stellvertreter ge­geben, nur „einen Beißhund, der alles machte, was er wollte“. Nun sei das Büro leer, der Chef – „so heißt es – ist im Erholungsurlaub“. Die meisten Mitarbeiter hätten seit Juni kein Geld bekommen. Selbst sein engster Angestellter sei von dem Verkauf – „oder aber der Insolvenz, die wahrscheinlicher ist“ – überrascht, so die Frau. Wie übrigens auch die Lieferanten.

Johannes Herbert, Vertriebsleiter der Bohlsener Mühle (Landkreis Uelzen), hatte gestern Morgen von der Betriebsversammlung erfahren, und davon, dass offenbar ein Verkauf anstehe: „Nur zwei Stunden später teilte mir unsere Buchhaltung mit, dass die Beträge der letzten sechs Wochen, die wir über eine Einzugsermächtigung bei Doppelkorn abgerufen hatten, offenbar von Doppelkorn zurückgeholt wurden.“ Um nicht ganz im Regen zu stehen, „haben wir umgehend unsere noch vorhandenen Warenbestände bei Doppelkorn abgeholt“. Sprich: Selbst wenn die Produktion heute weitergehen würde, fehlte es an Rohware. Denn auch Gerhard Tartsch von der Getreide-Anbietergemeinschaft Wend­hausen (GAW) ließ Ware abholen: „Auch wir hatten eine Einzugsermächtigung, 20 000 Euro hat er sich am 24. Juli rückwirkend zurückgeholt.“ Tartsch hat „über alle Kanäle“ versucht, Kontakt aufzunehmen: „Ich habe um eine Erklärung gebeten, aber es gab nur Funkstille.“ Die Gesellschafter der GAW sind Öko-Bauern, „wir beliefern Doppelkorn seit den 1990er Jahren, der macht die Hälfte unseres Umsatzes aus“.

Das treibt auch Herbert um: „Dramatisch ist die Si­tuation auch für die kleinen Bauern, die an Doppelkorn Getreide geliefert haben und jetzt womöglich ohne Geld und ohne Ware dastehen.“ Ihn haue das schon ein wenig um: „Wir beliefern Doppelkorn seit seinem Bestehen. Das Unternehmen war im­mer ein guter, pünktlich zahlender Partner. Jetzt komme ich mir vor wie in einem schlechten Krimi.“ Wobei ihm die Belegschaft besonders leidtue: „Das sind mehr als 100 Leute, die jetzt nicht wissen, was passiert.“

Das sagt der Vorgänger:

Manfred Dust wäre wohl nicht Manfred Dust, wenn er nicht auch jetzt noch irgendwie Verständnis für seinen Nachfolger Manuel Pietrusky aufbringen würde. „Der ist völlig überfordert gewesen. Den haben die Probleme überrannt, die er sich selbst gemacht hat.“ Dabei wird wohl auch der 68-jährige frühere Chef der Biobäckerei Doppelkorn finanziell bluten müssen. „Ich war gerade bei der Bank“, sagte er gestern der NP, „und habe erfahren, dass ich noch mit 53 000 Euro drin hänge.“

Es gebe ein Restdarlehen, für das er gebürgt habe: Höhe 13 000 Euro. Und dann sei da noch eine private Dispo-Sicherung in Höhe von 40 000 Euro, die auf einen Doppelkorn-Konto liegen müsse. Das Geld sei Haftungskapital, an dem sich die Bank im Falle einer Insolvenz bedienen würde. „Pietrusky hat gesagt, er bringt das in Ordnung, zahlt es aus, und das hat er nicht gemacht. Jetzt haben wir den Salat.“ Immerhin: Eine erste Marge für den Verkauf von Doppelkorn habe er am 1. März erhalten, der Rest stehe Ende des Jahres an. „Die Frage ist, was er noch hat.“ Frühere Andeutungen Pietruskys, das Unternehmen sei finanziell in einer schlechteren Lage, als gedacht, weist Dust entschieden zurück. „Als ich raus bin, waren alle Rechnungen bezahlt.“

Manfred Dust hofft darauf, dass es einen neuen Besitzer gibt, der den Betrieb weiterführt. Zumal der Ökoladen Biologisch (Linden) seiner Frau Heike Dust von Doppelkorn beliefert wird. „Vielleicht gibt es ja ein neues, gutes Konzept. Für Hannover wäre das eine Tragödie, weil die Produkte wirklich gut und die Leute auf das Brot eingestellt sind.“ Und natürlich wäre es eine Kata­strophe für die Mitarbeiter. „Nach dem Desaster am Pfarrlandplatz hat er viele gute Leute verprellt, das war meines Erachtens sein entscheidender Fehler.“ Damals degradierte der neue Chef erst die Ladenleitung, feuerte sie und weitere Angestellte und legte ihnen für alle Filialen Hausverbot auf. „Das war sein größter Fehler“, so Dust.

Von Petra Rückerl


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