Die Abschrift einer Kartendarstellung von Ptolemäus aus der Zeit um 150 nach Christus – die Forscher haben die damaligen Ortsnamen Städten zugeordnet, die sich heute an den jeweiligen Stellen befinden.
Von Michael Krische
Hannover. Wie sah Deutschland vor 2000 Jahren aus? Laut „Spiegel“ haben Berliner Wissenschaftler vom Institut für Geodäsie der Technischen Universität Berlin die Antwort gefunden. Sie haben das Original einer Karte von „Germania Magna“ entschlüsselt, die der griechische Geograf Claudius Ptolemäus um 150 nach Christi Geburt gezeichnet hat.
Leipzig ist demnach Aregelia gewesen, Hamburg Treva, Braunschweig Tulisurgium und Eisenach Canduum. Und wir sind auch mit drauf: Tulifurdum, so die Berliner Wissenschaftler, hieß der Ort, an dem unsere Ur-Ur-Ahnen den alten Handelsweg am Leineübergang überwachten und an dem sich Jahrhunderte später das alte Hannover entwickelte.
Das Berliner Forscherteam hatte Glück: Bis vor kurzem waren von den Kartenwerken des Ptolemäus nur Abschriften überliefert, die beste in einem Prachtband im Vatikan aus der Zeit um 1300.
Die Sensation: Im Istanbuler Topkapi-Palast, der Residenz osmanischer Sultane, wurden viel frühere Darstellungen aufgespürt, lose Blätter aus Schafshaut. Sie dienten den Berliner Forschern als Grundlage für eine exakte Neuaufnahme der Ptolemäus-Karten. In sechsjähriger Tüftelarbeit gelang es ihnen, das kartografische Frühwerk zu entzerren: Mitteleuropa vor 2000 Jahren.
Andreas Kleineberg, Christian Marx, Eberhard Knobloch und Dieter Lelgemann haben die Ergebnisse ihrer Recherchen unter dem Titel „Germania und die Insel Thule“ im Darmstädter Verlag „Wissenschaftliche Buchgesellschaft“ veröffentlicht (29,90 Euro). „Unser Atlas ist eine Schatzkarte“ wird Projektmitarbeiter Andreas Kleineberg vom „Spiegel“ zitiert.
Was schließen wir daraus? Vor allem, dass unser Vor-Hannover schon damals einen Namen gehabt hat und demnach nicht nur eine Ansammlung von ein paar armseligen Lehmhütten gewesen ist. „Immerhin kreuzten sich hier schon zur Römerzeit die wichtige Süd-Nord-Handelsstraße entlang der Leine, mit Routen, die von West nach Ost führten“, so der Historiker Klaus Mlynek. Bis ins Baltikum trieben die Römer in diesem unbändigen, nie unterworfenen Teil Germaniens Handel, unter anderem mit Bernstein, dem Gold der Ostsee.
„Tulifurdum“, mutmaßt Mlynek, ließe sich sprachgeschichtlich deuten als Zusammensetzung aus lateinisch „tuli“ (ich habe getragen) und furdum (Furt) – immerhin ein deutlicher Hinweis auf den historischen Leineübergang.
Helmut Plath (1911–1990), langjähriger Chef des Historischen Museums, schrieb über den bisher namenlosen Ort in seiner Stadtgeschichte: „Während des 1. bis 3. Jahrhunderts nach Christus, in der römischen Kaiserzeit, bestand auf dem Boden der späteren Alt- und Neustadt eine Besiedlung von nicht geringer Ausdehnung.“ Reste von Tongefäßen aus dieser Zeit wurden unter anderem im Untergrund der Aegidienkirche gefunden. Die Bewohner hätten dem Stamm der Cherusker angehört.
In einem alten Leinearm wurde ein Pfennig des römischen Kaisers Alexander Severus (222–232 ) geborgen. Für Plath, der nach dem Krieg nach Spuren der Vergangenheit gegraben hatte, der Beweis, dass die Siedlung „von dem mit den Römern in Zusammenhang stehenden Handel erreicht wurde“.
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