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Der ganz normale Straßenwahnsinn

Hannover: Zum Kiosk bitte durch den Vorgarten

Eine Straße wird saniert, die so kaputt eigentlich gar nicht war. Die Folgen eines politischen Scharmützels treffen jetzt einen Kioskbesitzer. Zu seinem Laden kommt man nur über einen Umweg, durch den Vorgarten einer Kneipe. Der Umsatz bricht ein.

Hannover. Thomas Kiebert ist Stammkunde im Kiosk „Der Kleine Laden“. Noch. „Na, wo haben Sie denn heute einen Parkplatz gefunden?“, begrüßt ihn der Pächter Jürgen Koeppe. Sein Auto musste Kiebert 400 Meter entfernt abstellen. Seit Wochen ist die Springer Straße (an der Koeppes Kiosk liegt) Baustelle. Zu dem kleinen Laden führt ein Umweg – ein paar Meter rein  in die Gehrdener Straße, dann durch eine Zaunlücke und den Vorgarten der be­nachbarten Kneipe.

„Eigentlich sollte die Straße in drei Abschnitten erneuert werden“, erzählt Koeppe. Das hatten die Planer noch erzählt, als sie am Tisch vor seinem Laden saßen. Doch jetzt ist die Straße überall aufgerissen. Schon kurz nach dem Abbiegen von der Wallensteinstraße geht es nur nach rechts und links. Umleitungsschilder fehlen. Da, wo einst Autos standen, liegen Erde, Abflussrohre, Steine.

Kiebert kennt den Weg. Aber auch er findet: „Das ist abenteuerlich geplant.“  Schlecht geplant. Weil die Parkplätze vor seinem Kiosk fehlen und ältere Leute mit ihren Rollatoren auf dem Weg zu ihm vor immer neuen Barrieren stehen, sind Koeppes Umsätze um 30 Prozent eingebrochen. „Das mag man kurzfristig ertragen“, sagt er, „Aber ich befürchte, die Bauarbeiten werden noch Monate dauern.“ An Fertigstellung zum Jahresende glaube er nicht.

„Anfangs habe ich noch gedacht, das klappt“, berichtete der 52-Jährige. Doch dann bekam er mit, dass zum Schutz der Bäume bei den Arbeiten am Bürgersteig auf den Einsatz normaler Bagger verzichtet wird. Ein Saugbagger mit Hamburger Kennzeichen, offenbar ei­gens für diese Aktion angemietet, koffert behutsam die Erde um die Bäume frei.

Das dauert, zumal sie auch noch mit Holzzäunen gesichert und stabilisiert werden. „Für die Erde an sieben Bäumen hat die Saugbagger-Truppe gut vier Wo­chen gebraucht“, beobachtete Koppe. Tags darauf ging er die Straße hoch und runter, zählte – und kam auf 35 Bäume.

Ob der aufwendige Einsatz des Spezialgeräts be­reits Bestandtteil der Straßenerneuerungskalkulation ist, weiß so richtig niemand. Bislang beruhen alle Berechnungen auf einer drei Jahre alten Schätzung. Danach sollte die Sanierung der Springer Straße 930 .000 Euro kosten. Der Baukostenindex ist allerdings in der Zwischenzeit um mehr als sechs Prozent gestiegen.

„Eigentlich ist das rausgeworfenes Geld“, findet Koeppe, „im Grunde war die Straße ganz in Ordnung – bis auf eine geflickte Stelle.“ Weil die Anwohner die Sanierung mittragen müssen, hatte  auch Bernd Zentgraf vom Steuerzahlerbund Niedersachsen die Beschränkung der Arbeiten auf das Unumgängliche gefordert. Die Anmietung eines Saugbaggers zählt der Experte gewiss nicht dazu.

Eine absurde Vorgeschichte

Eigentlich standen in Ober­ricklingen nur fünf Straßen auf der Sanierungsliste. Doch dann stieß die CDU mit einem Antrag im Stadtbezirksrat an, dass die Springer Straße mit untersucht wurde. Gerüchten zufolge hatte die CDU damit SPD und Grüne ärgern wollen. Besagte Straße ist schließlich eine fast schon prominente Adresse. Hier wohnt Bezirksbürgermeister Andreas Markurth (SPD), hier wohnen auch die Erste Stadträtin Sabine Tegtmeyer-Dette und deren Mann Michael Dette, der stellvertretende Bezirksbürgermeister.

Für den CDU-Antrag maßgeblich mitverantwortlich war Christian Weske, da­mals Fraktionsvorsitzender im Bezirksrat, heute Geschäftsführer der Infrastrukturgesellschaft Region Hannover (Infra). Als darüber entscheiden wurde, stimmte die CDU übrigens dem eigenen Antrag nicht zu. An die Hintergründe kann sich Weske heute nicht mehr erinnern. Rot-Grün verließ sich auf die Meinung der Stadt-Bauexperten, die nach Begutachtung Sanierungsbedarf feststellten. Es gebe Straßen, die dringender einer Erneuerung be­dürften, war schon früh der Eindruck bei Bernhard Zentgraf vom Bund der Steuerzahler: „Entscheiden sollte man sachlich nach Kriterien, nicht wegen Scharmützeln“ lautete sein Appell.

Viele Fragen - keine Antworten

Nach Baustellenbesichtigung sowie Gesprächen mit Anwohnern und Kioskbetreiber Jürgen Koeppe hatte die NP viele Fragen an die Verwaltung. Doch die mittags vorgebrachte Bitte um Stellungnahme ist unerfüllt ge­blieben.
Wegen einer Besprechung und der „dringlichen Beantwortung einer Rats­anfrage“ sei Auskunft erst heute möglich, so eine Sprecherin.

Die NP wollte wissen, aus welchem Grund die Straße nicht abschnittsweise saniert wird, ob mit einem Ende der Bauarbeiten noch in diesem Jahr zu rechnen ist und warum eine bessere Beschilderung der Baustelle fehlt. Außerdem, ob die Stadt keinen eigenen Saugbagger besitzt und ob der Preis für eine Anmietung (aus Hamburg?) bei der Kostenkalkulation be­rücksichtigt wurde. Kein allzu komplizierter Fragenkatalog. Und  Rats­anfragen gehen schon Tage, wenn nicht Wochen zuvor durch die Fraktionen ein. „Dringlich“ kann deren Be­antwortung kaum gewesen sein.

Von Vera König


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