Navigation:
Hannover Kalter-Krieg-Bunker, Reportage, Torstensohnstr  (Foto: Rainer Droese)

© Rainer Droese

|
Reportage

Hannover: Zu Besuch im Atombunker

Anfang des Jahres hat der Wennigser Verein "Vorbei e.V." von der Stadt einen Bunker in Ricklingen übernommen, um daraus ein Museum zu machen. Ein Projekt, das tief beeindruckt.

Hannover. Wie gut, dass es nie zum atomaren Ernstfall gekommen ist. Dicht an dicht hätten sich 2400 Menschen in den Bunker an der Torstenssonstraße gedrängt. Zwei Drittel von ihnen sitzend, ein Drittel liegend. Geschlafen wird im Schichtbetrieb. Und doch hätten sie es besser gehabt als viele andere Hannoveraner. Denn der Betonkoloss in Ricklingen ist vom Bund besonders aufwändig umgebaut worden, um einem atomaren, chemischen oder biologischen Angriff der Sowjets standzuhalten.

„Dieser Bunker ist absolut einzigartig“, schwärmt Lars Knauer (45) vom Verein „Vorbei e.V.“, der das Gebäude Anfang des Jahres offiziell von der Stadt übernommen hat und daraus ein Museum machen will. Nur zwei Bunker in Hannover seien nach so einem hohen Standard für viele Millionen Euro in den 1960er Jahren umgebaut worden. „Bald hat man aber gemerkt, dass dieses Instandsetzungsprogramm viel zu teuer ist. In den 1970er Jahren war die Ausstattung dann deutlich einfacher“, sagt Knauer.

Welcher Aufwand betrieben wurde, um die Insassen des Bunkers in Ricklingen vor einem Angriff zu schützen, zeigt sich schon beim Betreten des Bauwerks. An das in der Endphase des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1944 errichtete Gebäude wurden vier Eingangsschleusen angebaut, die absolut luftdicht verschlossen werden können. „Im Inneren herrschte immer Überdruck, damit keine gefährlichen Stoffe in den Bunker eindringen konnten“, erklärt Knauer. Deshalb durfte auch immer nur eines von jeweils zwei Schleusentoren geöffnet sein.

Wer den Bunker betrat, wurde über eine spezielle Matte gezählt. Der Bunkerwart konnte so genau feststellen, wie viele Personen sich in dem Gebäude befanden und Überfüllung vermeiden.

Bis zu 14 Tage lang hätten die Insassen des Bunkers dank Luftfilter, Wasseraufbereitungsanlagen mit eigenen Brunnen und dieselbetriebenem Notstromaggregat komplett abgeschottet von der Außenwelt ausharren können. Und das Beste ist: Ein Großteil der Technik im Bunker funktioniert noch heute. „Den Rest wollen wir wieder in Stand setzen. Einer der beiden Dieselmotoren ist zum Beispiel nicht defekt. Da sind nur ein paar Kleinigkeiten notwendig, um ihn wieder ans Laufen zu bringen“, sagt Knauer, der versichert, dass „alles absolut originalgetreu bleiben soll“.

Denn genau das ist es, was das Museumsprojekt in der Torstenssonstraße so spannend macht. Ein Besuch in dem Bunker ist wie eine Zeitreise in die 1960er Jahre, in die Hochphase des Kalten Krieges. In den Lagerräumen im Erdgeschoss finden sich zahlreiche Schätze wie alte Gasmasken und Verbandszeug. Aber auch riesige Mengen von Dingen des alltäglichen Bedarfs. Rosa Töpfchen für die Mädchen und blaue für Jungen stehen da. Pappkartons mit tausenden originalverpackten Damenbinden, Nuckelflaschen, Bürsten, alte Nivea-Dosen und Mülltonnen, an denen noch der Lieferschein aus dem Jahr 1968 hängt. Und schweres Werkzeug wie Brecheisen und Spitzhacken - für den Fall, dass die Bunkereingänge verschüttet worden wären.

Auch das Essbesteck, das im ersten Obergeschoss nahe der Küche gelagert wurde, gibt einen Einblick, wie das Leben im Bunker im Ernstfall ausgesehen hätte. Schüsseln, tiefe Teller und Löffel gibt es da - aber keine Messer und Gabeln. „Offensichtlich hätte es dann nur Suppe oder Eintopf gegeben“, vermutet Knauer.

Er und seine Mitstreiter wollen soviel wie möglich über die Geschichte des Bunkers herausfinden und darüber wie dieser im Falle eines Angriffs funktioniert hätte. „Wir sind in Kontakt mit den Leuten von der Feuerwehr“, sagt Knauer. Diese war zuletzt für den Erhalt des Gebäudes zuständig, bis dieses durch den Bund aus der Zivilschutzbindung entlassen wurde.

Noch haben die Mitglieder des Vereins „Vorbei e.V.“ einiges an Arbeit vor sich. Für die Zukunft sind aber regelmäßige Besichtigungstermine in dem Relikt aus dem Kalten Krieg geplant - allerdings nur mit Begleitung.

„Wir können das Gebäude nicht wie ein normales Museum öffnen, wo jeder herumlaufen kann, wie er möchte“, sagt Knauer. Das sei nicht nur zu gefährlich, sondern es bestehe auch das Risiko, dass wertvolle Stücke aus den Räumen und dem Lager verschwinden könnten. „Wir wollen ja ganz bewusst nichts hinter Glas packen, sondern alles so zeigen, wie es damals wirklich war“, sagt der Bunker-Experte.


Anzeige
Bildergalerien Alle Galerien
Was ist Ihre Wunschkoalition für Niedersachsen?

City Click

"Märchenhafte Stimmung über dem Tiergarten" - so betitelte NP-Leserin Catharina Cordes ihr Foto. In der Tat: Ein märchenhaftes Bild.

zur Galerie

Schicken Sie uns Ihren City Click!

Haben Sie ein tolles Motiv fotografiert? Die Redaktion wählt mehrmals pro Woche die schönsten Leserfotos aus und veröffentlicht sie in der City Click Galerie.

Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok