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Meine Stadt Hannover: Wie Gaffer Retter behindern
Hannover Meine Stadt Hannover: Wie Gaffer Retter behindern
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10:50 08.11.2018
Rettungssanitäter Frederic Kanz (23) und Fabian Deiters (36). Quelle: Dröse
Hannover

Eine ältere Frau stirbt bei einem Verkehrsunfall in der Calenberger Neustadt. Ein verzweifelter Mann steht auf einem hohen Gebäude in der City, um mit einem Sprung möglicherweise seinem Leben ein Ende zu setzen. Und was machen andere Menschen? Gaffen und grölen, filmen und fotografieren, wollen Blut sehen – Ereignisse wie am Dienstag in der Calenberger Neustadt und am Sonnabend am Kröpcke sind alltäglich. Und dennoch aufwühlend. Viele fragen sich: Was tun gegen diese asoziale Verrohung?

Nur fast daran gewöhnt hat sich Rettungsanitäter Frederic Kanz (23) vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der zum Unfall in der Calenberger Neustadt gerufen worden war. „Selbst die zeitgleich mit uns eintreffende Polizei hatte Probleme, sich um die verunglückte Person zu kümmern, weil die Gaffer schon darum herum standen“, berichtet er der NP. Nachdem der Notarzt den Tod der Fußgängerin festgestellt hatte, „waren wir vor allem damit beschäftigt, mit Decken und Laken einen Sichtschutz aufzubauen“. Gaffer ignorierten die Absperrbänder der Polizei, „die sind fast unter den Lkw gekrochen, um noch Bilder von der Toten zu machen“. Für Kanz ist eines klar: „Es ist keine Frage, ob, sondern wann ein Mensch deswegen stirbt, weil Gaffer die Retter behindern.“

Eltern nehmen ihre Kinder auf die Schultern

Das bestätigt Friederikenstift-Oberarzt Dirk Hahne, der am Samstagabend als Notfallmediziner am Kröpcke war, als der offenbar lebensmüde junge Mann vom Europahaus springen wollte. „Eine Unmenge von Gaffern war da, darunter Eltern, die ihre Kinder auf die Schultern nahmen, damit die besser sehen konnten.“ Die Polizei habe immer großflächiger abgesperrt, um den Mob unter Kontrolle zu bekommen, „die Leute sind bei H&M hoch, um von dort aus besser filmen zu können“. Gleich mehrere Schaulustige hätten den verzweifelten Mann auf dem Dach grölend aufgefordert „zu springen“. Retter der Freiwilligen und der Berufsfeuerwehr sowie Polizeibeamte hätten versucht, der Lage Herr zu werden, die Großfahrzeuge der Feuerwehr sollten Sichtschutz geben, was auch vielen nicht passte. „Eine Polizistin, die filmende Personen ermahnte, wurde als Nazi-Braut tituliert“, sagt Hahne.

Rettungssanitäter Frederic Kanz (23, links) und Fabian Deiters (36). Quelle: Rainer_Droese

Was in den Leuten vorgeht, kann sich Dirk Hahne auch nach 30 Jahren Rettungseinsätzen nicht erklären. „Was passiert denn, wenn die Kinder auf den Schultern sitzen und dann springt wirklich einer? Das will man doch eigentlich seinen Kindern nicht antun und das will man doch selbst nicht sehen.“

Hahnes Kollege Sven Wolf, Leiter der Diakovere Notaufnahme, der ebenfalls noch mehrfach monatlich Rettungseinsätze fährt, „machen diese Ereignisse am Kröpcke und der Humboldtstraße fassungslos“, obwohl auch er solche Situationen kennt. „Es fängt damit an, dass man in einer Rettungssituation angehupt wird, weil man nicht regulär parkt“, berichtet er vom Egoismus der Mitbürger. „Und endet damit, dass die Leute sich hintenrum anschleichen, um ins Innere des Rettungswagen filmen zu können.“ ASB-Rettungssanitäter Kanz nerven „die gierigen Blicke der Gaffer“. Es komme aber auch vor, dass Sanitäter und Ärzte verbal und sogar körperlich angegriffen werden.

„Von Pietät keine Spur mehr“

„Früher waren es nur Schaulustige am Rande, heute wird am liebsten mittendrin fotografiert und gefilmt und anschließend voyeuristisch im Internet verbreitet – von Pietät keine Spur mehr“, klagt Thorsten Ernst, Bereichsleiter der Johanniter. Und er meint: „So ein unsägliches Verhalten darf nicht nur mit einem Knöllchen geahndet werden.“ Ein sensibles Thema, denn wer soll für Strafen in solchen Augenblicken sorgen? Sven Wolf: „Natürlich wäre es toll, wenn die Polizei einschreiten könnte, aber die haben oft nur Kapazitäten, uns zu helfen. Wir brauchen die Polizisten ja für die Arbeit vor Ort.“

Von Petra Rückerl

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