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Meine Stadt Hannover: Wenn die Pflege zur Belastung wird
Hannover Meine Stadt Hannover: Wenn die Pflege zur Belastung wird
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00:22 15.08.2015
MITEINANDER: Künftig kümmert sich Rebekka Lange nur noch um ihre Schwiegeroma Ortrud Bauer. Und die ist froh, die 26-Jährige beim Spaziergang an ihrer Seite zu haben. Quelle: Behrens
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Hannover

Wenn man sie zusammen spazieren gehen sieht, dann merkt man sofort, dass Rebekka Lange (26) auch gut mit alten Leutchen kann. Etwa mit Ortrud Bauer (84), ihrer Schwiegeroma. Die ist körperlich sehr fit, geistig trotz ihrer Demenz noch und immer wieder wach - und vor allem witzig. Die beiden Frauen lachen, erzählen, knuddeln sich auch mal, und man weiß, da ist so ein alter Mensch in den besten Händen. Auch wenn es hier „nur“ beim Spaziergang ist, denn Ortrud Bauer ist im Alten- und Pflegeheim im Zoo-Viertel ebenfalls gut behütet.

Eigentlich wären es noch mehr alte und auch junge pflegebedürftige Menschen, um die Rebekka Lange sich kümmern könnte - neun Jahre tat sie genau dies. Doch sie kann nicht mehr. Und daran sind nicht die Pflegebedürftigen schuld. Es ist das System der Pflege, dieses „an allen Ecken und Enden sparen“, wie Lange in ihrem „Abschied an die Pflege“ in ihrem Facebook-Account schreibt. Ein System, das aus alten Menschen Kostenstellen macht - und jene, die in diesem System mit Engagement arbeiten, in die Verzweiflung treibt.

Rebekka Lange wusste schon früh, dass sie in den Pflegebereich gehen wollte. „Wir haben meine Großeltern bei uns daheim gepflegt“, erzählt die gebürtige Soltauerin, „mir hat es gefallen, dass man Menschen begleiten kann, auch wenn sie wirklich krank sind.“ Der Opa starb an Krebs, die Oma bekam einen Schlaganfall und wurde dement: „Natürlich war das für meine Familie eine Belastung, aber es war auch schön, sie bis zu ihrem Tod bei uns zu haben.“

Mit 17 Jahren macht Rebekka Lange ein fast einjähriges - unentgeltliches - Praktikum im Klinikum Soltau. Die Arbeit bestärkt sie in ihrem Willen, aus der Berufung einen Beruf zu machen. Sie bewirbt sich in einem hannoverschen Krankenhaus und bekommt einen Ausbildungsplatz als Gesundheits- und Krankenpflegerin - „früher hieß das Krankenschwester“. Drei Jahre auf verschiedenen Stationen, drei Jahre Essen und Getränke reichen, füttern, Patienten richtig lagern, Spritzen setzen, Ärzten assistieren, Verbände wechseln, Erbrochenes wegwischen. „Man denkt daran, wie schlecht es dem Menschen geht, der gerade sein Bett vollgebrochen hat, und dann macht man das eben weg“, sagt sie zur Frage, ob der Job nicht auch ekelt.

Es sind andere Dinge, die belasten: Am Anfang kann die Lernende sich noch Zeit lassen, „man musste ja nicht so viel dokumentieren“. Doch je mehr Verantwortung die Krankenschwester erhält, desto weniger Zeit bleibt: „Zum Ende der Lehrzeit waren wir im Spätdienst auch mal zu zweit auf Station, da war der Zeitdruck immens.“

Das ist erst der Anfang: Nach der Ausbildung geht Rebekka Lange in die ambulante Pflege - „doch nach einem Jahr war ich völlig fertig. Mir ging es total schlecht, ich hatte sogar Angstattacken und konnte nicht mehr schlafen.“ Der Zwang, die Patienten in vorgeschriebener Zeit zu versorgen, frisst an ihr. Dazu kommen Rufbereitschaft und Wochenend- und Feiertagsarbeit. Und immer wieder die erwartungsfrohen und auch traurigen Menschen, die man in kürzester Zeit abfertigen soll: „Da hat man genau fünf Minuten, um greisen Patienten Kompressionsstrümpfe anzuziehen. Egal, ob es drei Minuten dauert, überhaupt in ihre Wohnung zu kommen, weil die alten Leutchen nicht sofort aufmachen. Dann sind es eben nur noch zwei Minuten.“ Und wenn die Menschen froh sind, dass jemand kommt, und sie einfach mal erzählen wollen? „Dann muss man das notfalls machen, während man sie abduscht.“

Rebekka Lange bleibt trotz allem immer wieder länger: „Viele Patienten verstehen das nicht, dass man nach drei Minuten wieder weg muss. Wie auch?“ Lange zieht nach einem Jahr die Handbremse. Ihr Hausarzt sieht den drohenden Burn-out, schreibt sie krank, rät ihr, sich etwas anderes zu suchen: „Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, mein Abitur auf dem Abendgymnasium nachzuholen und anschließend zu studieren.“ Sie heuert in Teilzeit bei einem anderen, viel kleineren Pflegedienst an, der ihr ermöglicht, abends die Schulbank zu drücken. Mit Erfolg. Rebekka Lange hält ihr Abi in den Händen und erhält einen Studienplatz in Hannover. Und sie nimmt sich Zeit, sich von ihrem Beruf zu verabschieden. Denn bei allem Stress war er vor allem eines: Berufung!

Noch mehr am Freitag in der NP!

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