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Tradition trifft neue Realität: Geflüchtete in Kleingartenkolonien unterbringen? Warum nicht, finden einige Studenten. Nur durch Zusammenleben gelänge Integration.

Tradition trifft neue Realität: Geflüchtete in Kleingartenkolonien unterbringen? Warum nicht, finden einige Studenten. Nur durch Zusammenleben gelänge Integration.
© Fotos: „Welcome“

Fakultäten-Serie

Hannover: Warum Geflüchtete auch mal in Kleingartenkolonien untergebracht werden sollten

An der Fakultät für Architektur haben sich Menschen Gedanken darüber gemacht, wie Geflüchtete wirklich integriert werden können – mit teils ausgefallenen Ergebnisse. Und weil sie bemerkten, dass Wohnungsnot kein kleines Problem ist, das für alle Bevölkerungsgruppen weitergedacht. Jetzt müsste nur noch die Politik Wort halten...

Hannover. Mehr als 28 000 Studenten, 326 Professoren und neun Fakultäten – Hannover ist Universitätsstadt. In einer Serie stellt NP-Redakteur Sebastian Scherer verschiedene Institute vor. Und lässt die Professoren erklären, wie ihre Forschung die Welt ein Stückchen besser machen soll. In Folge 8 besucht Sebastian Scherer die Fakultät für Architektur und Landschaft.

Kleingartenkolonien wären eine Option, Viel Platz ist vorhanden, und irgendwie fänden sich hier und da sicher ein paar Quadratemeter für eine Hütte. „Da könnte man problemlos ein paar Geflüchtete unterbringen“, sagt Valentina Forsch. Sie ist eine der Herausgeberinnen des Buches „Wohnen – Migration als Impuls für die Kooperative Stadt“, das unter der Leitung des Professors und Architekten Jörg Friedrich entstanden ist.

Das Buch ist die Fortsetzung von „Welcome – Konzepte für eine menschenwürdige Architektur“, das 2015 erschien. Damals waren die Studierenden in einer Forschungsarbeit von der Fakultät für Architektur an der Leibniz Universität in Hannover aufgefordert, in bestehende Räume Flüchtlingsunterkünfte hineinzudenken .

„Das war eine Reaktion auf den Flüchtlingszustrom, der auch unseren Oberbürgermeister vor für ihn in dem Moment nicht leicht zu beantwortende Fragen stellte. Etwa: Wohin mit den vielen Menschen in so kurzer Zeit“, sagt Friedrich. „Wir, Lehrende und Studierende, haben uns zusammengesetzt und gefragt: Was können Architekten zur Lösung des Wohnungsproblem für Flüchtlinge beitragen? „

Dabei entstand zum Beispiel die Kleingarten-Idee von Forsch, aber es gab auch viele andere Ansätze: Aufbauten auf Parkhäuser und Universitäts-Gebäude, Hausboote, leicht hochzuziehende „Auffüllhäuser“ für Lücken in Wohngebieten. „Es geht uns bei unseren Lösungen auch darum, Integration durch Verflechtung baulich zu ermöglichen, wir wollen keine abgeschnittenen Siedlungen schaffen, das funktioniert jedoch nur bei einer vernünftigen Durchmischung“, erklärt Friedrich. Die Neubürger am Stadtrand parken? „So wird das nichts.“ Tatsächlich wirkten abgeschlossene Siedlungen irgendwo außerhalb eher bedrohlich auf die Menschen“, sagt auch Simon Takasaki, Mitherausgeber des Buch.

Mit der Zeit bemerkten die Forschenden, dass es in Hannover und Deutschland nicht nur ein Flüchtlingswohnproblem, sondern ein generelles Wohnproblem gebe: „Geringverdiener, Studenten, Singles - alle suchen günstigen Wohnraum, finden ihn aber nicht, weil die Projekte nicht für sie ausgelegt sind oder zu lange dauern“, so Friedrich. Deswegen wurde das Buchdebüt „Welcome“ eben mit „Wohnen“ fortgesetzt.

Eigentlich müssten die Ideen – manche sind auf den ersten Blick abenteuerlich, manche dafür schon fast zu naheliegend - riesigen Anklang in der Politik finden, Wohnungsnot ist fortwährend Wahlkampfthema. „Wir werden ständig zu öffentlichen Veranstaltungen eingeladen und bekommen Riesenbeifall für unsere Architekturkonzepte für einfachstes Wohnen in der Stadt, aber letztlich passiert viel zu wenig. Hier besteht die größte Herausforderung für Politik und Verwaltung, um Investitionen in Architektur zum einfachen Wohnen richtig zu lenken.“

Die Studenten könnten offensichtlich die Wohnideen, die aus den Flüchtlingsunterbringungskonzepten erwachsen sind, sehr viel besser nachvollziehen als die derzeit agierende politischen Entscheider: „Genau wie die Geflüchteten kommen Studenten meist neu in einer Stadt an und brauchen erstmal eine Unterkunft, in der sie vernünftig leben können“, sagt Peter Haslinger, der das Buch mitherausgegeben hat.

Und die könne überall sein. Im Hamburger Stadtteil Harvesterhude, bekannt für die hohe Dichte an wohlhabenden Bewohnern, sei lange hart gegen eine neue Flüchtlingsunterkunft gekämpft worden. „Nun ist das zur Flüchtlingsunterkunft umgebaute ehemalige , seit Jahren leerstehende Kreiswehrersatzamt in Toplage an der Alster die beliebteste Adresse für die wohlhabenden Nachbarn geworden“ , so Architekturprofessor Jörg Friedrich, „ weil sie erkannt haben, wie leicht und befriedigend es sein kann, einfach nur den in Deutschland angekommenen Menschen zu helfen, wie es Nachbarn halt tun. Auch so kann Integration in der Stadt beginnen, schneller und besser als durch Abschiebung der Fremden in die Peripherie der Städte . Man muss dies nur wollen und entsprechend handeln dürfen.“ Passende, bezahlbare und menschenwürdige Architekturkonzepte sind bereits vorhanden. Sie brauchen nur noch umgesetzt zu werden.

Von Sebastian Scherer

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